Wirklichkeit messen

Tom Kummer vs. Reality
1/12/2000

"SZ-Magazin: Sie legen Wert darauf, die Dinge kulturhistorisch korrekt einzuordnen. Warum?
Nicolas Cage: Es gibt zu viele Schwätzer, zu viele Lügner, zu viele Diebe. Das Beschleunigungstempo unserer Kultur ist so hoch, das bietet günstige Bedingungen für Arschlöcher. Nur wer die Historie kennt, kann sich eine korrekte Meinung bilden." (Cage 22)

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung wurden von 1996 bis 1999 vierzehn Interviews mit Hollywood-Stars veröffentlicht, als deren Autor Tom Kummer zeichnet. Neben Schauspielerinnen, Schauspielern und Musikern befragte er einen Boxer, eine Fotografin, eine Bodybuilding-Legende und die Ex-Gattin eines Immobilien-Milliardärs. Ein Skandal-Artikel im Focus vom 15. Mai 2000 löste eine öffentliche Diskussion aus, ob diese Interviews gefälscht seien. Sie kulminierte in einer beispiellosen Selbstbezichtigung der Süddeutschen Zeitung am 27. Mai 2000. Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, die verantwortlichen Chefredakteure des Magazins, wurden entlassen. 1
1997 erschien Tom Kummers Buch Good Morning Los Angeles. Untertitel: "Die täglich Jagd nach der Wirklichkeit". In erzählerischer Form legt er darin sein Selbstverständnis als Reporter und seine Sicht der Massenmedien dar. Obwohl er in der ersten Person von Tom Kummers Leben erzählt, obwohl seine Interviews mit Sharon Stone, Snoop Doggy Dogg, Mike Tyson und anderen erwähnt und beschrieben werden, liest sich dieser Text doch wie ein Roman.
Waren die Interviews also nur Single-Auskopplungen eines Konzept-Albums? Kleine Beiboote, Sonden, die Kummer vom Kreuzfahrtschiff dieses Romans aus losgeschickt hatte in die unendlichen Weiten der Medienwirklichkeit?

 

der schwache Star

Schauen wir uns die Interviews genauer an. Schon beim ersten Lesen fällt auf, dass die Äußerungen der Stars, so erregt und angespannt sie auch vorgetragen werden, merkwürdig blass erscheinen. Zumindest wenn wir aufregende Enthüllungen und neue Details aus ihrem Privatleben erwarten. Über ihren Freund Ray Menicella sagt Jenny McCarthy wenig mehr als ohnehin schon von ihm als Medienfigur bekannt ist. Liv Tylers Erzählungen von Vater Steven Tyler und Onkel Iggy Pop gestalten diese Medienfiguren lediglich ein wenig plastischer aus. Wir erfahren nur Details, die wir schon geahnt oder erhofft haben. Wir hätten sie auch über eine Internet-Recherche erfahren können. Sie bestätigen unsere Erwartungen. Skurrile Details hat jeder der Stars zu bieten, groteske Vorlieben, Abneigungen, Obsessionen und Neurosen. Tom Hanks lässt sich ausgiebig über Zierleisten, Termitenschäden und das problematische Austarieren von Wohnstrukturen aus. Brad Pitt spricht von seinen Problemen mit langen Haaren, Jenny McCarthy brilliert mit Bemerkungen über die Bachblüten-Therapie. Snoop Doggy Dogg preist die Vorzüge von Kentucky Fried Chicken und Mike Tyson lobt die Güte französischer Fischsuppe. Er diskutiert mit Kummer seine Vorlieben in Wort- und Zitatwahl, seine ausdrückliche Wertschätzung für das, was er "Wissen" nennt:

"MikeTyson: [...] Ich war sehr früh in meiner Karriere den Gegnern extrem überlegen. Darum wollte ich mich mit Wissen vollpumpen. Wissen schafft Stabilität und macht das Leben lebenswert." (Tyson 26)

All diese Details enttäuschen unsere Erwartung auf Außerordentliches auf vorhersehbare, kaum irritierende Weise. Sie verlassen den Rahmen üblicher Brüche im Charakter nicht. Sie zeigen nur die üblichen überraschend vielseitigen Persönlichkeiten. Es sind Anekdoten, wie sie von Medienfiguren gerne erzählt werden und die Peter Handke im Gedicht Geschichtslügen aufzählt: "DASS der Ringer ZEBRA KID, im Ring gefürchtet, privat ein gutmütiger Riese ist; ... DASS NOLBY STILES; Verteidiger von Manchester United, auf dem Fußballplatz gefürchtet, außerhalb des Fußballplatzes keiner Fliege etwas antun könnte". (Handke 92)
Wirklich erstaunlich in diesen Interviews aber ist die schwache Position der Stars gegenüber dem Reporter (für irgendein deutsches Beilagen-Magazin). In langen, über mehrere Zeilen hinweg ausufernd dozierenden Passagen entfaltet Kummer seine Ansichten. Den Befragten bleibt wenig mehr übrig, als diesen Ausführungen huldvoll beizupflichten oder dezent widerwillig zu verstummen.

"Nicolas Cage: ... Interessanter Aspekt, ich muss gerade an den Maler Jackson Pollock denken" (Cage 22)
"Jenny McCarthy: Hey, das kann verdammt genauso sein, wie du das sagst." (McCarthy 35)
"SZ-Magazin: Klingt deprimierend.
Nicolas Cage: Kann ich nicht nachvollziehen." (Cage 22)

Es sind keine Interviews, in denen ein Reporter zurückhaltend fragt und der Star sich ausgiebig mit originellen Antworten spreizen kann. Diese übliche Asymmetrie fehlt und wird ersetzt durch eine fast erschreckende Symmetrie zwischen beiden Interviewpartnern. Gespräche von gleich zu gleich, unter langjährigen Bekannten:

"Brad Pitt: Ich habe gelernt, zu meditieren, und mich Zen-mässig mitzuteilen.
SZ-Magazin: Sehr erfreulich. Sie waren bisher wegen Ihrer nichtssagenden Kaugummi-Interviews berüchtigt." (Pitt 57)
"Jenny McCarthy: Nenn mich Jenny, deine TV-Freundin." (McCarthy 31)

Eine Vertrautheit, ein persönlicher Ton entsteht, der auffällt im Vergleich von Tom Kummers Interview mit Nicolas Cage und Ulf Poschardts Gespräch mit Elisabeth Shue im selben Heft. Während Poschardt sich an die Gepflogenheiten professioneller Höflichkeit hält und sympathische Details aus dem Leben der Schauspielerin erfragt, beginnt Kummer sein Interview mit einem aggressiven, herausfordernden Ton. Schon nach ein paar Wortwechseln wird Cage ausfallend:

"Nicolas Cage: Dieses Interview dauert noch genau fünf Sekunden, wenn sie nicht endlich sagen, worauf sie es abgesehen haben." (Cage 18)

Beide Sprecher haben das gleiche Vorwissen, Cage extemporiert kurz über Francis Bacon, kennt selbstverständlich Rainer Werner Fassbinders Händler der vier Jahreszeiten (1971). Nie ist es ein Hindernis, wenn Kummer die Sprache auf heikle Themen bringt und so diskutiert er in jedem Interview den Status von Wahrheit, den Bruch zwischen Image und Wirklichkeit in Hollywood.

"Tom Hanks: Aber niemand will es riskieren die Wahrheit zu sagen oder, schlimmer, die Wahrheit gesagt zu bekommen." (Hanks 15)
"SZ-Magazin: Ist denn alles nur Dichtung, was Sie verbreiten?" (Snoop 26)
"Courtney Love: Ich betrüge so echt, ich bin jenseits von Betrug." (Love 23)
"SZ-Magazin: Was ist der Unterschied zwischen Ihnen und einem Image?" (Pitt 57)

 

Rollenprosa

"Courtney Love: ... ich war Stripperin auf vier Kontinenten, bevor ich jemals darüber nachgedacht habe, Musikerin zu werden. Das Milieu der Stripperinnen und Groupies ist mein Hintergrund. Dort habe ich die Kraft des Widerstandes und die Heftigkeit der Entrüstung einer heiligen Schlampe eingesaugt. Und das kann mir niemand mehr nehmen. Scheissegal, was alle sagen." (Love 23)

Wie in dieser kurze Passage erscheinen die meisten Textteile, in denen Stars ins Erzählen kommen, merkwürdig selbstdistanziert. Als würde hier jemand in der dritten Person über sich selbst sprechen; die Rollenbeschreibung für ein Film-Treatment wiedergeben, einen pathetischen, inneren Monolog - in dem Courtney Love dann sogar Verse improvisierter Beatnik-Poesie rezitiert. Zwischen Lautréamont, Breton und Burroughs:

"Alle meine Gedichte brennen. Minotauren fressen die Genitalien des Mondes." (Love 20)
"Die Sonne ist in Aufruhr, und ausgeflogene Fallschirmspringer landen in unseren Träumen." (Love 23)
"Jede Nacht schlagen sich in den Bergen alte Männer mit Bandsägen ihren Weg zum Mond. Saurier und Vampire fliegen vorbei. Aber sie sind freundlich gestimmt." (Love 23)

In solchen Passagen spätestens erinnern die Interviews eher an fingierte Gespräche mit verstorbenen und erfundenen Personen. Ähnlich wie in solch literarischen Interviews fällt auch bei Kummers Gesprächen das vollkommende Fehlen einer Persönlichkeitsgrenze der Befragten auf: ohne Zurückhaltung werden Details ihres Lebens direkt angesprochen, ausführlich geschildert und zur abschließenden Beurteilung vorgelegt. Kein Schnappschuss eines sich noch entwickelnden Lebens wird präsentiert, das Tabus sich vorbehält und Möglichkeiten offen lässt. Ein abgeschlossener Lebensweg wird zusammenfassend resümiert, aus dem Lehnstuhl heraus. Als sprächen da Tote.

"Jenny McCarthy: Ach, für mich war Haarpflege einfach das Göttlichste. Stundenlang saß ich vor dem Spiegel. Mit 13 hat es mir noch Spaß bereitet. Mit 14 gab es mir Sicherheit. Mit 17 merkte ich, dass es eine Waffe ist, dass man mich respektiert. Niemand wagte es, mir durchs Haar zu streichen. Was man daraus lernen kann? Menschen bilden sich über diese Images eine Meinung. Diese Tatsache sollte man ausnutzen." (McCarthy 31)

Solche Kurzmonologe erinnern eher an Rollenprosa als an persönliche Selbstaussagen. Dem Leser ist dabei natürlich nicht klar, ob der Autor Tom Kummer heißt - oder die befragte Person nur eine ihrer üblichen Anekdotenroutinen reproduziert hat. Mit Stilisierungen und Vereinfachungen, wie sie sich in Presseterminen einschleifen.

 

das mediale Imaginarium

Kummers Texte zeigen Stars, die sehr persönlich mit einem Interviewer sprechen. Nicht über Wichtiges, doch in einem Ton von gleich zu gleich und mit Geschichten, die mehr zitiert als erlebt wirken. Zwar erwarten wir nicht, authentische Seelenbekenntnisse offenbart zu bekommen, die eher unseren Ekel - vielleicht noch den Voyeur in uns wecken würden. Intime Gedanken und banalen Alltag wollen wir hier nicht kennen lernen, sondern eher eine weitere Episode aus der Wirklichkeit hören, die den imaginären Raum der Medien umfasst: Eine hochstilisierte, weitgehend nur die erste Welt umfassende Commedia dell'arte mediennotorischer Figuren. Eine Bühne, die überall dort aufgebaut ist, wo Aufzeichnungsgeräte der Massenmedien stehen, deren Episoden sich kaum von rabiaten Sketchen der britischen Gummipuppen-Serie Spitting Image aus den achtziger Jahren unterscheiden. 2
Jede Person, die das mediale Imaginarium betritt, wird mit ihrem Auftritt schon reduziert auf wenige Aspekte ihrer Außenwirkung. Weitergehende Differenzierungen und Interpretationen werden vermieden. Eigenschaften und Ticks, Idiosynkrasien und Normabweichungen werden zu bedeutungsvollen Charakteristika erhoben, nur die unmittelbar wirkende Inszenierung, die Rhetorik und Dramaturgie des Auftritts wird berücksichtigt. Mit einer erbarmungslos selektiven Gewalt erkennt das mediale Imaginarium allein die erste Wirkung eines Menschen an und erzeugt daraus eine "mediale Persona", wie es Rainald Goetz nennt.

"Der Witz der Zugriffsweise auf die mediale Persona ist die Perspektive des INADÄQUATEN. Nicht wie es gemeint ist, will man verstehen, sondern ganz brutal schaut man darauf, wie es WIRKT. Von ganz außen aus gesehen. Nicht was jemand leistet zählt, sondern der diffuse Eindruck, den er hinterlässt, den sein Act hervorruft." (Goetz 307)

Eine Reduktion, die ähnlich auch im Familien-, Freundes-, Bekannten- oder Kollegen-Kreis geschieht mit kolportierten Geschichten, Witzen. Der Auftritt in jeder kleineren oder größeren Gemeinschaft von Menschen erzeugt eine stilisierte Rolle, einen karikaturhaften Avatar, mit dem dieser Mensch von nun an in der Imagination, dem Gespräch der anderen Teilnehmer repräsentiert sein wird. Ob er das nun will oder nicht. Der kollektive Vorstellungsraum der Massenmedien unterscheidet sich nur graduell davon: durch die größere Wucht der potenziell (erste-)weltweiten Verbreitung und der größeren Autorität, mit der ein größeres Publikum über einen längeren Zeitraum erreicht werden kann. Die Brutalität dieses Imaginariums wird deutlich, wenn Rainald Goetz sein Operieren im Entwurf zu einer Neuen Deutschen Komödie zeigt:

"Man sieht Till Schweiger und Edmund Stoiber, Arabella Kiesbauer, Georg Kofler, Jörg Heider [sic!] und den großen Lindenstraßen-Darsteller Georg Schröder, neben Peter Handke, der an dem Abend einen Lebenswerk-Bambi bekommen sollte, oder noch schöner natürlich: schon bekommen hat, aus der Hand, wir sehen die Aufzeichnung, diesen bewegenden Moment, seines Freundes Hubsi Burda. Applaus brandet auf, Sloterdijk verneigt sich - und Bernd Eichinger, der große Amerikaner, steigt jetzt aus dem Bus, so lässig es geht, die Waffe Rössners am Kopf." (Goetz 257)

 

"STORM THE REALITY STUDIO"

Zu Anfang seines Romans beschreibt Tom Kummer eine Bilder-Paranoia, der er sich im Zentrum der wirklichkeitserzeugenden Industrie von Los Angeles ausgesetzt sieht.

"Ich habe mich in den vergangenen Jahren in ein Gefäß aus Bildern verwandelt, in dem sich - wie in einem Archiv - meine Erinnerungen ansammeln, was dazu führt, dass mein Alltag regelmäßig von einem Bombardement aus Rückblenden gestört wird. ... Dieser Bombenteppich aus Rückblenden terrorisierte mich nachts - meistens ohne meine Zustimmung - oder frühmorgens, wenn ich unter der Dusche stand. Manchmal erschwerten mir die Anschläge auf mein Bewusstsein, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen." (Kummer 16f)

Diese "Vorstufe zur geistigen Umnachtung" (Kummer 17) versucht Kummer vor allem dadurch loszuwerden, indem er sich dem Videojournalisten Chuck Wienberg anschließt und sich dessen "Videoblick" (Kummer 17) zueigen macht. Er begleitet ihn auf seinen Bild-Raubzügen mit Digital- und Profikamera und nimmt teil an der Weltabbildungs-, -berichterstattungs-, Weltinterpretations-, und -inszenierungs-Verschwörung der Massenmedien. Der Videoblick ist, so Kummer,

"die Perspektive eines Therapeuten. Er schaffe einen theatralischen Ort, an dem sich Subjektivität künstlerisch erschaffen lasse. Ich schloss daraus, dass einen dieser Blick auch dann beherrschen kann, wenn die Kamera gar nicht läuft. Und ich hoffte dass ich durch diesen Videoblick die Fähigkeit erlangen würde, bestimmte Details in den Ereignissen zu erkennen, die dem einfachen Blick normalerweise entgehen und die genau deshalb, weil ich sie nicht erkennen konnte, das Bombardement aus Rückblenden und Paranoia verursachen." (Kummer 17f)
"Es ist die phantastische Illusion ein perfekter Choreograph der Unwirklichkeit zu sein und über die Bilder, die man empfängt, die totale Kontrolle zu haben." (Kummer 43)

Weinberg, ein "Beatnik des Reality-TV" (Kummer 173), geht schließlich soweit sogar, eine Entführung, Gewalttaten, Emotionsausbrüche ohnehin, zu provozieren, um "dem Fernsehzuschauer ein Optimum an Wirklichkeit bieten zu können" (Kummer 223). Angereichert um visuelle und emotionale "Authentizitätseffekte" (Kummer 263). Kummer wird Teil der Verschwörung der Massenmedien, die allerdings von niemandem zentral gesteuert wird und keine Weltherrschaft anstrebt. Über Bildproduktion und Ereignisarrangements herrscht sie schon lange und macht Medienereignisse zum Spielmaterial eines zynischen Netzwerks aus Bekanntschaften, freundschaftlichen Konkurrenzen und Feindschaften. Getrieben von Obsessionen und Neurosen nutzen sie das mediale Imaginarium als Spielplatz, um ihre persönlichen Kämpfe als Teil der Wirklichkeit darzustellen und öffentlich auszutragen. Kummers fünfte Maxime journalistischer Effektivität lautet denn auch: "Inszeniere Vulgärkino".

"Ich war der Ekel in Person, doch schließlich wollte ich in jener Tiefgarage keinen Beitrag zum menschlichen Fortschritt leisten - ich tat das alles nur für mich selbst. Ich hasste die Würde und pfiff auf die Größe. Ich genoss diese Momente, und ich notierte mir fast jeden Gedanken - und sei es nur, um die Zeit totzuschlagen." (Kummer 227)

"Wir, eine Handvoll Protagonisten der Massenmedien, hatten uns wie Ratten in einer Tiefgarage versammelt, um den Stoff unserer Wirklichkeit zu schaffen: die Hyperrealität ... eine Art irreale Wirklichkeit." (Kummer 227)

Im Mai 2000 überschreibt Kummer einen Beitrag für das Autorenforum pool mit der Zeile "STORM THE REALITY STUDIO". Er zitiert damit William S. Burrough, der in vier Texten der fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der Naked Lunch-Tetralogie, eine sogenannte "Mythology for the space age" formuliert hat. In deren Zentrum steht ein "Reality studio", in dem von Vertretern des "Nova Mob" die Vorstellungswelt einer Gemeinschaft, ihr mediales Imaginarium, Selektionen unterworfen und nach persönlichen Vorlieben abgemischt wird: Die mediale Wirklichkeit wird dort generiert.
Die "Nova Police", zu der auch Burroughs' alter ego "Inspector Lee" zählt, hat die Aufgabe, Reality-Studios zu stürmen, zu zerstören und durch Drogen, Sex und andere Formen der Dekonditionierung die Abhängigkeit von den Reality studios zu unterbrechen. Die Interviews Kummers können als eine solche Technik angesehen werden. Er schlägt eine Methode für erfolgreiche Interviews vor (Kummer 147), in denen er das Gegenüber durch sein Verhalten in Panik und Hysterie versetzen will, um es aus seiner professionellen Reserve zu locken: "Phobien fördern Einschaltquoten und Auflage." (Kummer 258)
Kummer jongliert mit Fakten, vermeintlich verlässlichen Statistiken, Messungen, Umfrageergebnissen und Durchschnittswerten, die für ihn nicht mehr sind als ein Sedativum und Entspannungsmittel, wie auch die Regeln, Prinzipien, Grundsätze, kleinen Philosophien und "Listenspielchen" (Kummer 184), die den Roman durchziehen. "Wenn ich mit Fakten jongliere, dann erwacht in meiner Magengrube ein angenehmes solides Gefühl." (Kummer 26)
Der Text, in dem er für das SZ-Magazin vorgeblich die Philosophie der Ivana Trump nach einem Interview aufgezeichnet hat, erscheint in diesem Sinne als das Meisterstück Kummers. In einem 14-teiligen Thesenkatalog mit jeweils 1-5 Unterpunkten, versucht er gar nicht erst, einen interviewhaften Wortwechsel zu simulieren, sondern präsentiert gleich Listen eines (aus europäischer Sicht) typisch amerikanischen Populär-Konsum-Pragmatismus. Angereichert um Aussagen aus der "Philosophy of Andy Warhol" (1975), des (wiederum aus europäischer Sicht) bedeutendsten Ahnen dieser Philosophie, bietet uns Kummer eine perfide unterhaltsame Episode der Persona Ivana Trump - mit Zwischen-Überschriften, die kaum ein amerikanischer Universitäts-Philosoph in dieser Gedrängtheit verwenden würde:

Das Werden, das Sein und das Nichts

Zum Realitätsgehalt von Haben und Sollen

Form/Struktur/Substanz

Die Entgrenzung des Es

Über die Pragmatik des Hedonismus

Relevante Einheiten (Trump passim)

Kummer misst mit diesem Text nicht nur, wie weit er selbst sich des Reality studios bemächtigen und in das mediale Imaginarium eingreifen kann. Sondern er misst sich selbst auch mit der medialen Wirklichkeit. Die darauffolgende Hysterie und ihr Schwappen durch das Imaginarium, beweisen das. 3 Seitdem wird auch Tom Kummer durch eine Persona des Imaginariums repräsentiert. 4

"Ich hielt mich wie immer nur für den Beobachter des Spektakels, doch ich war längst zu einem Mittäter geworden." (Kummer 226)

  • 1. Die anregendste Diskussion zum Status dieser Texte und der Bedeutung des Skandals im Kampf zwischen Focus und Süddeutscher Zeitung findet sich im pool vom Mai 2000
  • 2. Ebenso wie die Figuren der britischen TV-Serie (1984-1998) von Roger Law waren auch deren Sketche überzeichnet und präsentierten die handelnden Politiker, Sportler, Popstars oder Royals reduziert auf einzelne Eigenschaften, Tics oder Obsessionen, tatsächlich wie Figuren eines Puppentheaters: als Säufer, Pädophile, Herrschsüchtige, Verklemmte, Weltfremde, Verblendete, Sexprotze und naive Dummchen. Im Juli 2000 wurden die über 200 Figuren der Serie bei Sotheby’s versteigert.
  • 3. Die Verlogenheit und absurde Moral, die in der Diskussion angewandt wurde, hat Rudolf Maresch schon sehr früh und eindrucksvoll in der Telepolis vom 31. Mai 2000 dargestellt.
  • 4. Bester Beleg hierfür sind die Kummer-Parodien, die sich indes angesammelt haben, etwa in der Jungle World, in bitfilm oder auf den Seiten des Carl Auer Verlages.
Literatur: 

Rainald Goetz, Abfall für alle. Roman eines Jahres. Heute Morgen 5.5, Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1999

Peter Handke, Geschichtslügen, in: ders., Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt, Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1969, S.92-95

Tom Kummer und Ulf Poschardt, Ben und Sera gleiten zwischen Alkohol und Liebe auf eine höhere Ebene, Interviews mit Elisabeth Shue und Nicolas Cage, in: SZ Magazin 19/96, 10.5.96, S.18-23 (=Cage)

Tom Kummer, Good Morning Los Angeles. Die tägliche Jagd nach der Wirklichkeit, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1997 (=Kummer)

Andy Warhol, The Philosophy of Andy Warhol. (From A to B and back again.) San Diego, New York, London 1975

-, Big Bob Interview mit Bob Richardson, in: SZ Magazin 29/96, 19.7.96, S.32-40

-, Wie bleiben Sie oben Frau Stone? Interview mit Nan Goldin, in: SZ Magazin 41/96, 11.10.96, S.38-41

-, Was soll daran schlecht sein? Interview mit Phil Collins, in: SZ Magazin 42/96, 18.10.96, S.12-16

-, Jungs sind so blöd, daß ich sie schlagen muß Interview mit Jenny McCarthy, in: SZ Magazin 50/96, 13.12.96, S.30-35 (=McCarthy)

-, Ich entwickle gerade meinen Instinkt fürs schöne Wohnen, Interview mit Tom Hanks, in: SZ Magazin 2/97, 2.10.97, S. 10-15 (=Hanks)

-, Hollywood ist eine wunderbare Therapie, Interview mit Courtney Love, in: SZ Magazin 7/97, 14.2.97, S.20-25 (=Love)

-, Ich bin der feinfühligste Nigger in Amerikaa, Interview mit Snoop Doggy Dog, in: SZ Magazin 19/97, 9.5.97, S.26-31 (=Snoop)

-, Ich will den ganzen Tag lang fühlen, Interview mit Liv Tyler, in: SZ Magazin 35/97, 29.8.97, S.10-14

-, Ihr habt mich immer falsch verstanden, Interview mit Brad Pitt, in: SZ Magazin 45/97, 7.11.97, S.56-60 (=Pitt)

-, Was soll ich bloss Burt Reynolds schenken Interview mit Kim Basinger, in: SZ Magazin 47/97, 21.11.97, S.34-40

-, Würden Sie Ihrem Hund am Morgen eine Zigarette anbieten?, Interview mit Jack LaLane, in: SZ Magazin 11/98, 13.3.98, S.-20-23

-, Wissen schafft Stabilität, Interview mit Mike Tyson, in: SZ Magazin 34/98, 21.8.98, S.22-27 (=Tyson)

-, Man sollte seine Gegner nie total fertigmachen, Interview mit Danny DeVito, in: SZ Magazin 35/98, 28.8.98, S.10-15

-, Es gibt eine unterirdische Ökonomie der Psyche, Interview mit Ivana Trump, in: SZ Magazin 14/99, 9.4.99, S.26-31 (=Trump)

William S. Burrrough: Naked Lunch, 1954

-, The Soft Machine, 1961

-, The Ticket That Exploded, 1962

-, Nova Express, 1964