Nieder mit der Realität. David Cronenbergs eXistenZ

1999-12-01

In Matrix kämpfte Keanu Reeves als lässiger Hightech-Messias gegen eine gigantische Computersimulation, die von tückischen Maschinen zur Täuschung der Menschheit ersonnen wurde. Am Ende entläßt Reeves die Menschen in eine unendlich triste, aber reale Welt. Die ketzerische Überlegung, ob nicht eine sympathische Illusion der traurigen Realität durchaus vorzuziehen sei, bleibt in Matrix dem Teufel überlassen.

Eine genau gegenteilige Weltauffassung entwickelt David Cronenberg in eXistenZ. Auch in Cronenbergs Zukunft hängt die Welt am Netz. Die Menschen sind einer kollektiven Spielleidenschaft verfallen. Die meiste (und beste) Zeit ihres Lebens verbringen sie in den virtuellen Welten ausgeklügelter Computerspiele. Die Erfinder dieser Spiel-Welten werden von den Usern als Megastars verehrt. Nur eine kleine Gruppe fanatischer ‘Realisten‘ kämpft gegen die allgegenwärtige Simulation. Sie hat über die Spiele-Designer eine Art ‘Fatva‘, ein religös bedingtes Todesurteil, verhängt und verbreitet mit ihren Terrorakten Angst und Chaos in der schönen neuen Computerwelt. Die mörderischen Fanatiker glauben blind an die eine, einzig wahre Realität, und sie wollen nicht begreifen, daß alle von Menschen erdachten und belebten Kunst-Welten ebenso zur menschlichen eXistenZ gehören, wie die scheinbar so einzigartige und unabänderliche Realität.

Cronenberg hingegen hat schon immer gewußt, daß Realität nur im Plural zu haben ist, und sein Film wechselt so virtuos zwischen den einzelnen Realitätsebenen hin und her, daß auch der Zuschauer sich schnell dem schönen Schein ergibt.

Um zu verdeutlichen, daß die simulierten Parallelexitenzen nicht zwangsläufig in eine kalte und zerstörerische Ersatzrealität münden müssen, hat Cronenbergs bewährte Produktionsdesignerin Carol Spier die nötige Hardware für die verspielte Zukunft nicht etwa im gewohnt mattschwarzen Techno-Look gestylt, sondern die Spielkonsolen der Zukunft sind zur Gänze aus organischem Material und werden per ‘Bio-Port‘ direkt in die Wirbelsäule des Spielers eingestöpselt. In Cronenbergs Zukunft gibt es keine scharfkantigen Apparaturen mit blitzenden Leuchtdioden und giftig-grünen Displays, sondern nur weiche, hautfarbene, sanft strahlende oder pulsierende Bioformen. Technik ist kein fremdes Gegenüber, sondern – Utopie aller Hightech-Visionäre – die natürliche Erweiterung des menschlichen Körpers.

Mit diesem Look illustriert Cronenberg schlagend seine zentrale These von der Ununterscheidbarkeit innerer und äußerer Welten. Gleichzeitig ist er aber sicher auch sehr viel näher an der tatsächlichen Zukunft der Technik, als seine Kollegen von Matrix, Star Wars oder 13th Floor.

Ganz nebenbei kann Cronenberg mit den organischen Bedienerkonsolen außerdem den Anspruch seiner eingefleischten Fans auf ein paar richtig eklige Bilder befriedigen, und vor allen Dingen konnte er so die Produktionskosten unauffällig minimieren. Die designerische Sparsamkeit schenkt Cronenberg wieder einmal die notwendige Unabhängigkeit vom großen Studiogeld. Er kann seine Fabel daher feingliedrig entwickeln, anstatt auf der vergeblichen Jagd nach Quotenguckern von Höhepunkt zu Höhepunkt zu hetzen. Und seine Darsteller bekommen die immer seltenere Möglichkeit, ihre Charaktere zu erforschen, anstatt dem Publikum mit eindimensionalen Handlungsmustern das Denken abzunehmen.
Ein Kassenknüller wie Matrix läßt sich mit so etwas natürlich nicht erzielen. Aber Realität – wir wissen es – ist nur in der Mehrzahl zu haben, und manche behaupten sogar, es gäbe auch mehr als nur das eine Kinopublikum.

eXistenZ, Buch und Regie: David Cronenberg, Schnitt: Peter Suschitzky, Kostüme: Denise Cronenberg, Musik: Howard Shore, Darsteller: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Willem Dafoe, Ian Holm, Kinowelt, Kanada 1999

Welf Kienast

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