Berlinale Review
Das Programm der Berlinale lässt sich auf der Webseite mithilfe verschiedener Filter durchsuchen, einer davon bietet die Möglichkeit, die Filme nach ‚Interesse‘ zu sortieren. Hier werden Tags vorgeschlagen, neben eher formalen Kategorien wie ‚Serie‘ ‚Dokumentarische Form‘, ‚Kurzfilme‘ und ‚Animation‘ auch Schlagworte wie ‚Queer‘, ‚Love Stories’, ‚Krieg und Vertreibung‘ oder ‚Furchtlose Frauen‘. Letzterem Eintrag sind 69 Filme zugeordnet und damit mehr, als selbst die motivierteste Kinogängerin an den intensivsten Festival-Tagen während der gesamten Berlinale sehen könnte. Die thematische Setzung auf Filme von und über Frauen scheint das diesjährige Festival, zum zweiten Mal unter der Leitung von Tricia Tuttle, besonders zu prägen, schaut man sich nur einige der Filme an herausgehobenen Positionen im Programm an. Der Eröffnungsfilm NO GOOD MEN (DE/FR/NO/DK/AF 2026) der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat stellt Naru, eine in Trennung lebende, selbstbewusste junge Kamerafrau eines Kabuler Fernsehsenders ins Zentrum, die sich in ihren Kollegen verliebt, bevor die Taliban die Macht im Land übernehmen. Die Sektion Panorama wurde mit ONLY REBELS WIN (FR/LB/QA 2026) von Danielle Arbid, einer libanesisch-französischen Filmemacherin, eröffnet. Der Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen der von Hiam Abbass gespielten Suzanne und dem deutlich jüngeren Osmane, der aus dem Sudan nach Beirut geflohen ist. Und der erste Wettbewerbsbeitrag im Programm ist À VOIX BASSE (IN A WHISPER, FR/TN 2026) der tunesischen Regisseurin Leyla Bouzid, der die in Frankreich lebende Lilia begleitet, die in ihre Heimat Tunesien zurückkehrt und dort mit der Geheimhaltung der Homosexualität ihres verstorbenen Onkels konfrontiert wird.
NO GOOD MEN spielt 2021, vor dem Abzug der amerikanischen und deutschen Truppen aus Afghanistan und der Machtübernahme der Taliban. Regisseurin und Autorin Shahrbanoo Sadat, die selbst nach Deutschland geflohen ist, spielt die Hauptrolle Naru. Sie hat ebenfalls beim Fernsehen in Kabul gearbeitet und ähnliche Erfahrungen wie ihre Figur gemacht.1 Zu Beginn des Films ist Naru Kamerafrau für eine Call-In-Sendung, in der einer Anruferin geraten wird, dass sie mehr Make-up tragen solle, um ihrem Mann zu gefallen. Denn Frauen seien wie eine Blume und wenn sie mit dem Alter ihre Blüten verlören, müsse sie auf diese Weise nachhelfen. Auch wenn diesem geradezu haarsträubend sexistischen Rat nicht widersprochen wird, so findet sich der filmische Kommentar bereits in der kraftvollen Eröffnungssequenz, in der das Aufblühen von Kakteen geradezu explosionsartig im Zeitraffer gezeigt wird. Blumen – ebenso wie Frauen, wenn man den zweifelhaften Vergleich fortführen möchte – sind mehr als hübsche Dekoration, sie haben Dornen und Charakter.
Naru sieht eine Chance dieser sie langweilenden Arbeit zu entkommen, als der angesehene Reporter Qodrat für ein wichtiges Interview ohne seinen Kameramann dasteht. Nach anfänglichem Widerwillen arbeiten die beiden zusammen und kommen sich dabei näher – ganz dem Schema der romantischen Komödie folgend, auch wenn der Film den Genrespielregeln nicht durchgängig folgt. Vor allem zum Ende bricht der Film damit, indem er die aus den Nachrichten bekannten Bilder aufruft, in denen Menschen sich vor den Flughafenmauern in Kabul versammeln, um aus dem Land geflogen zu werden und der Gefahr durch die Machtübernahme der Taliban zu entkommen. Zum Ende ist der Film damit durchaus als Kommentar zu deutscher und US-amerikanischer Politik zu verstehen. Es wäre zynisch, darin eine Parallele zu den romantischen Flughafen-Szenen zu ziehen, in denen sich das verliebte Paar endlich seine Liebe gesteht. Und doch befindet sich Naru am Ende des Films am Kabuler Flughafen, hofft jedoch nicht auf eine mögliche Liebesbeziehung sondern darauf, das Land verlassen und in Sicherheit leben zu können.
Die Stärke des Films liegt vor allem in den humorvollen, leichten und doch tiefgehenden Gesprächen, die die afghanischen Frauen untereinander führen. In einer zentralen Szene erhält Naru die Aufgabe, eine Straßenumfrage zum Valentinstag zu drehen. Zunächst scheint sie (wie von ihrem Auftraggeber wohl durchaus beabsichtigt) daran zu scheitern, weil keine Männer mit ihr vor der Kamera sprechen möchten. Als sie schließlich Frauen anspricht, erhält sie ehrliche und offene Antworten darüber, wie normal es zu sein scheint, dass ihre Ehen nicht auf Liebe beruhen, die Ehemänner ihre Frauen schlecht behandeln oder sogar schlagen. Naru selbst will sich von ihrem unreifen und kontrollierenden Mann trennen, hat jedoch Angst, dadurch ihren Sohn zu verlieren. In einem weiteren Gespräch, das Naru mit Freundinnen führt, wird deutlich, dass es sich bei all dem nicht um individuelle Probleme, sondern vielmehr um gesellschaftliche Fragen handelt. Der Film zeigt Männer, die ihre unbeschwerte Kindheit vermissen und sich an Formen von Maskulinität versuchen, die im Alltag eine Gefahr für alle darstellen. Ja, die Männer des Landes seien traumatisiert, heißt es in einem dieser Gespräche unter Freundinnen – aber was sei mit den Frauen? Sie lachen, sprechen über ihr Zusammenleben mit Männern, sind solidarisch untereinander und versuchen ihren eigenen Weg zu gehen.
In ONLY REBELS WIN verliebt sich die von Hiam Abbass gespielte Suzanne, eine Witwe mit zwei erwachsenen Kindern und palästinensischen Wurzeln, in den aus dem Sudan geflüchteten Osmane. Sie schreitet ein, als er rassistisch angegriffen wird, versorgt seine Verletzungen in ihrer Wohnung und lädt ihn zum gemeinsamen Essen ein. Zaghaft gestehen sich die beiden nach und nach ihre Zuneigung ein und nähern sich einander an, doch stoßen sie dabei auch auf Widrigkeiten. Die Nachbarn rufen unter einem Vorwand die Polizei oder beschweren sich beim Vermieter, Suzannes Kinder versuchen die Beziehung zu verhindern und auch ihre Kolleginnen erheben Einwände. Doch das ungleiche Paar baut sich ein eigenes, gemeinsames Leben auf und findet Freund*innen in einer queeren, migrantischen Gruppe, die ebenso von der Gesellschaft verstoßen scheint. Sie müssen nicht nur gegen äußere Widerstände kämpfen, sondern ihre eigenen Gegensätze, wie das Alter, den religiösen Glauben oder die Hautfarbe überwinden. Der Vergleich zu ANGST ESSEN SEELE AUF (BRD 1974) von Rainer Werner Fassbinder liegt nahe, in dem eine deutsche Witwe und ein jüngerer Gastarbeiter aus Nordafrika heiraten und gegen Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung zu kämpfen haben.
Subtil erzählt der Film auch von der Gleichzeitigkeit verschiedener Lebensentwürfe. Osmane ist aus dem Sudan in den Libanon geflohen, doch spielt er mit dem Gedanken seine Flucht nach Europa fortzusetzen. Er lebt in Beirut im Zwiespalt, nicht auf Dauer an diesem Ort zu bleiben und dem Wunsch, dort trotzdem ein Leben aufbauen zu wollen. So überlegen Suzanne und Osmane zu heiraten, versuchen es in verschiedenen Kirchen und werden immer wieder abgelehnt, bis sie schließlich eine private Zeremonie im Freundeskreis abhalten. Suzanne, die einer möglichen Beziehung mit dem deutlich jüngeren Osmane anfangs zögerlich und schüchtern begegnet – was herrliche kleine Momente ergibt, in denen wir Hiam Abbass verliebt kichern sehen – wird sich immer klarer darüber, für diese Beziehung gegen alle Widrigkeiten einzutreten. Dennoch versteht sie, dass sie Osmane womöglich loslassen muss.
Wegen der israelischen Bombardierung des Libanons konnte nicht vor Ort gedreht werden. Stattdessen verwendet Regisseurin Danielle Arbid das Verfahren der Rückprojektion, um die Stadt Beirut in einem Pariser Studio entstehen zu lassen. Ein Kamerateam hat in Beirut leere Sets gefilmt, die später im Pariser Studio auf Leinwände projiziert werden und als Kulissen dienen. Statt mit modernen, digitalen Technologien wie Green Screen und CGI zu arbeiten, entschied sich die Regisseurin für ein Verfahren, das vor allem aus dem klassischen Hollywoodkino der 1930 und -40er Jahre bekannt ist. Dies bewirkt einen künstlerischen, bühnenhaften Charakter, der den Szenen einen fast schon traumhaften Effekt verleiht. So zeigt der Film die Straßen, Häuserfronten und auch Innenräume aus Beirut, mit denen die Regisseurin zugleich versucht, die Stadt selbst zu bewahren und eine filmische Liebeserklärung zu verfassen. Zugleich übertragen sich damit aktuelle Geschehnisse, die sich auf die Filmproduktion auswirken, in die filmischen Ästhetiken und lassen geradezu sehnsuchtsvolle Bilder entstehen. Wie sehr sich die weltpolitische Lage auf die Filme der diesjährigen Berlinale auswirkt, zeigt sich auch in weiteren filmischen Inszenierungen von Städten: auch das Kabul aus NO GOOD MEN ist in Deutschland gefilmt worden. Noch deutlicher wird dies in GELBE BRIEFE (DE/FR/TR 2026) von İlker Çatak, der mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Auch hier wurde in Deutschland statt in der Türkei gedreht, was der Film sich zum Stilmittel macht, wenn Berlin als Ankara einsteht und Hamburg zur Kulisse für Istanbul wird.
À VOIX BASSE der tunesischen Regisseurin Leyla Bouzid bringt ein starkes weibliches Ensemble zusammen. Die junge Lilia, die mit ihrer Lebenspartnerin in Paris lebt, diese Beziehung jedoch vor ihrer Familie geheim hält, kehrt für die Beerdigung ihres Onkels Daly nach Sousse, eine Küstenstadt in Tunesien zurück. Den Kern der Familie bilden dort vor allem ihre Mutter (wieder gespielt von Hiam Abbass), ihre Tante und die liebevoll-strenge Großmutter. Schnell wird klar, dass Daly als schwuler Mann seine Homosexualität geheim halten musste und womöglich sogar dafür getötet wurde. Doch der Film folgt weniger dem möglichen Kriminalfall und befragt anhand dieser Figuren vielmehr die Dynamiken innerhalb der Familie vor dem Hintergrund der tunesischen Gesellschaft, in der Homosexualität gesetzlich verboten und tabuisiert ist.
Angekommen in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, begegnen Lilia immer wieder Erinnerungen an ihre eigene Kindheit und an Momente zwischen ihrem Onkel und ihrer Familie. Ihre eigene Identität, die sie jahrelang verschwiegen hat, und der Wunsch ihre Beziehung mit ihrer Familie teilen zu können wird parallel zu der Geschichte ihres Onkels erzählt. Lilia erkennt sich in Daly wieder und beginnt, die Hintergründe für seinen Tod zu erforschen. Die Familie möchte die Angelegenheit schnell hinter sich lassen und weder von der Polizei, noch von Lilia Fragen hören. Es wird klar, dass Lilias Mutter und ihre Tante über das Schwulsein des Onkels Bescheid wussten, ihn unterstützten und dazu beitrugen, seine Identität zu verheimlichen. Solange er sich den gesellschaftlichen und familiären Vorstellungen entsprechend verhielt, seine Mutter nicht damit konfrontiert wurde und solange die Wahrheit unausgesprochen blieb, konnte er seine Identität im Geheimen ausleben. Besonders deutlich wird dieser Konflikt an Lilias Mutter, die ihren Bruder dazu ermutigt hat, für sich einzustehen, gleichzeitig sein Geheimnis nach außen hin bewahrt und trotz ihrer Offenheit ihrem Bruder gegenüber mit dem Coming-Out ihrer Tochter hadert. Auf ihrer Suche nach der Geschichte ihres Onkels stößt Lilia auf nie abgeschickte Liebesbriefe, einen alten Geliebten, aber auch auf das heutige queere Nachtleben. Dies wird zwar toleriert, bedeutet aber auch, ständig in Gefahr zu schweben, verhaftet oder verprügelt zu werden. Der Film nimmt sich viel Zeit für die Beerdigungszeremonie, Besuche bei der trauernden Familie und die komplexen Beziehungen der Familienmitglieder untereinander. Hierdurch wird ein zugewandtes und liebevolles Bild gezeichnet, ohne das Schweigen zum Vorwurf zu erheben. Ebenso zeigt der Film, was es bedeutet, in diesem Umfeld queer zu sein, zwischen kleinen Momenten der Freiheit und Akzeptanz, aber auch der Schwere des Unausgesprochenen, des Geheimen und dem Drang dagegen anzukämpfen. Der Film entwirft ein komplexes Portrait der tunesischen Gesellschaft, in der Queerness existieren kann, solange die Wahrheit nicht offen ausgesprochen wird oder anerkannt werden muss.
Der Bechdel-Test ist ein bekannter und vor allem popkulturell beliebter Maßstab für die (fehlende oder sexistische) Repräsentation von Frauen im Film. Er fragt danach, ob es in einem Film mindestens zwei Frauenrollen gibt, die miteinander sprechen und sich über etwas anderes als einen Mann unterhalten. Diese Fragen greifen für die hier besprochenen Filme der diesjährigen Berlinale jedoch zu kurz. Denn auch wenn die Frauenfiguren häufig über Männer sprechen (und den Test womöglich nicht oder nur knapp bestehen), so legen sie genau damit gesellschaftliche Dynamiken frei, die weit über Fragen der Repräsentation hinausgehen. Wurde während und nach dem Festival immer wieder darüber diskutiert, wie politisch die Berlinale sein will und soll, ging es dabei viel zu oft um offizielle Statements des Festivals oder darum, Stars und Sternchen zu Kommentaren zu konkreten Konflikten oder tagespolitischen Ereignissen zu drängen, als wäre dies die einzig denkbare Möglichkeit politisch zu sein. Schade dabei ist vor allem, dass diese Debatten den Fokus von den Filmen abgelenkt haben, die auf so vielfältige Weise politisch sind und mal starke und deutliche, mal subtile Kommentare bereithalten oder die Auswirkungen der Weltpolitik in ihren Produktionsweisen und Bildern tragen.
In der Zeit schreibt Regisseurin Shahrbanoo Sadat über den Dreh ihres Films in Hamburg, ihre Arbeit in Afghanistan und ihre Flucht nach Deutschland: Sadat, Shahrbanoo/Twickel, Christoph (2026): Ich dachte: Es gibt keine andere Wahl. ZEIT Nr. 10/2026, https://www.zeit.de/2026/10/shahrbanoo-sadat-regisseurin-no-good-men-afghanistan.