No 12: Lachen im Kino und auf der Leinwand

Editorial
Lachen ist nicht gleich Lachen. Sowohl im Kino als auch in der Welt des Films sind die Spielarten des Lachens variantenreicher, als es in der Filmwissenschaft zum Ausdruck kommt. Dort wird das Lachen meist im Zusammenhang mit der Komödie behandelt. Im Kinosaal reagieren die Lachenden jedoch nicht nur auf etwas Witziges, Komisches, Humorvolles. Und auch im Film entfaltet sich ein breites Spektrum des Lachens, das über das Lachen des Komikers oder das schadenfreudige Gelächter anderer Filmfiguren über ihn hinausgeht.
 
Eine Kino-Szene aus Alan Parkers "Angela's Ashes" (1999)
 
Die Filmtheorie hat in den vergangenen Jahren zwei folgenreiche Nachjustierungen vorgenommen. Zum einen wurde dem leiblichen Erleben des Zuschauers – sei es im Kino, in der Galerie oder an einem anderen Ort – wieder größere Aufmerksamkeit zuteil. Zum anderen werden seit einiger Zeit verstärkt die intersubjektiven und interaktiven Erfahrungen des Publikums mitbedacht. Im Zuge dieser Neuorientierung kommt dem Lachen eine zentrale Stellung zu. Denn einerseits gehört das Ausbrechen ins Gelächter zu den heftigsten leiblichen Reaktionen, die einem Zuschauer widerfahren können. Andererseits hat das Lachen häufig auch eine mitteilende Funktion. Wer lacht, bringt sich immer in ein bestimmtes Verhältnis zu den anderen Leuten im Publikum. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Nichtöffentlichkeit und Vereinzelung der Filmrezeption gewinnt die Frage nach dem Lachen des Zuschauers zusätzlich an Bedeutung.
 
Unter diesen Voraussetzungen ist es erstaunlich, dass die enorme Bandbreite des Lachens nur sehr begrenzte filmwissenschaftliche Überlegungen nach sich gezogen hat. Natürlich: Es gibt unzählige Studien zur Komödie. Doch abgesehen von einigen verstreuten Bemühungen bleibt die Diskussion über das Lachen selbst merkwürdig stumm. Nach dem Film widmet sich deshalb in der No 12 dem Lachen im Kino und auf der Leinwand.
 
Wie sich in den sieben Beiträgen zeigt, drückt das Lachen eben nicht nur unschuldige Freude oder Heiterkeit aus. Wer im Kino lacht, kann damit den Geschmack anderer Zuschauer geringschätzen, sich als lehrmeisterlicher Connaisseur aufspielen oder bewegende Immersionsmomente anderer zerstören – wie Julian Hanich in seiner eröffnenden Typologie des Kinolachens zeigt. Man kann mit seinem Lachen auch unbeabsichtigt die eigene Unwissenheit über andere Kulturen zu Gehör bringen, wie die Ethnologin Elke Regina Maurer anhand der Rezeption des Films Die weiße Massai nachweist. Anders herum kann das Lachen ein Ausdruck des Nachdenkens und der Skepsis sein (Hans Jürgen Wulff). Oder es kann als Ausgangspunkt für kritische Gedanken über das Kino und andere Medien dienen (Rainer Stollmann). Claudia Walkensteiner-Preschl und Sarah Greifenstein untersuchen in ihren Beiträgen, wie die Inszenierung der Schauspieler-Körper im Slapstick des frühen Kinos bzw. in den Screwball Comedies des klassischen Hollywoodfilms zum Lachanlass wird. Und wenn schon Zuschauer lachen und Figuren lachen – können dann nicht auch Filme lachen? Das ist die Pointe des Aufsatzes von Christiane Voss, der diese Ausgabe von Nach dem Film zu ihrem überraschenden Ende bringt.
 
Zu den Sachen selbst! fordert die Phänomenologie. Die Autoren der sieben Essays haben diesen Leitspruch ernst genommen – und sich aufgemacht: Zu den Lachern selbst! Angesichts der dabei gewonnenen Erkenntnisse, wäre es vermutlich nur halbwegs angemessen, dem Leser zu wünschen: Viel Spaß dabei!
 
Julian Hanich und Winfried Pauleit

 

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