No 11: Die kleine Form

Editorial
01/04/2010

Kleine Formen umgeben uns. Sie begegnen Lesern, Betrachtern, Usern und Zuschauern gleichermaßen. Die Vielfalt der kleinen Formen scheint unerschöpflich. Roland Barthes hat die kleine Form ausgehend von der literarischen Schreibpraxis in einer Vorlesung untersucht. Der Titel der Vorlesung lautet „Die Vorbereitung des Romans“. Mit dem Begriff der kleinen Form bezeichnet Barthes eigentlich eine literarische Vorstufe. Die kleine Form erscheint damit wie ein Zwischenschritt auf dem Weg zu Roman, Film, Theater – zum großen Werk.

Der Witz bei Barthes ist aber, dass er die Vorstufe in seiner Vorlesung ins Zentrum rückt und zur eigenständigen Form werden lässt. Eine zentrale Referenz zur kleinen Form ist bei Barthes der Haiku. Was Barthes an der kleinen Form fasziniert ist ihre Verbindung zum Realen – zum „Span des Gegenwärtigen“, der in ihr auftaucht. Dass ein Text kurz ist, heißt also noch nicht, dass er als kleine Form durchgeht. Die kleine Form hat zwar eine quantitative Dimension. Und Barthes schreibt mit Bezug auf Valéry, dass die kleine Form „in der Größenordnung eines Gedankens“ angesiedelt sei.

Unsere Titelfotografie zeigt die gestalteten Notizhefte von Heinz Emigholz, die in der Ausstellung im Hamburger Bahnhof „Die Basis des Make-Up“ (2007/2008) zu sehen waren. Auch die Notizhefte von Heinz Emigholz sind kleine Formen – materielle Vorstufen – für die Filmtrilogie THE BASIS OF MAKE-UP I, II und III.

Nach dem Film hat die Frage gestellt, inwiefern die kleine Form, die Barthes ausgehend von der literarischen Schreibpraxis skizziert hat, für den Film und die technischen Bildmedien in Anschlag gebracht werden kann. Wie lässt sich die kleine Form übertragen oder weiterdenken in Bezug auf bewegte und elektronische Bilder, auf Film und Audiovisualität?

Nach dem Film erscheint mit der No 11 nach einer längeren Pause mit leicht verändertem Gesicht. Die Programmierung hat ein Update erfahren. Damit kann das e-journal in Zukunft zweimal im Jahr mit einer neuen Ausgabe erscheinen.

Für die Redaktion
Sabine Nessel, Winfried Pauleit

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