No 14: Audio History

Editorial

Audio History fragt nach dem Zusammenhang von Filmsound und Geschichte. Inwiefern kann Filmsound Geschichte auditiv generieren, modellieren oder erfahrbar machen? Handelt es sich bei der Tonspur des Films auch ganz wortwörtlich um eine Spur, die man als solche – also als Spur – hören kann? Und lässt sich aus den ‚Tonspuren‘ des Films Historisches herausdeuten? Oder handelt es sich beim Filmsound vornehmlich um einen Teil der kulturellen Produktion, die ein signifikantes Doppelspiel treibt, indem sie sinnstiftende Artefakte (Stories) mit hervorbringt, also Töne generiert und modelliert und dabei gleichzeitig selbst immer historisch gebunden ist (materiell, technisch)? Im Unterschied zum filmischen Erzählen (von Geschichte) und zu den Versuchen der Visual History, Geschichte aus fotografischen und filmischen Bildern herauszulesen, ist die Möglichkeit, den Filmsound im Hinblick auf Geschichte zu befragen und zu deuten, bisher selten thematisiert oder ausführlich reflektiert worden.

Nach dem Film No 14 steht ganz im Zeichen einer solchen Audio History des Films und versammelt Beiträge, die ausgehend vom Ton das Verhältnis von Film und Geschichte neu befragen. In einem programmatischen Text wird versucht, das Forschungsfeld zu erschließen und eine kritische Untersuchung von spezifischen Arbeitsbereichen anzuregen (Rasmus Greiner / Winfried Pauleit). Rasmus Greiner untersucht einen dieser Arbeitsbereiche, die geschichtsmodellierende Dimension des Filmtons, am Beispiel dreier höchst verschiedener Kurzfilme: den Animationsfilmen SILENCE (1998) und HELDENKANZLER (2011), sowie dem experimentellen Essayfilm NICOLAE UND ELENA (1991). Bernhard Groß konzentriert sich auf den dynamischen Wandel der spezifischen Spannung zwischen dem Auditiven und dem Visuellen am Beispiel von MORITURI (1948), und bindet damit auch das Bild in seine Überlegungen zur Historizität des Films ein. Volko Kamensky und Julian Rohrhuber gehen von der praktischen Tonarbeit aus und kommen am Beispiel ihres eigenen Filmes ALLES WAS WIR HABEN (2004) auf eine „heterochrone Indexikalität“ dokumentarischer Tonfilmproduktionen zu sprechen. Winfried Pauleit schildert, wie der Künstler Roland Albrecht in seinem „Museum der Unerhörten Dinge“ nicht nur Objekte in einer literarischen Wunderkammer beschreibt, sondern auch Töne aufnimmt und sammelt – und diese in der Videoarbeit 4 Orte: 100 Töne zu historisch geschichteten Tonkompositionen und audio-visuellen Montagen verbindet. Dass Geschichte auch aus einem Netzwerk von Stimmen hervorgehen kann, zeigt Bettina Henzler, die hierbei auch die auditive Herausbildung einer subjektivierten, feministischen Gegen-Geschichte am Beispiel von DEUTSCHLAND, BLEICHE MUTTER (1980) konturiert.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausgabe liegt auf der medienhistorischen Entwicklung spezifischer Sounds der Geschichte. Mit dem „akustischen Off des Kinos“ beleuchtet Robert Geib die Spuren des ‚Benshi‘ (des japanischen Filmerklärers) und der besonderen Akustik des japanischen Stummfilmkinos. Sigrun Lehnert forscht nach Ursprung und Entwicklung der Musik in der Neuen Deutschen Wochenschau, die einen prägenden Einfluss auf die Rezeption dieses Formates hatte. Dem wohl einschneidendsten Ereignis der jüngsten Zeitgeschichte nähert sich Tullio Richter-Hansen, indem er die auditive Dimension des US-Spielfilms nach 9/11 als „Soundscape des Terrors“ konturiert. Einen ganz eigenen, medienhistorischen Zugang zur Audio History entwirft Klaas Dierks in einem Videointerview, das er mit der Filmemacherin Hito Steyerl geführt hat. Alejandro Bachmann reflektiert mit seinen Überlegungen zu einem Filmprogramm, das Filme aus den Jahren von 1929 – 1996 umfasst, das Verhältnis von Geschichte und Filmton aus der Perspektive eines Kurators und Filmvermittlers.

Die Idee für die No 14 ist im Kontext eines Forschungsprojekts zur Audio History des Films an der Universität Bremen entstanden. Wunsch und Ziel von Nach dem Film No 14 ist es, eine facettenreiche Sammlung von Ansätzen und Überlegungen zu Filmsound und Geschichte zusammenzutragen, um damit eine produktive Weiterarbeit am Thema zu initiieren. Wir danken an dieser Stelle allen, die an dieser Ausgabe mitgewirkt haben.

Rasmus Greiner und Winfried Pauleit

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