Pecker

R: John Waters, USA 1998
2005-12-01

"You see art when there's nothing there...", sagt Shelley (Christina Ricci) zu Pecker (Edward Furlong), während sie sich bei ihrer Arbeit in einem Waschsalon von ihm zum Model stilisieren lässt. Pecker hält geradezu obsessiv den Alltag des verschlafenen Baltimore fotografisch fest: Durchschnittsmenschen auf der Straße, Kakerlaken in Pommes Frites, lesbische und schwule Stripper werden mit dem leisen Klicken seiner second-hand Kamera registriert und kraft des Mediums in ein ästhetisches Bild übersetzt. Filmisch findet dieses Sujet - die Fotografie - durch Schiebe- und Irisblenden im Übergang von einem zum nächsten Bild seine Entsprechung. Kunst und Leben liegen in Pecker so eng beieinander, dass mit dem Betätigen des Auslösers allenfalls kurze Momente der Intervention entstehen, nie aber das Leben durch das fotografische Bild angehalten wird.

Erst die Überführung der Alltagsbilder in einen anderen Kontext und Peckers Aufstieg zum Shooting Star der New Yorker Kunstszene, hier repräsentiert durch Cindy Sherman (herself) und Greg Gorman (himself), löst den Stillstand dieses Lebens aus. Fortan widersetzen sich die Objekte dem Fotografen nicht nur, sondern es wendet sich auch sein Medium gegen ihn. Shelley bannt den Kuss, den Pecker sich von seiner Galeristin abringen lässt, wie zum Beweis seiner Untreue auf den Film einer Einwegkamera. Das Leben wieder zu reanimieren, gelingt in der Wiederaneignung des Territoriums durch eine ironische Umkehrbewegung. "New York goes Baltimore" könnte der fiktive Ausstellungstitel heißen: Statt "Low Life" aus der Provinz ins Whitney Museum zu importieren, werden lebensgroße Abzüge der eigens angereisten Galeristen, Sammler und Kritiker in "Pecker's Place" in Baltimore ausgestellt. Am Ende liegen sich alle versöhnlich in den Armen - Jung und Alt, Homo und Hetero, Banause und Kunstkenner. Das geronnene fotografische Einzelbild löst sich wieder in Bewegung auf und inspiriert Pecker - die Hände zu einer nach oben offenen Kadrage vor das Auge haltend - im Medium Film weiterzudenken. Waters schließt an diese Geste an, wenn er gleich darauf Cecil B. Demented dreht.

Pecker ist ein Film über Obsessionen, die in der filmischen und fotografischen Arbeit Waters' immer wieder zur Schau gestellt werden. Waters' Lust am Bild zeigt sich hier nicht zuletzt in übersexualisieren Schnappschüssen und ihrer Entwicklung im "Dark Room". Seine Bildarbeit nimmt das Medium in potenzierter Weise in den Blick: Während Waters in Pecker und Cecil B. die Fotografie und den Film in das filmische Medium integriert, hält er im Medium Fotografie in archivarischer Manie fest, was ihm in der Filmgeschichte begegnet. Die Ausstellung "Change of life" im New Museum in New York versammelte im Frühjahr letzten Jahres zahlreiche seiner Bildschirmfotografien und Fotomontagen. Erstmals seit ihrer Premiere in den 1960er Jahren in Baltimore brachte die Ausstellung auch drei frühe Waters-Filme nach New York.

Stefanie Schlüter

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