Zwischen Ablass und Selbstentfremdung

Zu The War Zone (R: Tim Roth, GB 1999) und L' Humanité (R: Bruno Dumont, F 1999)
2000-12-01
aus War Zone
aus L' Humanité

Filme wie The War Zone und L' Humanité lassen den Zuschauer die moralische Lektion, die sie aussenden, erleiden. Man fragt sich, welches Bild vom Zuschauer den Filmen zugrunde liegt. Wieso diese Lektion im Kino? Was sollen die Zuschauer lernen? Wie wird man solche Bilder wieder los, die sich dermaßen einprägen? Indem man ins Multiplexkino geht? Zeitweise erinnern die Bilder an komponierte Gemälde. Aber dem Zuschauer bleibt ein lustvolles Genießen der Bilder versagt, als wäre Schaulust Sünde. Man fühlt sich wie ein Kind, das etwas angestellt hat und dem gesagt wird: "Heute kein Abendessen und sofort ins Bett".

Die Didaktik des Kinos verläuft über die Ebene des Symbolischen, aber auch die des Somatischen. Vielleicht liegt hier das Besondere. Vielleicht treten die Filme dem Zuschauer visuell und akustisch zu nahe, so, als entstehe ungewollt Körperkontakt zwischen Film und Zuschauer. Wenn die Bilder und Töne derart bedrängen, verliert sich die sichere Distanz. Bei Horrorfilmen oder im Thriller lässt man sich darauf ein, dass einen der Film schon gleich am Anfang 'kriegt' und mit Haut und Haar ins Leinwandgeschehen verwickelt. Es ist ein Spiel mit bekannten Regeln, das man spielt. In The War Zone und L`Humanité stellt sich ein Gefühl des 'Zu-nah-dran-Seins' ein, das mich eher abturnt, als stimme die Mischung nicht, als fehle ein Gegengewicht zur Bedrängnis, in die mich die Bilder versetzen. Ich verlasse das Kino oder, wenn ich bleibe wie im Fall von L' Humanité, verliere ich nachhaltig die Lust. Obwohl die Bilder überaus komponiert sind und man sich verführen lassen könnte, will sich die Lust am Zuschauen nicht einstellen, das Begehren, das sich normalerweise an Bilder richtet, die mich ansprechen.

Wohin führen uns die Filme? Zeigen sie uns die dunkle Seite des Lebens? Vielleicht - und wenn ja, in dem Sinne wie Bourdieu sie fasst? Bourdieu bringt den 5. Stand zum Sprechen, gibt den Gestrandeten und von der Gesellschaft Vergessenen eine Sprache. In den besagten Filmen wird wenig gesprochen. Die verborgene, dunkle Seite des Lebens wird hautnah dargebracht. Von der Kriegszone wird schon gar nicht gesprochen – der Zuschauer wird ihrer gewahr und von ihr bedrängt. Der Zuschauer riecht den Schweiss von Pharaon de Winters Chef (L' Humanité).

Sollen die Bilder den Zuschauer moralisch läutern? Dann wäre das Kino ein Ort der Buße. Hier treffen Kino und Kirche zusammen. Ist Schuld abzutragen, wie damals zur Reformationszeit? Kinokarte als Ablasszettel? Der Zuschauer kauft sich von seinen Sünden frei. Im Unterschied zum Ablass, der die Reformation mit heraufbeschwor, ist es mit dem Kauf des Tickets im Kino aber noch nicht getan. Die Kinokarte berechtigt zum Eintritt in den Saal und zum Sehen des Films. Indirekt ist man aber auch verpflichtet, den Film anzuschauen. Das Ritual, das die moralische Läuterung garantiert, ist erst nach dem Abspann vollzogen.

In einer Kritik stand, The War Zone erzähle die Missbrauchsgeschichte jenseits des klassischen Täter-Opfer-Schemas. Diese Struktur entspricht auch der Anlage von L' Humanité. Auch hier finden wir keinen eindeutig Schuldigen. Zumindest liegt der Fokus auch hier nicht auf der Überführung eines Täters. Man möchte meinen, es ginge weniger um die Anklage der Täter sondern darum, dem Zuschauer etwas möglichst hautnah darzubringen. Vielleicht den Zuschauer zu erschüttern. Als spielte nicht die Anklage des Täters, sondern die moralische Läuterung des Zuschauers im Kino die zentrale Rolle.

In den 40er Jahren gingen Frauen, um über die Liebe zu weinen, ins Kino. Das war während des 2. Weltkrieges und das Kino, möchte man denken, half, die Tränen, die da waren, aufzurufen – was wohl relativ einfach gewesen sein muss. Die Filme von heute zeigen uns den Krieg, führen ihn uns vor Augen, als wäre uns nur so beizubringen, dass es Schmerzen gibt und dass wir überhaupt noch leben. Insofern sind die Filme auch Symptome der Selbstentfremdung.

Sabine Nessel

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