Zeit zum Elefant-Werden

Freunde der Realität auf der Filmwoche Duisburg 2005
2006-02-01

Es gibt verschiedene Arten, sich der Wirklichkeit anzunähern, mit der Realität befreundet zu sein. Auf welche Art und Weise man sich als Filmschaffender der Realität annehmen kann, konnte man 2005 auf der 29. Duisburger Filmwoche sehen. „Freunde der Realität“ war das treffende Motto des Festivals, das sich in diesem Jahr den Elefanten als Wappentier gewählt hatte – wohl nicht wegen seiner Dickhäutigkeit, sondern wegen seines mächtig-elefantösen Gedächtnisses. Der Dokumentarfilm als Gedächtnis?

Wer bei Elefanten an alte, ergraute Gemütstiere denkt, liegt im Bezug auf die „Freunde der Realität“ jedoch falsch, denn gerade in diesem Jahr war eine deutliche Verjüngung des Publikums sowie der Filmschaffenden zu beobachten. Nicht zuletzt ist dies auch auf Neuerungen im Festivalablauf zurückzuführen wie dem zum ersten mal eingerichteten Programmfenster „Kommilitonen der Realität“, das sich speziell an Studierende und Nachwuchsdokumentaristen richtete. Im direkten Kontakt mit erfahrenen Filmschaffenden konnten Fragen der Produktion diskutiert, Know-How weitergegeben werden. Zu einer Art Generationswechsel beim Publikum beigetragen hat vielleicht auch die Spätschiene im Filmprogramm, die dieses Jahr ganz im Zeichen der Musik stand: Punks aus Russland, eine One-Man-Band aus USA und Fetzen der bundesdeutschen Punk, New Wave und Elektro-Szene rockten Duisburg auf der Leinwand.

Theoriediskurs
Bemerkenswert ist die anhaltende Attraktivität von Siegfried Kracauers Denken, das in den Diskussionen vor Ort und in den Debatten um die Filme immer wieder als Bezugspunkt dient. In diesem Jahr wurde im Theorie-Extra die Filmwissenschaftlerin Heide Schlüpmann (u.a.: Ein Detektiv des Kinos. Studien zu Siegfried Kracauers Filmtheorie. Basel, Frankfurt a. M. 1998) von dem Filmkritiker Michael Girke mit postmoderner Theorie auf die Probe gestellt. Schlüpmann und Girke diskutierten in einem inszenierten Dialog die Bedeutung von Kracauers widerständigem Denken für den Dokumentarfilm. Im Unterschied zu Autoren wie Foucault, Baudrillard und Derrida, die keinen Begriff der Erfahrung von Wirklichkeit zuließen, übersteige Film für Kracauer Theorie gerade durch sein spezifisches Verhältnis zur Wirklichkeit: Film ermögliche die Erfahrung von Realität und lasse sich darüber hinaus als eine andere Art von Theorie begreifen, welche die physische Realität selbst zum Gegenstand habe. Hier könne Theorie vom Film Realismus lernen. Gerade der Dokumentarfilm erscheint als Refugium verdrängter Realitäten.

 

Netze spinnen
In diesem Jahr war auffallend, wie unterschiedlich bestimmte Themen filmisch behandelt wurden. Zum Beispiel das Thema der Veränderung des traditionellen Arbeitsbegriffs: Der Verlust der Arbeiterklasse als historisches Subjekt gerät in Michael Glawoggers „Workingman’s Death“ zu einer ästhetischen Stilisierung als archaischem Heldenkampf in 35mm Hochglanzbildern. In Rote Tulpen (Ingeborg Jacobs) dagegen wird mit persönlicher Anteilnahme der durch Schwerindustrie (Kupferverarbeitung) ökologisch ruinierten Lebensraum von Karabasch und seine Bewohner näher gebracht. Im Unterschied dazu analysiert Houwelandt (Jörg Adolph), im Porträt des Autors John von Düffel, den medialisierten Literaturbetrieb, in dem der Schriftsteller vom Literaturarbeiter zum modernen Dienstleister mutiert.

Der Auseinandersetzung mit der Ost/Westdeutschen Vergangenheit näherten sich Katharina Bullin – und ich dachte ich wär’ die Größte (Marcus Welsch) und Mein Bruder. We’ll Meet Again (Thomas Heise) auf je unterschiedliche Arten an: Im einen Fall das offen anklagende Porträt einer Leistungssportlerin, deren Gesundheit durch das DDR-Dopingsystem ruiniert wurde. Im anderen Fall eine indirekte Suche, bei der das Eigentliche zwischen den Bildern liegt. Weisse Raben – Alptraum Tschetschenien (Tamara Trampe und Johann Feindt) und Massaker (Monika Borgmann, Lokman Slim und Hermann Theissen) führen jeweils eine Recherche über die komplexen Folgen von (Kriegs-)Gewalt und die Verstrickungen von Tätern in die Folgen ihrer eigenen Handlungen durch. Während Massaker ein spezifisches Ereignis rekonstruiert, das blutige Greuel von Sabra und Shatila, und sich bewusst dafür entscheidet, nur Täter zu Wort kommen zu lassen, die anonym in der bedrückenden Enge dunkler Räume mit verdeckten Gesichtern gefilmt werden, untersucht Weisse Raben Folgen des Tschetschenien Krieges anhand der sozialen Verwerfungen im Umfeld russischer Kriegsheimkehrer über den Mikrokosmos der Familie.

Between the Devil and the Wide Blue Sea, R: Romuald Karmakar, Deutschland, 2005, 90 Min (ARTE Dokumentarfilmpreis)

 

Zeit
Vor allem drei der diesjährigen Preisträger zeichneten sich durch einen jeweils ganz eigenen Zugang zur Zeit aus. Den Arte Dokumentarfilmpreis erhielt in diesem Jahr die Musik- und Performancedokumentation Between the Devil and the Wide Blue Sea (Romuald Karmakar), die durch geschickte Plansequenzen Erzählzeit und erzählte Zeit miteinander in eins setzt. Thomas Heises abwartende Haltung gegenüber seinen Gesprächspartnern in Mein Bruder. We’ll Meet Again (Dokumentarfilmpreis des Goethe–Instituts) übt einen offenen Umgang mit Zeit, die eine Beobachtung der Dauer zwischen den Aussagen zulässt und Zögern, das Suchen der Worte und gelegentliches Stocken nicht wegschneidet.
Der Gewinner des 3sat Dokumentarfilmpreises Weisse Raben bringt eine Qualität im Dokumentarfilm zur Geltung, die auf dem beharrlichen Beobachten über mehrere Jahre hinweg beruht. Junge Soldaten, die im Tschetschenienkrieg gekämpft haben werden immer wieder aufgesucht, um eine Entwicklung sichtbar machen zu können. Was geschieht mit Soldaten, wenn sie in die Zivilgesellschaft zurückkehren? Über die Jahre werden Dinge sichtbar, ereignen sich Veränderungen, die eben erst in der Langzeitbeobachtung hervortreten.

In seiner formalen Strenge, der radikalen Kameraarbeit und der konfrontativen Haltung, die nicht nur in den dokumentierten Konzerten beobachtet, sondern auch in der filmisch-akustischen Inszenierung auf den Filmzuschauer gerichtet wird, kann Romuald Karmakars Film Between the Devil and the Wide Blue Sea durchaus den einen oder anderen Kinobesucher verstören. In jeweils ungeschnittenen Plansequenzen werden Auftritte von Künstlern wie Alter Ego, Captain Comatose, Kobra Killer oder Tarwater dokumentiert. Die Musik hat Konzertlautstärke, die Dokumentation konzentriert sich auf den exzessiven Körper- oder Technikeinsatz der Performer. Oberflächlich zunächst eine Musikdokumentation, der in der Diskussion vor Ort sogar eine Art Clip-Charakter vorgeworfen wurde, macht der Film doch durch das Zeigen körperlicher Gesten ohne jeglichen Kommentar eine prä-diskursive Wirklichkeitserfahrung zugänglich und zeigt eine Realität unterhalb sprachlicher Fixierungen. Zugleich unterscheidet die subtile Dramaturgie Karmakars Film von einer konventionellen Musikdoku, der Spannungsaufbau und das Entstehen einer ganz bestimmten zornigen Stimmung, die allein durch die Abfolge der einzelnen Acts zu entstehen scheint.

In Mein Bruder. We’ll Meet Again besucht der Regisseur Heise seinen Bruder Andreas, der sich nach einer schweren Herzoperation in ein Dorf in den Bergen Frankreichs zurückgezogen hat. Vielleicht der letzte Besuch – den Bruder festhalten auf 35mm. Der Wunsch einer Begegnung und Annäherung, der mit dem Bewusstsein des Todes verbunden ist.
Vielleicht die letzte Chance, ein Stück gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten. Die Brüder verbindet nicht nur die Familie, sondern auch die Erfahrung der DDR, eines anderen Deutschlands, das selbst Geschichte geworden ist. Andreas wohnt bei Micha und Yvonne. Micha ist der beste Freund von Andreas – und er war der IM, der über beide Brüder für die Stasi berichtet hat. Bemerkenswert an diesem Film ist sein geduldig zurückhaltendes Vorgehen. Eine Momentaufnahme, die Zeit hat für den Alltag von Andreas und für die Menschen, mit denen er jetzt lebt. Keine journalistische Investigation, kein offener Vorwurf, sondern geduldige Beobachtung – Gespräche suchen, und die Antworten zwischen den Zeilen lesen. Die Kamera wird zum Katalysator für eine bis dahin unmögliche Auseinandersetzung.

Für Weisse Raben reisten der Kameramann Johann Feindt und die Regisseurin Tamara Trampe über mehrere Jahre immer wieder nach Russland. Niemals versuchen sie in ihrem Film, den Tschetschenienkrieg direkt ins Bild zu setzen. Tschetschenien bleibt als Ort des Krieges immer auf Distanz. Einziges direktes visuelles Zeugnis dieses Krieges ist eine Videoaufnahme aus dem Tschetschenienkrieg, die die Gefangennahme von zwei Partisaninnen zeigt. Interviews mit Kriegsveteranen, die als „Opfer“ des Krieges seelisch verstört und häufig auch körperlich verstümmelt zurückkommen, sowie vor allem mit deren Müttern werden mit diesen Aufnahmen kontrastiert. Verstörend und erschreckend ist es, wenn einer der Heimkehrer, ein junger, stiller Mann, den man über einen Zeitraum von drei Jahren stückweise kennen lernen konnte, plötzlich - Jahre nachdem er aus dem Krieg zurückgekommen ist - gewalttätig wird und ein minderjähriges Mädchen sexuell missbraucht und schwer misshandelt. In seiner Dramaturgie der Ereignisse folgt der Film einer scheinbar unvermeidlichen Logik der Eskalation. Täter sind Opfer sind Täter. Sie sind „weiße Raben“ die das Unglück des Krieges mit nach Hause bringen, in die Familien und in die russische Gesellschaft, für die der Krieg in Tschetschenien ein Tabu ist.

Mein Bruder – We’ll meet again, R: Thomas Heise, Deutschland 2005, 57 Min (Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts)Weisse Raben – Alptraum Tschetschenien, R: Johann Feindt und Tamara Trampe, Deutschland 2005, 92 Min (3sat Dokumentarfilmpreis)

 

Der Stand der Dinge
Im AG-Dok-Spezial (25 Jahre AG Dok) zur Kamerarbeit und in einem Spezial zur Montage wurden das Handwerk der Dokumentaristen, Selbstverständnis und Traditionen reflektiert. Besonders spannend war dabei die unterschiedliche Dokumentarfilm-Ästhetik in den Traditionen von Ost- und Westdeutschland, die mit Johann Feindt und Peter Badel im Kamera-Spezial diskutiert und durch Beispiele ihrer Kameraarbeit verdeutlicht wurden. Stand man im Osten eher in einer Tradition des photographischen Bildes, der strengen Kadrierung und 35mm schwarzweiß Aufnahme, versuchte der Westen in der Tradition des Cinéma Vérité mit der 16mm Kamera ganz nah dran zu sein. Im Workshop mit Thomas Heise, in dem der Filmemacher mit Imbiss-Spezial einen dokumentarischen Leckerbissen aus der Umbruchszeit der DDR zeigte, wurde ebenfalls die Spezifizität ostdeutscher Dokumentarfilmarbeit thematisiert. Hier wurde mit der kontrastierenden Differenz zwischen kargen strukturierten Bildern und O-Ton gearbeitet.
Heute gleichen sich diese unterschiedlichen Traditionen zunehmend einander an, getrieben von den ökonomischen Zwängen der Produktionen, die kaum jemals ohne Fernsehförderung vonstatten gehen. Die meisten Filme, die in Duisburg zu sehen waren, sind mit Unterstützung von Fernsehsendern entstanden. So erstaunlich auch die hohe Qualität der gezeigten Produktionen ist, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Verhältnis von Dokumentarfilmenden und ihren TV-Förderern ein problematisches ist, das sich als Thema durch sämtliche Diskussionen zog. Eine Tendenz des Dokumentarfilms, die diesbezüglich in Duisburg zu erkennen war, ist die Porträtierung von vermeintlich film- und unterhaltungsgeeigneten „Protagonisten”. Diese Produktionen leben von der Attraktivität ihrer Hauptdarsteller, fokussieren individuelle oder biografische Besonderheiten, stehen und fallen mit ihren Charakteren. Dies geht zu Lasten der Recherche im sozialen Feld. Wirklichkeit muss sich scheinbar, offenbar auch unter dem Zwang der Fernseh-Ökonomie, immer stärker auf Gesichter und Einzelpersonen verdichten lassen. Wo dies nicht möglich ist, weil ein guter Dokumentarfilm auch auf Offenheit und einen Suchprozess angewiesen ist, findet von Seiten des Fernsehens immer häufiger eine Form „verdeckter Zensur” statt. Ist die Zukunft des Dokumentarfilms nun der kostengünstige, unabhängige Digi-Filmer, der durch konsequenten Verzicht auf teure Technik, mit Digitalkamera und Do-it-Yourself-Verfahren seine künstlerische Freiheit behauptet?
Die herausragenden Filme in Duisburg weisen in eine andere Richtung: Freunde der Realität benötigen Spielräume für einen geduldigen, unökonomischen Umgang mit Zeit. Abwarten können, Beobachtung nicht drängen, die Wirklichkeit ertasten – Zeit zum Elefant-Werden.

Serjoscha Wiemer und Anke Zechner

 

 

Preisträger

3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm:
Weisse Raben – Alptraum Tschetschenien, R: Johann Feindt und Tamara Trampe, Deutschland, 2005, 92 Min

ARTE-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschen Dokumentarfilm:
Between the Devil and the Wide Blue Sea, R: Romuald Karmakar, Deutschland, 2005, 90 Min

Förderpreis der Stadt Duisburg:
Slide Guitar Ride, R: Bernd Schoch, Deutschland, 2005, 82 Min
und Kinder der Schlafviertel, R: Korinna Kraus und Janna Ji Wonders, Deutschland, 2005, 35 Min

Publikumspreis der Rheinischen Post für den beliebtesten Film:
Gambit, R: Sabine Gisiger, Schweiz, 2005, 107 Min

Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts:
Mein Bruder – We’ll meet again, R: Thomas Heise, Deutschland, 2005, 57 Min

Links:
29. Duisburger Filmwoche
AG Dok
Weisse Raben
Between the Devil and the Wide Blue Sea
Gambit
Mein Bruder – We’ll meet again

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