Before Sunset.

Kino als Lackmustest (USA 2004)
2004-07-01

Den ph-Wert von obskuren Flüssigkeiten zu bestimmen, tauchten wir im Chemieunterricht den Lackmus-Streifen ein und konnten so im Bereich zwischen sauer und basisch verläßlich zuordnen. Im Kino läuft der Streifen durch einen Projektor. Der Projektor erzeugt ein Bild, und in das kann der Zuschauer eintauchen und im günstigsten Fall etwas über sich selber erfahren, wenn – so jedenfalls die Sprachregelung im Dunstkreis der Filmkunst – der Film eben kein Streifen ist. Before Sunset ist in diesem Sinne natürlich kein Streifen, sondern ein wunderschöner Film, der gleich in ein Publikumsgespräch des Autors über sein jüngstes Werk einblendet.

Das Publikumsgespräch findet nicht wie sonst üblich in einem Kino statt, sondern in einem Buchladen, und der Autor ist nicht der Filmemacher Richard Linklater, sondern ein Schriftsteller, gespielt von Ethan Hawke, dem Darsteller, der in Linklaters Before Sunrise vor neun Jahren einen jungen Amerikaner namens Jesse gegeben hat, wie es in Theaterkritiken so schön heißt. Jesse präsentiert sein neues Buch, das im wesentlichen Erfahrungen verarbeitet, wie sie ein junger Amerikaner einige Jahre zuvor in Wien während eines übersichtlichen Zeitraums vor Sonnenaufgang erlebt hatte. Wieviel, so wird der Autor gefragt, an dem Buch autobiografisch sei. Die Frage wird von einer Frau vorgebracht. Immerhin könne man die geschilderten Ereignisse in Wien verdichtet als eine traumhafte Romanze beschreiben. Die Antworten sind ausweichend, aber immerhin – zu unserer aller Beruhigung – es hat die wunderbare Begegnung in Wirklichkeit gegeben. Darüber legen Rückblenden aus Before Sunrise Zeugnis ab. Über die Chancen einer solchen wunderbaren Begegnung, so der Autor weiter, dürfen die Leser selber entscheiden. Die romantisch veranlagte, junge Frau würde sicherlich anders urteilen als der zynische, ältere Herr. Der Leser könne durch das eigene Urteil einiges über sich erfahren, seinen emotionalen ph-Wert gewissermaßen.

Mit dem Publikumsgespräch endet das Präludium, und während es gerade endet, treffen Jesses Blicke auf die von Celine, der seinerzeit in Wien noch neun Jahre jüngeren Französin, gegeben von Julie Delpy. Celine hatte diese Begegnung schon seit Wochen geplant, seit sie von der Lesung des amerikanischen Autors Wind bekommen hatte. Er hingegen ist auf das Wiedersehen nicht so gut vorbereitet, und vorgesehen ist jetzt eigentlich die Autofahrt zum Flughafen und anschliessend der Rückflug zu Heim und Familie in die USA.

Blieben da nicht noch vielleicht 80 Minuten Zeit, bis er wirklich zum Flughafen eilen müßte, wäre Before Sunset ein Kurzfilm. So aber dürfen wir Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes direkt bei der Verhandlung der Frage dabei sein, ob es Liebe denn gebe oder nur einen auf ganz praktische Dinge ausgerichteten, aber unbestreitbar grandiosen Trick der Natur.

Für das Experiment wählt Linklater folgende Versuchsanordung: An die Liebe wurde fest geglaubt, in Wien vor neun Jahren. Aber es musste ein Wiedersehen nach sechs Monaten vereinbart vereinbart werden, weil weder er noch sie die Flüchtigkeit der Erfahrung von Liebe akzeptieren wollte, die – so hieße es wohl vom Zyniker – ein entscheidender Grund für die Erfahrung war. Die Erfahrung solle sich gefälligst ein halbes Jahr später wiederholen lassen, denn Liebe ist getragen von Engelsflügeln, und Engel sind gleich beleidigt, wenn man in dieser globalisierten Zeit sicherheitshalber mal Telefonnummern oder Elektropost-Anschriften austauscht.

Ihr beider dringenstes Bedürfnis läßt Linklater wider allen gängigen Ratschlägen von Marketingexperten nicht fleischlich, sondern auf die Klärung der Frage ausgerichtet sein, ob einer der beiden ein halbes Jahr nach dem Sunrise am vereinbarten Ort in Wien gewesen ist. Immerhin erlaubt uns Linklater, zu Jesses dringensten Wünschen im Sinne einer männlicher Konstante hinzufügen zu dürfen, er wolle unter Wahrung zwischenmenschlicher Verhaltensnormen einen raschen Weg in ihre Unterwäsche finden.

Es geht zu wie beim Poker. Er blufft, sagt, nicht wieder in Wien gewesen zu sein. Sie ist erleichtert, daß er kein besseres Blatt zu haben scheint, legt ihre Karten offen. Sie war nicht zur Verabredung gekommen, hatte wegen der Beerdigung eines lieben Menschen nicht kommen können. Anders als die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschft läßt sich Jesse die Chance eines freistehenden Tores nicht entgehen. Er sei doch da gewesen, hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, sich hoch verschuldet, um sich nicht zu Schulden kommen zu lassen, die Liebe seines und einer anderen Leben zu vergeigen. Er habe zur Eröffnung der Pokerrunde nur nein gesagt, damit sie sich nicht so blöd vorkommen muß, für den Fall, keine guten Karten zu haben. Ganz der Kavalier, denn von jetzt an gehört als eine Faser in das Bündel ihrer verschiedensten Beweggründe das diffuse Gefühl, die Liebe ihres Lebens vergeigt zu haben, und nicht nur ihres, sondern auch Jesses, der es nicht versäumt, ihr alsbald davon zu erzählen, wie sehr ihm doch trotz günstigster Voraussetzungen und wirklich äußerst liebenswertem Nachwuchs die eigene Ehe wie ein Griff in die Kiste vorkomme. Vor allem, da er sie jetzt gerade vor Augen habe und sich partout nicht entscheiden kann, ob sie inzwischen älter aussehe, bevor sie sich nicht ihrer Klamotten entledigt habe. Sie ahnt, worauf er hinaus will. Würde sie jetzt nachgeben, wäre der Film zwar nicht gleich zu Ende, aber für den anspruchsvolleren Teil des Publikums furchtbar uninteressant. Also unterhalten sie sich weiter, darüber, daß sie sich in den vergangenen neun Jahren nicht mehr gesehen haben. Dabei hätten sie sich so oft zufällig treffen können. In New York etwa, wo sie drei Jahre lang an der NYU Politikwisschenschaften studierte und Broadway, Ecke 11te Straße zu Hause war. Auch er war von Texas nach New York gezogen, und wenn er nur gründlich genug in seiner Erinnerung krame, dann wäre da sicherlich ein Bild zu finden, wie sie in einem Deli am Broadway, Ecke 13te Straße einen Liter Milch mit einem Scheck bezahlt. Das Schicksal hat sie aneinander vorbei gehen lassen. Er heiratete eine andere Frau, und sie bilanziert für sich herzzerreißend, daß sie in ihren Liebschaften immer die letzte Freundin vor der Ehe war, ohne selbst jemals einen Antrag bekommen zu haben. Dabei sieht sie ziemlich Klasse aus, findet nach wie vor Jesse, und sucht weiter nach einem Weg. Sie hilft ihm, sagt, sie singe selbst geschriebene Lieder, begleite sich dabei auf der Gitarre, und die Gitarre stehe zu Hause. Er muß unbedingt ein Lied von ihr hören. Davon hängt jetzt ganz viel ab. Schließlich sitzt er auf ihrem Sofa, sie singt einen wunderschön-vorsichtigen Walzer, das Flugzeug wird ohne ihn starten, und der Film blendet ab.

Würden wir jetzt enttäuscht das Kino verlassen, wären wir nicht eingetaucht gewesen. So lesen wir also den Abspann. Danach haben die beiden Darsteller an Script und formaler Ausgestaltung des Films mitgewirkt, und nicht ohne Grund erschien Before Sunset über einige Strecken wie eine Improvisation, gefüttert aus Erfahrungen der Darsteller und des Filmemachers. Wir dürften uns also fragen, in wie weit die Realitäten des Films in der Wirklichkeit verankert sind. Wir könnten ergoogeln, daß Richard Linklater Texaner ist und der gleichen Generation angehört wie Jesse. Vielleicht war Linklater vor neun oder zehn Jahren mal in Europa, hatte von einer Französin geträumt, sich verabredet, war dann nicht wieder aufgtaucht, sondern hatte sich in Amerika dem hingegeben, was man in Amerika so macht. Alles möglich, wenngleich ohne weitere Bedeutung. Was bleibt, ist ein ästhetisches Ergebnis, ein Film und kein Streifen. Und Musik, denn in der Tat wurden die Songs des Films von Julie Delpy geschrieben und gesungen. Auch sie hat demnach ihren Erfahrungen mit der Liebe zwischen Zynismus und Romantik einen künstlerischen Ausdruck abgewinnen können.

Schließlich tauchen wir aus dem Kino wieder auf, und der persönliche, emotionale ph-Wert kann jetzt leicht an einigen Kriterien bestimmt werden. Neigt jemand etwa zur Verneinung der Frage, ob Jesse ein zweites mal, wie verabredet in Wien gewesen ist, liegt der Wert jedenfalls unter 6. Zur genaueren Bestimmung müsste man sich gegebenenfalls fragen, welche Wahrheit Celine ahnt, ob sie sein Interesse an ihrer Musik für primär, sekundär oder eher rudimentär hält, und ob sie, weil es ist, wie es ist, Liebe also nur das ist, was nicht stattfindet, traurig ist oder vielleicht frei mit Tucholsky sagen würde: "Darum wird beim Happy End im Kino immer abgeblend'."

Stefan Altevogt

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