Virtuelle Töchter und Söhne

Magnolia als genealogisches Statement (Magnolia, USA 1999, R: Paul Thomas Anderson)
2000-12-01

"Den Menschen herzustellen heißt, ihm eine Grenze zu sagen. Die Grenze herstellen heißt, die Idee des Vaters in Szene zu setzen. Es heißt, den Söhnen des einen und des anderen Geschlechts das Verbot weiterzugeben. Der Vater ist zuallererst eine Angelegenheit des Symbols, etwas Theatralisches, ein lebendiges Artefakt" (Pierre Legendre)

Magnolia ist ein Episodenfilm, eine Textur aus Lebensgeschichten, die aus einer genealogischen Perspektive betrachtet, immer auch Familiengeschichten sind. Ein Vater ist niemals zugleich Sohn und Bruder für dieselbe Person. Diese genealogische Ordnung stellt für jede Generation zugewiesene und untersagte Plätze bereit. Der Krötenregen am Ende des Films läßt an die biblische Geschichte vom Auszug der Kinder Israels aus Ägypten denken. Gott läßt Unheil über die Menschen kommen, indem er ihnen Plagen sendet. Der Krötenregen in Magnolia verbindet zuletzt die Episoden. Es trifft ausnahmslos alle. Gottes Lektion - seine Verwarnung - ist deutlich. Und man möchte meinen, sie gilt der Verwahrlosung der genealogischen Ordnung, die uns der Film eindringlich vorführt.

Im 1. Buch Moses wird die Geschichte von Abraham erzählt, der seinen Sohn Isaak auf dem Opferaltar bindet und fesselt, um ihn auf göttliches Geheiß hin zu töten. Von der Unterwerfungsgeste Abrahams gerührt, entbindet Jahwe Abraham davon, den Mord zu begehen, und ein Widder ersetzt das Opfer. Isaak wird von seinem Vater also zunächst gebunden und dann wieder entbunden. Der Vater befindet sich in der Position desjenigen, der zugleich der Mörder des Kindes ist und der es wieder begnadigt. Die Bindung bedeutet die Herstellung eines Bezugs aller genealogischen Plätze zur absoluten Referenz. Die Szene ist grundlegend.

Magnolia führt uns Söhne und Töchter vor, die das heikle Manöver des symbolischen Platztausches, den Übergang vom Kind- zum Elternsein, nicht erfolgreich vollzogen haben. Frank T. Mackey (Tom Cruise) der Machotrainer hält mit vollem Einsatz seines Körpers Selbstbehauptungsseminare für Männer mit Schuldgefühlen ab. Sein Vater, Earl Patridge (Jason Robards) hat die Familie verlassen, als Franks Mutter an Krebs erkrankte. Frank, damals gerade erst 11, hat sie gepflegt bis zu ihrem Tod. Seine Familiengeschichte verleugnet der Machotrainer. In der offiziellen Version ist der Vater schon gestorben und die Mutter ist in Pension. Das Interview mit einer engagierten Journalistin, die die Frage der Genealogie verkörpert, bringt die tatsächliche Geschichte ans Licht. Auch aus der Perspektive des Vaters erfahren wir die Geschichte. Der berühmte Filmproduzent, der das große weiße Bett nicht mehr verlassen wird und zu dessen Lieblingswörtern "Schleimer" und "Arschgesicht" gehören, wird sterben. Angesichts des nahen Todes spricht er von seiner Schuld, dem vielfachen Ehebruch und davon, daß er die Familie verlassen hat. Der gescheiterte Platztausch äußert sich jeweils - wie auch in der Parallelepisode von Claudia und deren Vater, dem Quizmaster - in sexueller Entgrenzung. Weder Vater noch Sohn halten sich an die Gesetze, die die symbolische Ordnung für sie vorsieht. Der Vater verweigert die Pflichten der Ehe und der Sohn wird zum Frauenhasser.

Marcel Armländer

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