Reichlich Intimitäten

Der überraschende Berlinale-Wettbewerbs-Sieger Intimacy (F 2000, R: Patrice Chéreau)
2001-02-01

Die ersten 45 Minuten von Intimacy sind ein erotischer Film, obwohl es da ein Paar gibt, das oft miteinander schläft. Danach geht der Film noch weiter, insgesamt zwei Stunden. Denn nach oder besser: hinter dem Sex – post coitus animal triste - soll es im wahren Leben Verwicklungen geben, die sicher auch nicht uninteressant sind, aber besser ein anderer Film gewesen wären. Im Gegensatz zum ersten muss man ihn nicht unbedingt gesehen haben.

Intimacy flirtet mit der Länge eines Rivettes-Films und einigen seiner Zutaten: Theaterproben, Zufälle, amour fou, ein Geheimnis bzw. eine geheimnisvolle Frau, lange Fahrten und Verfolgungen durch die Stadt, die lockere Verkettung von Motiven und Bildern, von denen man nicht immer weiß, warum sie in diesem Film sind. Doch auch wenn manch Blau in den Interieurs aussieht, als befände es sich in Paris, Intimacy ist kein Rivettes-Film. Er spielt in London und alle seine Geheimnisse werden Stück für Stück entblättert. Regie geführt hat Patrice Chereau. Zu seinem opulenten Königsdrama Reine Margot bildet Intimacy den diametralen Gegenpol. Gegenwärtiger und konzentrierter kann Jetzt nicht sein, als wenn es zwischen Zweien gleich wieder zu verschwinden droht. Insofern haben hier sogar die auf dieser Berlinale fast schon dogmatische Wackelkamera und ihre gespielten Zufälligkeiten Sinn. Dem Film liegen autobiografische Kurzgeschichten von Hanif Kureishi zugrunde. Chereau fand den Schauplatz London für sie zwingend, glaubte, ihnen ihre Zwangsläufigkeit und Atmosphäre zu nehmen, hätte er sie in eine andere Stadt verlegt.

Claire (Kerry Fox) kommt mittwochs von zwei bis vier zu Jay (Mark Rylance), um mit ihm zu schlafen. Zunächst zögert der überraschte Jay angesichts ihrer Offenheit. Claire, zwar entschlossen, aber nicht blind, rümpft die Nase über die männliche Schmuddligkeit im Haus. Dann fallen beide wortlos und gierig übereinander her. So geht das Woche für Woche. Immer ein anderer Sex, immer eine andere Berührung. So könnte es auch weitergehen. Nur durch den Sex lernen Claire und Jay sich kennen. Der Zuschauer dagegen, an Jays Seite und an seine Perspektive gebunden, erfährt darüber hinaus noch etwas über den Hintergrund der Figuren.

Jay hat kürzlich seine Frau und seine beiden Söhne verlassen. Er will allein sein, läuft mit Steppenwolfblick und Dreitagebart durch die Welt. Er hat seinen Traum aufgegeben, als Musiker zu arbeiten, um seine Familie zu finanzieren. Er wurde Chef-Barkeeper. In seinem Arbeitsalltag schaffen die Besuche bei den Söhnen und ein verschuldeter Freund Abwechslung – und natürlich Claire. Es taumeln auch noch Schwule, Bekiffte, Betrunkene und andere sogenannte Freunde durch den Film. Mit wem man so Umgang pflegt im harten London, wenn man keine Familie hat. Jay fühlt sein Leben darauf reduziert, der 'Mittwochsmann' zu sein. Als Claire eines Mittwochs nicht erscheint, beginnt das Warten. Jay sieht sie später zufällig auf der Straße und verfolgt sie. Von nun an ist es aus mit den Geheimnissen. Was steckt hinter der Leidenschaft der Frau?

Mit Jay findet man nach und nach heraus, wer Claire sein soll. Sie ist eine begnadete Liebhaberin, erweist sich aber als unbegabte Schauspielerin. Davon gibt es im Film noch eine andere gekonnt das Ungekonnte mimende: Claires einsam alternde Freundin, gespielt von Marianne Faithful. Sie treten in einem Kneipenkeller auf. Claire gibt außerdem Laienkurse. Ein Kind hat sie auch und einen nicht so sympathischen, dicken Taxifahrer zum Mann. Dem drängt Jay sich auf und erzählt ihm, dass er's mit einer verheirateten Frau treibt. Der Ehemann weiß nicht, dass es sich um seine Frau handelt, denkt zumindest Jay. Was macht die sensible Frau mit dem plumpen Mann? Welch anderer Sex muss das sein! Möchte man sich solche Gedanken machen? Wie jemand fickt und schwitzt, aus der Perspektive dessen, von dem man nach dem besseren ersten Film annehmen muss, dass er in dieser Disziplin siegt. Aber es gibt noch andere Konkurrenzen.

Der Ehemann hat Claire einst gerettet, als es ihr schlecht ging, ihr ermöglicht, Schauspielerin zu werden, wenn auch eine unbegabte. Er sieht's mit an, lässt sie machen, was sie will, einschließlich der Mittwochnachmittage. Jay ist nicht der Erste und wird nicht der Letzte sein. Die Tragödie der Verletzung, die nicht aufhören soll. So eine Frau bekommt er nie wieder. Auch Claire will sich nicht trennen. Warum konsequent sein wie Jay? Das macht unglücklich. Das sieht man doch. Ein bisschen Heimat muss sein, da, wo man zu Hause ist. Das schweißt zusammen. Nachdem geklärt ist, wer wo hingehört, wird der Sex wieder besser am Mittwochnachmittag, aber nicht wieder schön. Nicht weil er nicht mehr so anonym und nun intim geworden ist, sondern weil er frei war und jetzt ein Notprogramm.

Intimacy ist vielleicht ein Film darüber, dass Intimität und Klebrigkeit nicht das Gleiche ist. Die Claire von Kerry Fox repräsentiert diesen Unterschied. Welche Angst, welches Leiden an ihr auch entlarvt wird, man kann es ertragen. Sie ruht dennoch in sich, in ihren Bewegungen, im Augenblick. Sie ist, wie sie ist. Sie muss nicht raus aus ihrem Leben wie Jay oder wäre es gern bereits wie ihr Ehemann. Dass es anders sein soll, als es herauskommt, ist die Peinlichkeit, nicht dass jemand zu schwach ist für Veränderungen.

Christine Daum

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