Nach dem Fall kommt der Entertainer

Benjamin von Stuckrad-Barre muß man hören
1999-12-01

Als Berlin am 9. November 1999 mit Helmut Kohl, George Bush, Michail Gorbatschow und Gerhard Schröder auf die Zukunft anstieß, war die Zukunft nicht da. Die Zukunft stand Schlange bei Kiepert in den Schönhauser Allee-Arcaden und hat gelesen. Genauer: Der 24 Jahre junge Autor und F.A.Z.-Redakteur Benjamin von Stuckrad-Barre las aus seinen zwei neuen Bänden Livealbum und Remix, und eine beachtliche Schar junger Leser und Leserinnen zwischen 16 und 24 Jahren hat ihm dabei zugehört. Vermutich noch nie gab es eine vergnüglichere Lesung, und lange nicht durfte man so zuversichtlich in die Zukunft blicken: Diese Jugend hat Humor und sie besitzt zudem mehr Intelligenz, als manche ihr bisweilen zutrauen; zwar sieht sie viel fern, läßt sich aber von der Unterhaltungsindustrie der Großväter längst nicht mehr für dumm verkaufen, ob sie nun Rolling Stones, Lauterbach oder Schröder heißen:

„Die Schröders kommen aus Bad Gandersheim, haben laut gern erzählter Schnurre ihren Bandnamen ‘aus dem Telephonbuch‘ und die bedauerliche Lyrik dann wohl aus den gelben Seiten: ‘Du bist nicht so geil wie Eva, die ist ohne Worte‘, wird geröhrt, als gelte es, auf einem Schützenfest die Wahl der Miss Sauerkraut voranzutreiben.“

So sind wir an diesem Abend also doch noch bei den Schröders angekommen. Das kam so: von Stuckrad-Barre bot 100.- DM in bar dem, der sich bereit erklärte, unverzüglich zum Brandenburger Tor aufzubrechen und von dort viertelstündlich per Handy Meldung zu erstatten. Schweren Herzens, aber unter jubelndem Applaus verabschiedete sich Matthias aus dem Publikum, um den Auftrag auszuführen. Damit war nicht nur die Stimmung gleich zu Beginn der Lesung mit doppelter Erwartung aufgeheizt, das Publikum konnte sich nun auch voll und ganz seinem Autor widmen, in der sicheren Gewißheit, auch von dem historischen Augenblick auf der Straße nichts zu verpassen. Daß von Stuckrad-Barre selbst ein äußerst gewitzter Unterhaltungskünstler ist, hat das Feuilleton bisher verschwiegen.

Der Rest ist bekannt: Nachdem sein Erstlingswerk Soloalbum im vergangenen Jahr ein ziemlicher Erfolg wurde – schlecht weggekommen ist dieser Roman ja lediglich bei der Literaturkritik, nicht aber bei den Lesern – legte der Verlag in diesem Jahr zwei weitere Titel nach.

Livealbum, eine Art autobiographisch angefütterte Erzählung über die Lesereise eines jungen Schriftstellers durch die deutsche Provinz, ist in gewisser Weise noch mehr der Oberfläche verpflichtet als sein Vorgänger. Der Protagonist, zugleich der namenlose junge Ich-Erzähler, bleibt ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Hat der Erzähler in Soloalbum durch die unglückliche Liebesgeschichte noch so etwas wie eine Vergangenheit, an der das Erzählte sich reibt, erfährt man in Livealbum fast nichts mehr über ihn; außer daß er immer häufiger zum Koks greift, Figurprobleme hat und sich deswegen immer wieder über die Kloschüssel beugt. Dafür erzählt er eine Menge über seine Begegnungen auf dieser Reise: Buchhändler, Lehrer, Journalisten, Mitreisende, Jungs und Mädchen (sein Publikum eben) – Begegnungen, die er mit einem erbarmungslos entlarvenden Blick, aber auch mit ebenso viel Witz beschreibt. Dieser Blick jedoch gleitet einzig über die Oberfläche und geht niemals in die Tiefe. Das macht Livealbum zu einem Lesevergnügen so leicht hin.

Noch leichter und schneller kommen die in Remix versammelten kurzen Texte aus den Jahren 1996 bis 1999 daher. Ein Gag jagt den anderen, Essais, Porträts, Reportagen, Kurzgeschichten über die Banalität des Alltags, den Rausch, sei es durch Popmusik, sei es durch Kokain, durch Liebe, Haß und die ganze bunte Welt des Showbusiness.

„Das ist doch oberflächlich! ruft da jemand im Pepita-Jackett, und ich danke für dieses Zuspiel; exakt so ist es – oberflächlich, rein äußerlich präsentiert sich die Gegenwart, und wir schauen dahinter, indem wir nicht verschwörerisch mutmaßen und kombinieren, sondern den Dingen ihre Oberfläche, ihr Image lassen. Alles ernst nehmen. Und damit nichts. Es geht um Wirklichkeit, nicht um Wahrheit.“

Diese kurze Reflexion aus Remix über die Harald-Schmidt-Show, für die von Stuckrad-Barre offenbar als Gagschreiber tätig war, trifft auch auf seine eigenen Texte zu. Ohne die Welt des TV, der Talk-, Schmidt- und Comedy-Shows sind die Texte von von Stuckrad-Barre nicht denkbar. Sie sind angedockt an diese Medienwelt, diese reale Scheinwelt, die wir uns täglich um die Ohren hauen. Im Sich-beziehen auf diese Welt wird der Autor zum Entertainer.

Das ist aber alles kein Grund, auf Benjamin von Stuckrad-Barre böse zu sein. Ein Entertainer ist eben kein Schöngeist, will er ja vielleicht auch gar nicht sein, aber das können hierzulande eben einige immer noch nicht verstehen. Die wollen, daß man ernst macht mit der Literatur.

Zurück aber kommt unser Freund Matthias von seinem Streifzug durchs Brandenburger Tor. Wir haben ihn im Lauf der Lesung lieb gewonnen und auch er hat ein Mitbringsel für uns dabei. So herzlich ist noch kein Leser von seinem Autor empfangen worden: „Es macht mich so froh!“ Matthias lacht. Wir dann auch.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum, Roman,1998, Paperback, 16,90 DM. Livealbum, Erzählung, 1999, Paperback, 16,90 DM. Remix, Texte 1996-1999, 1999, Paperback, 18,90 DM.

Ute Volknant

in