Video als mediales Phänomen

Eine Tagung an der Ruhr-Uni Bochum 20./21.10.2001
2001-11-01

Fernbedienung

Video ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Der Videorecorder als Zeitmaschine, das Magnetband als Speicher- und Erinnerungsmedium, die Videothek als Archiv der Filmgeschichte: in der Alltagspraxis kommt dem Phänomen Video eine zentrale Rolle zu. Obwohl gerade medienwissenschaftliche Studiengänge den einfachen Zugriff auf ihre Gegenstände wesentlich der Videotechnologie zu verdanken haben, wurde diese selbst bisher nahezu vollständig ignoriert (zu den wenigen Ausnahmen zählen u.a. die Arbeiten von Siegfried Zielinski). Während das Thema Videoüberwachung erst langsam neben den politischen und juristischen Debatten auch in medienwissenschaftlichen Kontexten auftaucht (vgl. Nach dem Film No3 und die Ausstellung des ZKM Karlsruhe: Ctrl [Space]), sind Phänomene wie Web-Cams und Videos im Internet, Home- und Amateurvideos, Sendungen in den offenen Kanälen als Form der Gegenöffentlichkeit, die Zweitverwertung von Spielfilmen oder aber ästhetisch-technische Operationen (Zeitlupe, Standbilder) für die Medien- und Kulturwissenschaft kein Gegenstand der Betrachtung. Um diese Marginalisierung zu beenden, wurde am Bochumer Institut für Film- und Fernsehwissenschaft anlässlich der Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Visuelle Kultur eine Tagung zum Thema Video ausgerichtet. Ziel der Veranstalter war es, die Vielfalt des medialen Phänomens in den Blick zu nehmen und Forschungsperspektiven auf den Gegenstand zu bündeln. In ihrem Einleitungsreferat problematisierten Ralf Adelmann, Hilde Hoffmann und Rolf Nohr jedoch gleichzeitig auch die Vorstellung einer 'reinen', ontologischen Videomedialität und wiesen anhand der in George Cukors Die Frauen (The Women, USA 1939) inszenierten Amateurfilmpraxis auf zahlreiche Parallelen mit aktuellen Videopraktiken (Produktion, Ästhetik, Rezeption) hin.

Die Probleme, den Gegenstand Video überhaupt fassen zu können, ging gleich im ersten Vortrag Wolfgang Ernst mit der Frage "Gibt es eine spezifische Videozität?" an. Er nahm den Medienumbruch hin zur Digitalisierung – gegenwärtig eine der zentralen Fundstellen für die medienarchäologische Theoriebildung – zum Anlass, nach dem Wesen des 'alten' Mediums Video zu fragen. Anhand zahlreicher Beispiele galt sein Interesse u.a. der Überlegung, inwiefern Videozität überhaupt von der Hardware (Fernsehgerät, Kamera, Videorecorder) loszulösen ist. Ausgehend vom Trägermaterial Magnetband sowie mit Bezug auf Nam June Paiks Verständnis von elektronischen Bildern stellte er die gegenwärtige Trennung von Bild- und Tonwissenschaft zur Diskussion. Während Löschbarkeit ebenso wie die sofortige Wiederholbarkeit (am Beispiel von Schabowskis 'Versprecher' bei der Pressekonferenz am 09.11.1989 mit hoher politischer Relevanz) noch relativ einfach als zentrale Merkmale des Speichermediums Video zu benennen sind, stellte sich eine Beschreibung des Gesamtphänomens Video als schwierig heraus. Zu klären sei, ob mediale Funktionen oder aber Medien "im wohldefinierten Sinne" zu untersuchen seien. Wolfgang Ernst griff auf frühe Funktionsbeschreibungen von Videorecordern sowie auf Fehler und Funktionsstörungen von Videos zurück, in denen sich seiner Ansicht nach Videozität offenbare. Auch Videokünstler würden die genuinen Eigenschaften des Mediums häufig zur Evidenz bringen. Auf lange Sicht stellte er dem Auditorium eine veränderte Bildlesekompetenz in Aussicht, die sich auf die 'Lesbarkeit' der elektronischen Bildsignale auf dem Oszilloskop beziehe. Die anschließende Diskussion kreiste u.a. um die Frage der Ontologie, gegen die Wolfgang Ernst ebenso wie einige Diskussionsteilnehmer die Vielfältigkeit des Phänomens als Videozitäten oder "We(i)sen des Videos" begrifflich stark machten.

Die Verwendung ästhetischer Merkmale in anderen Medien war Gegenstand mehrerer Vorträge. Karin Bruns ging auf den Einsatz von Videosequenzen in Computer- und Videospielen ein. Im Gegensatz zu den funktional und ästhetisch höchst verschiedenartigen Typen von Video-Inserts in Spielfilmen sorgten diese in Spielen aller Genres für Re-Linearisierung und Strukturierung der interaktiven Passagen und somit für eine narrative Schließung. Von besonderer Bedeutung sei wie in Spielfilmen jedoch auch hier das weiße Rauschen. Mit der Frage, inwiefern dieses Rauschen – ebenso wie die Auflösung von Linearität durch Loops– aus der Videokunst in die 'Unterhaltungsmedien' übernommen wurde, wurden in der Diskussion die beschriebenen ästhetischen Merkmale an den Kunstbereich gekoppelt. Jörg Metelmann beschäftigte sich mit Michael Hanekes Film Benny's Video und der Funktion, die dem Medium Video auf der Ebene der Story zukommt. Der Protagonist handle nach dem kategorischen Video-Imperativ "agiere so, dass es ein Video ergibt", so seine These. Aus phänomenologischer Sicht beschrieb hingegen Michael Islinger am Beispiel von American Beauty die ästhetisch Filmerfahrung als Wahrnehmung einer Wahrnehmung, die mit dem Einsatz von Video modifiziert werde. Durch verschiedene Markierungen (Rahmung, Bildauflösung, Farbgebung) manifestiere das Video deutlich seine Differenz zum Film. Im Anschluss an Vivian Sobcheck ging Michael Islinger dieser Differenz von Film- und Video-Leib nach. Unter Berücksichtigung der Filmfigur Ricky, die er als Personifikation der Geste des Videos versteht, definierte er Video als Vergegenwärtigung einer Gegenwärtigung. Die Operationalität dieser phänomenologische Beschreibung für die Frage nach dem medialen Phänomen Video wurde in der folgenden Diskussion allerdings bezweifelt. Dabei wurde das vorgeschlagene Modell sowohl an weiteren Filmen überprüft, als auch andere theoretische Paradigmen auf ihre Brauchbarkeit hin in Betracht gezogen. Die Phänomenologie erschien den Diskutanten insgesamt als unzureichend, um dem Video gerecht zu werden. Während das unvermittelte Nebeneinander der "Weisen des Videos" im Anschluss an Wolfgang Ernsts Vortrag als unproblematisch und erkenntnisrelevante wie forschungsstrategische Chance diskutiert wurde, wurde nun ein integratives Herangehen favorisiert, das neben der ästhetischen Erfahrung beispielsweise auch soziale Praktiken in die Beschreibung einbeziehe.

Nicht mit ästhetischer Erfahrung sondern mit der mediendidaktischen Funktion von Video beschäftigte sich Yomb May am Beispiel des Medieneinsatzes im DaF-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache). Er stellte dabei sowohl die spezifischen Inszenierungen deutscher Kultur, die er zum Amüsement der Tagungsteilnehmer ausschnittweise vorführte, als fragwürdig dar, problematisierte darüber hinaus jedoch vor allem die fehlende Reflexion und theoretische Fundierung des Videoeinsatzes.

Im Kontext verschiedener Zuschauertheorien von Brecht bis Fiske stellte Jürgen Müller den Bereich Amateur- und Laienfilm vor. Am Beispiel eines Ausschnitts aus einem an Raumschiff Enterprise orientierten Videofilms wies er nicht nur auf die Produktivität der Zuschauer hin, sondern auch auf die Reibungspunkte zwischen eigener und den in Film und Fernsehen vermittelten Lebenswelten. Seine Beobachtung, dass dem Internet als Möglichkeit zur Veröffentlichung derartiger Fanproduktionen zentrale Bedeutung zukomme, wurde vom Auditorium durch Hinweise auf ein Festival des nacherzählten Films und ein in Bochum angesiedeltes Trashfilm-Festival ergänzt.

Ebenfalls auf die soziale Praxis des Videos bezog sich Stefan Kramer, der über die Medienentwicklung und den Medieneinsatz in China berichtete. In seinem kulturhistorischen Rückblick wies u.a. auf chinesische Bildtradition hin, in deren Zusammenhang die Einführung der westlichen Zentralperspektive durch fotografische Techniken oder das Fernsehen im Sinne der Postcolonial Studies als kolonialistisch beschrieben werden könne. Inzwischen nutze der Staat durch eine zentral organisierte Produktion und Distribution den Videobereich zur Konstitution eines chinesischen Selbstverständnisses, doch gleichzeitig habe sich auch ein illegaler Medienmarkt etabliert, der die Zirkulation von widerständigen Produktionen und alternativen Selbstbilder ermögliche.

Vinzenz Hedinger setzte sich mit den Ritualen des Wiedersehens von Kinofilmen auseinander. Auf der Grundlage von Archivrecherchen zeigte er, dass die klassische Hollywood-Ära von einer Logik des Neuen gekennzeichnet war. Seine Geschichte des wiederholten Sehens von Filmen (repeat viewing) umfasste die Praxis der Wiederaufführung (re-release) von Filmen in den 40er Jahren und Werbestrategien, mit denen zur Verbesserung der ökonomischen Auswertung die Zweitsichtung als Möglichkeit zur Vervollständigung von Seherfahrungen angepriesen wurde. Fernsehausstrahlungen und der Videoboom in den 70er Jahren habe jedoch zu einem Sehverhalten geführt, das dem der Cinephilie ähnlich sei: Die Erfahrung des Neuen trete zugunsten eines Nachvollzugs bereits bekannter Abläufe zurück. Vinzenz Hedinger versteht diese Gebrauchsweise als Refolklorisierung, die er wiederum an die Produktionspraxis zurückband. Er beschrieb Godards Histoire(s) du Cinéma als Fortschreibung der Cinephilie mit anderen Mitteln bzw. als mediengestützte Oralität, die mit populären Nacherzählungen von Seherlebnissen vergleichbar sei. An Vinzenz Hedingers Vortrag entzündete sich anschließend eine Diskussion, in der u.a. der Textbegriff und seine unterschiedlichen Verwendungen in der Medienwissenschaft zur Debatte stand.

Ebenfalls auf Godards Histoire(s) du Cinéma bezog sich Rainer Vowe, der auf die veränderten Möglichkeiten der Geschichtsschreibung durch den Einsatz von Video einging. Anhand verschiedener Sequenzen zeigte er Godards Montageverfahren, das zur Entmythologisierung des Kinos beitrage. Dieses Verfahren gehorche nicht den akademischen Kriterien der Geschichtsschreibung, stellte er fest, und fragte, inwiefern sich Godard dennoch in die akademische Praxis integrieren ließe. Die zahlreichen Wortmeldungen aus dem Auditorium kreisten um andere Formen von Filmgeschichte (Kino als Emotionen), um die Linearität und den Schriftbezug der Geschichtsschreibung sowie um die Frage der Diskursivität von Bildern, die von verschiedenen Diskutanten unterschiedlich beantwortet wurde.

Auch Winfried Pauleits Beitrag bezog in seiner Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Videos für die Filmwissenschaft diese Fragen ein. Er beschrieb die Zugänglichkeit des Films durch das Video als Literaturisierung bzw. technische Verschriftlichung des Films und hob mit Bezug auf die jeweilige dispositive Anordnung die Differenz zwischen einer Film- und einer Kinowissenschaft hervor. Er wies auf Gemeinsamkeiten von videobasierter Filmwissenschaft und Videoüberwachung hin, die in der Regel beide die spezifische Medialität ihrer Bilder nicht reflektierten. In der Diskussion wurde u.a. die unklare Verwendung des Medien- und Dispositivbegriffs in der Medienwissenschaft problematisiert sowie die Affirmation eines Einschnitts durch die Videotechnologie hinterfragt. Während auf der einen Seite für die Auflösung der klaren Trennung zwischen Kino und Video votiert wurde, wurde auf der anderen Seite für eine Analyse des 'Videoguckens' als eigenständigem Phänomen plädiert.

Zum Abschluss der Tagung unterzog Herbert Schwaab seinen Videoalltag einer kritischen Betrachtung. In Anlehnung an die Medienphilosophie Stanley Cavells beschrieb er die Form der beteiligten Subjektivität, die sich im Austausch mit Video ergibt, und unterschied sie von der des Fernsehens sowie des Films. So mache die Aufnahmefunktion des Videos beispielsweise den Akt bewusst, etwas Festhalten zu wollen. Allerdings ziehe die Möglichkeit, seine Wahrnehmung durch Videoaufnahmen selbst bestimmen zu können, häufig auch eine Enttäuschung nach sich, da das Aufgezeichnete die eigenen Erwartungen häufig nicht erfülle. Seinen Wunsch, Fernsehen (Lieblingsserien) festhalten zu wollen, sein Verlangen nach Nähe zum Format zeugte in seiner Betrachtung vor allem von der Distanz zum Fernsehen. Video wurde in diesem Vortrag zum Erkenntnisinstrument anderer Medien sowie der eigenen Subjektivität.

Insgesamt eröffnete die Bochumer Tagung auf äußerst produktive Weise die vielfältigen Facetten des Phänomens Video. Die Beiträge verdeutlichten, dass Video für die wissenschaftliche Erforschung nicht als kohärenter Gegenstand zu begreifen ist, und machten deutlich, dass eine vorschnelle Definition des Mediums immer den Ausschluss anderer Teilaspekte mit sich bringt. Neben der Frage nach methodologischen Annäherungen gaben gerade auch die Diskussionen über die theoretischen Verortungen einen Einblick in den gegenwärtigen Theoriestand der Medienwissenschaft. Die Auswahl von Präsentationen aus den verschiedensten Teilbereichen zeigte darüber hinaus die Forschungsmöglichkeiten auf, die sich am bisher marginalisierten Medium Video auftun.

Judith Keilbach

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