Verhandlungen mit Faust.

Geschlechterverhältnisse in der Kultur der frühen Neuzeit Bettina Mathes, Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2001, 229 S., 39,80 DM.
2001-09-01

Die website zu Peter Steins Monumentalinszenierung von Goethes Faust I und II auf der Expo2000 in Hannover ist mit vielen Ausrufezeichen geschmückt: Unter Live! Das Erlebnis wird – powered by DaimlerChrysler - die "Prominenz" zitiert. Als Umrisse skizziert bilden Gerhard Schröder, Hilmar Kopper, Harald Schmidt, Jürgen Schrempp und Ulrich Wickert eine Art Klassentreffen, das dem Kollegen Faust-Stein Glückwünsche ausspricht - und die Tradition bestätigt: Dr. Faust als Bindeglied in deutschen old boy's networks.

Stein & Faust: Wie bei Goethe wird der Stoff zu (s)einem Lebens/Werk – "Um Faust II habe ich das ganze Leben gerungen". Stein wird gar zu Goethe selbst, indem der Regisseur seine inszenatorische Präsenz aufgibt in der monströsen Hingabegeste der 21stündigen wortgetreuen Wiedergabe des gesamten Textes - nur um schliesslich umso deutlicher als eigentlicher Erschaffender, als der Autor, als Faust-Stein zu erscheinen.

Diese amüsante patrilineare Verknüpfung mit und Einschrift in einen der Texte (bzw. in dessen Hauptfigur) des bildungsbürgerlichen deutschen Kanons als kontrastierenden backdrop nehmend, möchte ich mich nun einer gänzlich anderen Faustlektüre zuwenden, der Dissertation von Bettina Mathes, die nun in überarbeiteter Form im Ulrike Helmer Verlag erschienen ist: Verhandlungen mit Faust. Geschlechterverhältnisse in der Kultur der frühen Neuzeit. Anders als der Titel suggeriert, führt das Buch nämlich auch in die Jetztzeit, womit sich ein link zur Faust-Stein website schalten lässt. Die Autorin vollzieht ihre "Spurensuche, die den Text als kulturelles Dokument betrachtet (…) und das zum Sprechen bringen will, was der Text verschweigt" (S.9) anhand des sogenannten Ur-Faust, der Historia des D. Johann Fausten, die erstmals 1587 erschien und deren damalige Popularität – offensichtlich – auch heute nichts eingebüsst hat. Dabei begibt sich Bettina Mathes auf ungewohnte Pfade, methodisch ebenso wie inhaltlich. Während Faust noch den Pakt mit dem Teufel benötigte, um auf Reisen zu gehen, kann sich die heutige Leserin mit diesem Buch bequem ins Sofa fläzen, um zu den Stationen zu gelangen, die die Autorin den "Navigator und Verhandlungsgegenstand" (ebd.) D. Johann Fausten ansteuern lässt. In drei unabhängig voneinander lesbaren Kapiteln, die sich um die "Verhandlungsbereiche" (S.40) Körper, Visualität und Schuld bewegen, entwirft Bettina Mathes ein Glanzstück geistiger Abenteuerreise zwischen 'damals und heute', wobei die Lektüre die kulturelle Einschrift von (frühneuzeitlicher) Männlichkeit als Wegweiser pos(t)iert(en lässt).

Das Buch beginnt zunächst mit einer Kritik an der deutschen Frühneuzeitforschung und den Literaturwissenschaften und zwar in Form eines Plädoyers für eine von Stephen Greenblatt inspirierte Kulturpoetik. Dabei importiert die Autorin nicht etwa einen "englischsprachigen Theoriewerkzeugkasten" (Tobias Nagl), um sich an dem Versuch der "German academia trying to get sexy" (Isaac Julien) zu beteiligen und ein neues Theorie- und Analysesystem zu postulieren und zu zementieren. Ihr Anliegen ist vielmehr die institutionelle, nationale, methodische und thematische Grenzüberschreitung. Mit dem Verweis auf die grundsätzliche Methodenpluralität und –offenheit der Kulturpoetik thematisiert das Buch exemplarisch die Einschränkungen und Ausgrenzungen der Disziplinen und des Kanons. Dabei wird die Kulturpoetik wiederum mit Ergebnissen und Sichtweisen der Geschlechterforschung konfrontiert.

Mit diesem Equipment ausgerüstet begibt sich Bettina Mathes dann auf ihren abenteuerlichen und ausgesprochen kurzweiligen turn in die doch vermeintlich schon so vielbefahrenen Gewässer des Fausttextes. Zusammen mit Christus, Judas, Mephistophiles und Faust begibt sie sich u.a. ins Kino, in Anatomiesäle, in Gemäldegalerien und Folterkammern, von wo aus sie die Zirkulation symbolischen Materials in der Kultur der frühen Neuzeit erkundet. Ausgehend von der Einsicht, dass "Realität – auch materielle Realität – aus Repräsentationen und Konstrukten besteht, die es zu lesen gilt" (S.31) macht sie sich an die Erkundung von Sprache und Schrift und des Verhältnisses von Tasten, Sehen, Riechen und Schmecken. Auch werden Fragen der Männermode und Ernährung erörtert, sowie Christi Penis, Schamkapseln, Pornographie, Viagra, Blut, Sperma und Im/Potenz 'in Augenschein genommen'.

Anders als die bisherige Forschung werden die beiden disparat erscheinenden Teile der Historia, also der Rahmenteil und die sogenannten epikurischen Kapitel, in diesem Buch gleichermassen berücksichtigt. Dabei zeigt die Autorin, dass die bislang übliche Bezeichnung des Textes als 'rückschrittlich' dessen Komplexität und seine Aussagekraft verfehlt: "Aus der Perspektive der Geschlechterforschung erscheint die Historia vielmehr als eine zeitgenössisch-aktuelle Artikulation des Logos/Phallus und illustriert zugleich dessen historische Dimension" (S.193).

Indem sie im ersten Kapitel nicht nur wesentliche Verkörperungen des Logos/Phallus in der frühen Neuzeit herausarbeitet, sondern auf die historischen Veränderungen dieser Biologisierungen hinweist, leistet Bettina Mathes einen wichtigen Beitrag zur Männlichkeitsforschung. Im Unterschied zu Männerforschung, die auch dann, wenn sie von Männlichkeiten ausgeht, diese nur als Angelegenheit von Männern betrachtet, und sich damit ihre Fragestellung von der Fiktion eines natürlichen Geschlechtskörpers bestimmen lässt, fokussiert das Buch die Historizität von Männlichkeiten, "wie sie sich darstellen, welche kulturellen Funktionen ihnen zukommen und welche Rolle der Männerkörper in diesem Beziehungsgeflecht spielt" (S.30). Ebenso ist das Buch von Interesse im Kontext der zur Zeit so vieldiskutierten Visual Culture/ Visual Studies. Ihre Analyse der Reisekapitel in der Historia zeigt entgegen der Kritik bisheriger Forschung an der 'mangelnden Qualität' und des 'veralteten Wissens' der Reiseabenteuer Fausts, dass dessen darin beschriebenes Sehen ein körperliches ist und damit nicht wie das Subjekt des Sehens der Zentralperspektive ausserhalb von Begehrensstrukturen steht. Der glance (Bettina Mathes übersetzt diesen Begriff von Norman Bryson mit "beteiligter oder involvierter Blick", S.109) im Gegensatz zum gaze verweist auf die wichtigen politischen und ethischen Fragen nach der Strukturierung des Zu/Sehens und des Verhältnisses zwischen Subjekt und Objekt des Blickens.

Auf eine gerade auch heute aktuelle politische Frage, nämlich die nach der (historischen) deutschen Schuld an der Schoah, geht Bettina Mathes im dritten und letzten Kapitel ihres Buches ein, wenn sie Thomas Mann und dessen Rede von 1945 Deutschland und die Deutschen ins Spiel bringt. Womit sich wieder die Peter (Faust) Stein website anklicken lässt: Mann erzählt in seiner Rede, so führt Bettina Mathes aus, mit Hilfe der Faustfigur Tätergeschichte als Opfergeschichte und beklagt, dass das deutsche Drängen nach dem Guten ihm zum Bösen ausgeschlagen sei, er richtet sich somit ein in dem von Christina von Braun so bezeichneten "Behagen in der Schuld" (S.152). So macht sich Ulrich Wickert in seinem Glückwunschtelegramm an Peter Stein zum Thomas Mann-Adepten, wenn er Faust als das "aktuellste deutsche Drama" bezeichnet: "Deutsch – wegen der Suche nach dem Absoluten-Guten". Eben jenes Streben, das den Deutschen, so Thomas Manns fragwürdige Interpretation, unfreiwillig zum Gegenteil sich verkehrt hat.

Indem Bettina Mathes in ihrem dritten Kapitel so auf die immer noch aktuelle Verdrängung deutscher Schuld an der Schoah – hier durch die Inanspruchnahme der Faustfigur – verweist, zeigt sich beispielhaft die Vielfältigkeit dieser Studie. Ihre kritische dezentrierende Lektüre des Fausttextes knüpft an zahlreiche, eben auch höchst aktuelle Fragen an, wie z.B. die nach der disziplinären Organisation der Wissenschaft und nach der symbolischen und sozialen Ordnungsfunktion von Geschlechterverhältnissen und deren häufiger Unsichtbarkeit. Die Offenheit dieser Studie (die die Überschreitung herkömmlicher Zuständigkeitsbereiche zur Methode gemacht hat) verleitet darüber hinaus zu weiterem dekonstruktivistischen In-Verbindung-bringen – z.B. mit solch problematischen Faustlesern wie Peter Stein und seiner 'Prominenz'.

Nanna Heidenreich

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