Mehr als Hautskelette und Knochenmänner: Der Totentanz im Film

Zu Jessica Nitsche (Hg.): Mit dem Tod tanzen: Tod und Totentanz im Film, Berlin: Neofelis Verlag 2015, 284 S.
23/9/2015
Ausschnitt Buchcover: Mit dem Tod tanzen

Wie lustvoll und befreiend die Inszenierung eines Totentanzes wirken kann, zeigt die Schlüsselszene aus Tim Burtons Stop-Motion-Film Corpse Bride (2005), in dem die Lebenden mit ernsten Mienen durch den hier wortwörtlich grauen Alltag gehen und die Toten, die Skelette und Schatten, mit exzessiven Tänzen in ihrer bunt ausgeleuchteten Gruft das Leben im Jenseits feiern. In der Übertreibung karikiert Burton die stets bestürzt und besorgt dreinblickenden Menschen, die kaum agieren, nur reagieren, und kontrastiert sie mit viel beweglicheren, kreativeren und ausgelasseneren Figuren, die nicht einmal ihr eigener, ja für jedes Lebewesen natürlicher, Tod verschreckt. In Anbetracht der in unserer Gesellschaft noch immer vorherrschenden Verdrängung der Allgegenwart des Todes scheinen Inszenierungen dieser Art zumindest für einen kurzen Moment eine ‚Auflockerung‘ zu gewähren. Wie produktiv sie sich darüber hinaus für die wissenschaftliche Forschung erweisen, legt der von Jessica Nitsche herausgegebene Band Mit dem Tod tanzen: Tod und Totentanz im Film eindrücklich dar. Nachdem der Totentanz, der in fast allen Medien und auf der ganzen Welt in einer jahrhundertelangen Tradition steht, vonseiten der Kunstgeschichte bereits intensiv erforscht wurde, strebt Nitsche die Auseinandersetzung nun aus einer medien- und filmwissenschaftlichen Perspektive an. Aufgrund der Chance, die sich genuin mit dem Film verbindet – nämlich die Toten tatsächlich in Bewegung und damit ‚zum Tanzen zu bringen‘ –, erweist sich dieses Projekt als äußerst vielversprechend.

Buchcover: Mit dem Tod tanzenDer Band versammelt zwölf Aufsätze, die Werke aus der gesamten Filmgeschichte sowohl aus dem fiktionalen als auch aus dem dokumentarischen Bereich, sowohl von prominenten Regisseuren als auch von weniger bekannten Videokünstlern in den Blick nehmen. Damit ist eine enorme Bandbreite gelungen, die aufgrund der Querverweise und Referenzen innerhalb des Buches nicht ausfranst. Den Einstieg bilden Texte, die sich filmischen Inszenierungen von Totentänzen im klassischen Sinne widmen: Während Silke Hoklas beispielsweise die zahlreichen tanzenden Toten im Œuvre Fritz Langs untersucht und ihren starken Bezug zu mittelalterlichen Todesbildern herausarbeitet, examiniert Viola Rühse die Ikonographie der danse macabre in Sergei Eisensteins unvollendet gebliebenem Filmprojekt ¡Que Viva México! (1931) bzw. dem daraus von fremder Hand geschnittenen Death Day (1934), wobei sie aufdeckt, inwiefern Eisensteins Arbeit als „ein ideales Symbol“ (S. 66) für Siegfried Kracauers Filmtheorie fungieren kann. Auch Susanne Kaul nimmt mit Walt Disneys The Skeleton Dance (1929) den Tod in persona, hier in Form von tanzenden Skeletten, in den Blick. Nach der sehr erhellenden Erforschung der Quellen der Komik, kommt sie zu dem Schluss, dass die Totentanzdarstellung bei Disney – im Gegensatz zur Totentanztradition, bei der es zumeist darum gehe, „an die Sterblichkeit zu gemahnen“ – „entsakralisiert“ sei, „sich ganz dem ästhetischen Vergnügen am musikalischen Cartoon“ (S. 45) widme. Zeitlich einen weiten Schritt nach vorn macht Mariaelisa Dimino mit einem reflektierten und grandios bebilderten Aufsatz zu den Totentanz-Darstellungen in den Arbeiten des Videokünstlers Alessandro Amaducci und damit zu dem Nachleben archetypischer Muster im Kontext der digitalen Kultur.

Einen zweiten Schwerpunkt im Band bilden Texte zu Filmen, die nicht offensichtlich Totentänze verhandeln, sondern selbst als Totentänze betrachtet bzw. bezeichnet werden können. Wie bei Jean-Pierre Palmier geht es dabei zum Beispiel um ästhetisch motivierte Rhythmen oder Choreografien tödlicher Kämpfe in den Filmen Quentin Tarantinos. Nach der Untersuchung von Reservoir Dogs (1992), Kill Bill: Vol. 1 (2003) und Django Unchained (2012) argumentiert er überzeugend, dass das Motiv des Tanzes vor allem dazu dient, die Artifizialität, die Anlehnung an zitierte Vorbilder, Genrekonventionen usw., offenzulegen (vgl. S. 125-126). Analog nimmt auch Felix Lenz einzelne Filme eines Regisseurs, hier: Badlands (1973) und The Tree of Live (2011) von Terrence Malick, in den Blick – allerdings um eine gegenläufige Tendenz auszumachen: Die Filme stellen, so die steile, aber gut untermauerte These, „äußerste Extreme des Totentanzmotivs dar“, und zwar indem der eine „den apokalyptischen Tanz der Vernichtung“ und der andere „den Reigen der schöpferischen Ekstase von Entgiftung und Wiedergeburt“ (S. 109) abbilde. Auch die anderen Texte – Jessica Nitsches Ehrenrettung von Wim Wenders Palermo Shooting (2008), Bernd Schneids Beobachtungen zum kosmologischen Totentanz in Lars von Triers Melancholia (2011) und Tim Pickartz’ Studie zu vier künstlerischen Videoinstallationen auf der documenta (2012) – widmen sich den strukturellen, abstrakteren Schnittstellen von Totentanz und Film. Hervorzuheben ist noch Daniel S. Ribeiros sehr feinsinnige Auseinandersetzung mit der Darstellung von Leichenbeisetzungen in Erwin Michelbergers LUS oder Geschmack am Leben (2010), wobei eine Betonung auf dem physischen Kontakt der Lebenden mit den Toten und damit auf der „Gewahrwerdung des ansonsten so abstrakten und buchstäblich unfassbaren Todes“ (S. 188) liegt.

Am Randbereich des Themas operieren zum einen Anke Zechner mit einem Close Reading zu Pier Paolo Pasolinis Film Medea (1969), den sie vornehmlich anhand der Begriffe Gift, Gabe und Weiblichkeit diskutiert, und Andreas Becker, der das japanische Totenfest Bon Odori vorstellt, jedoch keinen Bezug zur medialen Darstellung herstellt bzw. diesen als einen Vorschlag für weitere Forschungen unterbreitet. Was an beiden dennoch überaus spannenden Beiträgen deutlich wird, ist, dass das Thema Tod und Totentanz im Film enorm facettenreich ist und auch durch die Anlehnung an verwandte Begriffe und reale Ereignisse fruchtbar gemacht werden kann. Der Sammelband von Jessica Nitsche ist daher –und so scheint er sich auch selbst zu verstehen – trotz oder gerade wegen seiner vielen inspirierenden Thesen auf den knapp 300 Seiten ein Startpunkt für die Beschäftigung mit dem Sujet. Für weitere Studien hat die Herausgeberin eine umfangreiche Bibliografie sowie eine Filmografie mit einschlägigen Werken von 1898 bis 2014 angehängt. Da das Buch zudem sehr gut ediert und ansprechend vom Neofelis Verlag publiziert wurde, ist ihm zu wünschen, dass es sich nicht nur einer breiten Leserschaft erfreuen, sondern auch viele Studierende, Cineasten und WissenschaftlerInnen zu weiteren Forschungen anregen wird.

Literatur: 

Jessica Nitsche (Hg.): Mit dem Tod tanzen: Tod und Totentanz im Film, Berlin: Neofelis Verlag 2015.

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