Pensionierung und Paranoia

Sean Penns Dürrenmatt-Remake The Pledge (Das Versprechen) in Starbesetzung
2001-10-01
Das Versprechen Sean Penn, USA 2001

"Es braucht unter Umständen verdammt wenig, bei bestimmten seelischen Voraussetzungen: etwas geänderter Stoffwechsel, einige degenerierte Zellen, und der Mensch ist ein Tier." Das sagt der Psychiater Munz zu Kommissar Matthäi in Dürrenmatts Film Es geschah am hellichten Tage von 1958. Tiere tauchen hier noch öfter auf, doch kein Kino hat sich so intensiv mit Tieren und deren Verhältnis zum Menschen beschäftigt wie das amerikanische: Sie sind dort des Menschen bester Freund oder seine größte Bedrohung, können aus seinem Innern hervorbrechen oder seine Züge annehmen. Mit Sean Penns drittem Film The Pledge, dem jüngstem Remake von Es geschah am hellichten Tage, verhält es sich da nicht anders. Penn greift die animalistischen Motive des Originals begeistert auf. Der Kommissar - er heißt hier Black - hat eine veritable Angelleidenschaft entwickelt, deren Techniken er auch auf seinen Beruf überträgt: Zum gejagten Wild macht er den Mörder von drei kleinen Mädchen, zum Köder ein viertes Mädchen. Daß es sich beim Täter nur um ein Tier handeln kann, davon war schon Krolak, Blacks Nachfolger im Morddezernat, überzeugt. Als ein solches bezeichnete er zumindest den geistig behinderten Indianer Wadenah, bevor er ihn qua Suggestion zu einem scheinbaren Geständnis brachte und so in den Selbstmord trieb. Black, der an Wadenahs Unschuld glaubt, werden später Stachelschweine auf die Spur eines anderen Verdächtigen führen, zu dem ihm andererseits eine Kuhherde den Weg versperren wird. Schon vorher hatte sich Black durch einen ganzen Stall voller Truthähne kämpfen müssen, um zu den Eltern von einem der ermordeten Mädchen zu gelangen. Am Ende aber nimmt man Black seinen Köder weg, das Wild entwischt, und der in sengender Hitze vor seinem Hochsitz, einer Tankstelle, ausharrende Black mutiert selbst zum Beutetier, über dem schon die Vögel kreisen.
Diese Verkehrung von Jäger und Wild bringt uns auf die eigentliche Problematik des Films. Dürrenmatts Roman Das Versprechen, eine spätere Umarbeitung von Es geschah am hellichten Tage, trägt den Untertitel Requiem auf den Kriminalroman. Auf dessen Demontage zielt das Buch in doppelter Hinsicht: Zum einen zieht es die Gewißheit des Detektivs über die rationale Berechenbarkeit der Welt in Zweifel. Während nämlich im Film Matthäi seinen Verdächtigen Schrott überführen kann, scheitert dies im Roman am Zufall, nämlich an einem Autounfall Schrotts. Freilich bekommt Matthäi auch hier am Ende doch noch Recht, da Schrotts Frau die Morde ihres Mannes gesteht. Zum anderen hinterfragt Dürrenmatt die klare moralische Opposition von Detektiv und Täter. Denn moralisch zweifelhaft ist nicht erst das Unterfangen, ein Mädchen als Lockmittel für den Mörder zu benutzen, sondern schon das Versprechen, das Kommissar Matthäi den Eltern der ermordeten Gritli gibt, denen er die Aufklärung eines Falles zusichert, mit dem er überhaupt nicht betraut ist - eine innere Annäherung von Detektiv und Mörder, die durch äußere Übereinstimmungen noch einmal unterstrichen wird.
Penns Film treibt diese Infragestellung des Detektivs ein gehöriges Stück weiter, indem er zunächst die beiden von ihm vorgefundenen Aspekte radikalisiert: Die Frage nach dem Schuldigen bleibt hier nicht nur subjektiv - durch und für den Kommissar -, sondern objektiv - für den Zuschauer - ungeklärt. Moralisch noch fragwürdiger als Matthäi erscheint Black insofern, als er im Unterschied zu jenem bis zum Schluß an dem Mädchen als Köder festhält und die Mutter über sein Tun unaufgeklärt läßt. Auch die äußeren Ähnlichkeiten zwischen Detektiv und Mörder haben sich vermehrt: Penn genügt es nicht, daß Black auch hier fremde Kinder anspricht. Er führt darüberhinaus sowohl Black als auch Jackson zunächst nur durch ihre Autos ein und zeigt erst später ihre Gesichter.
Vor allem aber führt Penn eine dritte Unterminierung des Detektivs ein. Denn der ist zwar in beiden Versionen Junggeselle, doch wird Matthäi lediglich ins Ausland, Black dagegen in den Ruhestand versetzt. Matthäi ist daher nur durch die Mordfälle, nicht aber durch seinen Weggang emotional berührt und nimmt das Mädchen und seine Mutter aus rein kriminologischem Kalkül bei sich auf. Black dagegen sieht sich durch seine Pensionierung mit der eigenen Nutzlosigkeit, der Einsamkeit, dem Alter konfrontiert und daher in einen psychisch labilen Zustand versetzt, der sich in Sinnestäuschungen und Fehlleistungen bemerkbar macht. So gelingt es Black z.B. gegenüber seinem ehemaligen Vorgesetzten Pollack erst nach mehreren Anläufen, den Namen einer Freundin des ermordeten Mädchens korrekt auszusprechen, womit Penn dem Titel Das Versprechen, der sich ursprünglich bloß auf den Schwur des Kommissars bezieht, einen schönen Doppelsinn abgewinnt. Lori und Chrissy sind für Black folglich auch mehr als bloß ein Mittel zur Aufspürung des Täters, nämlich ein Familienersatz. Doch auch hierdurch läßt sich nicht abwenden, daß sich Blacks psychische Verwirrung immer mehr steigert und am Ende in offenen Wahnsinn umschlägt.
Diese dritte Demontage des Detektivs verstärkt die beiden ersten Infragestellungen ein weiteres Mal. Denn Black ähnelt dem Bild, das er sich von seinem Verdächtigen macht, nun nicht mehr nur aufgrund seiner moralischen Anfechtbarkeit, sondern auch aufgrund seiner sozialen Isolation und psychischen Labilität. Und Blacks epistemische Sicherheit wird durch die Trübung seiner Wahrnehmung, die zunehmend paranoische Züge annimmt, vollends zunichte: Black nimmt Bilder und Reden, die vielleicht nicht mehr als kindliche Imaginationen darstellen, für bare Münze und sieht eine von Jackson gekreuzigte Chrissy, wo in Wirklichkeit ein harmloser Gottesdienst abgehalten wird. Matthäi brauchte nur an der Vernünftigkeit der Umwelt zu zweifeln, Black kann sich seiner eigenen Vernünftigkeit nicht mehr sicher sein.
Nicht nur der Kommissar, auch die Elternfiguren sind bei Penn viel emotionaler als bei Dürrenmatt gestaltet. Diese Psychologisierung bekommt dem Stoff nicht immer gut, sondern lädt ihn zusammen mit der Einführung christlicher Motiven mit jenem sentimentalen Pathos auf, von dem sich das amerikanische Kino anscheinend auch dann nicht frei machen kann, wenn es - wie im Falle Penns - mit dem Anspruch auftritt, sich von den Formeln des mainstream zu befreien. Dürrenmatts Humor bleibt dabei weitgehend auf der Strecke, bricht nur noch selten und wohl eher unfreiwillig durch, etwa in Blacks Schreckensvision in der Kirche. Wo Dürrenmatt das Kriminalgenre zur Tragikomödie hin überschreitet, geht Penn eher in die Richtung des Melodrams und landet dabei in der Nähe von Egoyans The Sweet Hereafter.
Glücklicherweise wird das Pathos durch die hervorragenden schauspielerischen Leistungen, vor allem durch diejenige Jack Nicholsons als Black, wieder etwas gedämpft. Daß Nicholson Wahnsinn darstellen kann, weiß man seit Kubricks Shining. Auch in den Nebenrollen wartet The Pledge mit einer nicht abreißen wollenden Kette von Stars auf, die von Vanessa Redgrave über Benicio del Toro, Mickey Rourke und Harry Dean Stanton bis zu Sam Shepard reicht.
Aber vielleicht ist die Analogisierung von Detektiv und Mörder gar nicht das eigentlich Interessante an Penns Film. Sie war schon zu Dürrenmatts Zeiten keine neue Idee mehr, sondern längst durch den film noir antizipiert. Spannender an The Pledge könnte eine zweite Analogisierung sein, nämlich diejenige von Detektiv und Gesellschaft, findet doch Jacksons Pathologisierung durch Black ihr Echo in Blacks Pathologisierung durch die anderen Figuren: Pollack empfiehlt Black, einen Psychiater aufzusuchen. Die Psychologin, der er einige Zeit später aus anderen Gründen gegenübersitzt, erkundigt sich bei ihm nach eventuellen Halluzinationen und sexuellen Aktivitäten. Lori wird ihn schließlich einfach für verrückt erklären. Da aber Jacksons Schuld objektiv ungeklärt bleibt, ist völlig offen, welche der beiden Pathologisierungen die eigentlich paranoide ist. Die Panik gegenüber allem irgendwie Normabweichenden ist dann aber kein individuelles Problem mehr, sondern ein gesellschaftliches. Und es scheint, als habe Penn damit wider Willen ein ziemlich kritisches Licht auf die derzeitige politische Stimmung in seinem Land geworfen.

Lars Nowak

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