Männer bei der Arbeit

1999-12-01

Anrufung des Blinden Fisches heißt der Erzählband von Georg Klein, in dem merkwürdige Männer von ihrer Arbeit berichten und in dem en passant eine Urgeschichte der Medien entwickelt wird. Das Buch erschien 1999 im Fest Verlag.

Keine falsche Vorfreude. Weder starke Kerls vom Bau noch in Blaumännern läßt Georg Klein in Anrufung des Blinden Fisches von ihrer Arbeit erzählen. Die Männer, die bei Klein ihre Arbeit verrichten, sie machen sie gut, sind keine robusten Roboter. Sie bekennen sich zu ihren Schwächen und haben Empfindlichkeiten. Drei sind es, könnte man sagen, wie auch das Buch drei Teile hat. “Membran” steht für eine dünne Haut, “Schnittstelle” für die männliche Verkupplung mit technischem Gerät, “Geschlecht” schließlich für eine unmögliche Unterwerfung.

Trotz ihrer Männlichkeit leugnen die Ich-Erzähler in Kleins Geschichten ihre Unterwerfung nicht. Was bei Kafka ein Oberkellner war, ist für sie der Agenturchef oder der Chefredakteur. Subtiler für den in der Seele tobenden Existenzkampf aber ist noch die Chefin. Martin Walser meinte einst, seine Figuren seien Männer, die nachts von ihrem Chef träumen. Kleins Erzähler träumen von der “Lieben Chefin”. In der gleichnamigen Geschichte verabschiedet sich ihr treuester Mitarbeiter nach langen Diensten von ihr. Sie ist unschwer als Beate Uhse zu erkennen. Die Psychologie der selten so herum gekehrten Geschlechterhierarchie, die besonders im Erotikahandel den Einsatz des ganzen Mannes fordert, durchzieht auch ein Stück Konzerngeschichte.

So es das im Hauch, nicht nur als Brachialspiel gibt, schärft Kleins Erzählungen ein Hauch Sadomasochismus. Der Spaß an der Unterwerfung ist die Lust an der Notwendigkeit und am Wettbewerb. Mit der Einsatzfreude von Zivilsoldaten versuchen die Männer in Kleins Erzählungen, ihr Bestes zu geben. Sie sind auf der Höhe der Zeit, Spezialisten in ihrem Bereich. Sie haben einen Spleen, folgen ihrer Besessenheit und wissen doch immer, was zu tun ist, zögern nicht, mit dem Notwendigen zu beginnen. Daran hindern sie auch ihre Körper nicht, die sie mit Schmerzen und Männerleiden drangsalieren. Erfolg ist Pflicht. Männer machen das Unmögliche möglich und bleiben dabei. Sie geben nicht auf, selbst wenn sie bereits gescheitert sind.

Man hat das Gefühl, man kennt sie seit Jahren, diese Männer, als könnten sie nicht anders sein. Gäbe es da nicht immer wieder die größte Entschiedenheit, alles auf eine Karte zu setzen, würde man die Männer in Kleins Geschichten für Durchschnittsmänner halten. Sie definieren sich durch ihre Aufgabe oder Obsession, durch die Institution, der sie angehören.

Die Kuriositäten der Berliner Szene, der Medienzirkus und das Management sind die Sujets, in denen sich die Männlichkeit in Kleins Erzählungen entfaltet. Als Gegenstandswelt neuer deutscher Literatur sind sie en vogue. Klein legt es aber nicht darauf an, zu zeigen, auch er sei dabei gewesen. Bei ihm werden aus den Modethemen schräge Betrachtungen der Herausforderung, sich zu beweisen. Der Autor nimmt die alltäglichen Albernheiten der Lebenswelten ernst, die er beschreibt, auch wenn er sie ad absurdum führt. Identitäten bauen auf sie auf.

Klein ist weit entfernt von der Marotte gegenwärtiger deutscher Literatur, das Banale könnte für sich sprechen. Schon sein vielgelobter Spionageroman Libidissi, der 1998 erschien, hob sich positiv ab von der Erlebnisprosa der neunziger Jahre, die als neue Literatur für Leser gefeiert wird. Auch in Anrufung des Blinden Fisches zeigen sich Genrespuren. Der bekennende Ton ist dem ,film noir‘ verwandt. Kleins Ich-Erzähler haben zwar mehr Humor und brauchen weniger Pathos. Es gibt aber in den Geschichten das Fatale und Unumgängliche der Schwarzen Serie, die bereits erwähnten starken Frauen, denen die Männer erliegen, und die Einsatzfreude, bis ans makabre Ende der Besessenheit zu gehen. Die Erzähler beobachten ihre bis zur Verzweiflung reichenden Anstrengungen distanziert, bemühen sich, genau zu berichten. Auch wenn manches nicht so gelaufen ist, wie geplant. Alles hätte so geschehen können.

Das ist der Trick der berichtenden Selbstaussagen, Phantastik und reale Hintergründe so zu verweben, daß man nicht mehr genau weiß, ob es den Nogo-Scanner nicht doch bereits gibt, der Handschrift in Druckschrift verwandelt. Vielleicht ist wirklich auch noch ein Nachlaß Schopenhauers gefunden worden mit den Teilen eines Musikautomaten, der von ihm komponierte Musik spielt, wozu sich Affen mit den Gesichtszügen des Philosophen auf dem Automaten drehen.

Die absurde Komik in Kleins Geschichten ist keine kompakte, sondern Stück für Stück erarbeitet, das Fortschreiten einer schleichenden Konzentration. Die auf sich, auf ihr Bemühen fixierten Erzähler stecken den Witz in die Beschreibung ihrer Lage. Er erschließt sich nach und nach. In seinem minimalistischen Stil ist Klein Meister darin, die ganze Welt seiner Erzähler in den Augenblick, ihre momentane Situation hineinzuholen, und die wiederum zu einem Leben auszuweiten.

Jeder von Kleins Ich-Erzählern hat auf die eine oder andere Weise mit Medien zu tun. Die Einfälle eines Kenners der Materie verblüffen. Röntgenstrahlen, die in zwei Geschichten vorkommen, drücken am besten aus, was die Technik macht mit den mit ihr verkuppelten Protagonisten in Kleins Erzählungen. Immer wieder geht es darum, durch Medien an Geheimnisse zu gelangen, an Nachrichten aus anderen Welten und vergangenen Zeiten. Die Erzähler arbeiten an einer Durchschaubarkeit, an der für sie der Weg wichtiger ist als die Bilder, die entstehen, die sie in einer Art Mimikry, das Innen im Außen, enthalten.

Die verschiedenen Formen des Umgangs mit technischem Gerät und der Besessenheit von low- und high-tech, die Klein in seinen Erzählungen schildert, ergeben eine “visionäre” Urgeschichte der Medien. Klein entwirft, für wen welche Technik gebaut werden könnte, wertet vor allem aber auch den seelischen Schrott vergangener High-Tech-Generationen aus.

Das “Martergugu” etwa ist ein Riesenerfolg bei der Vernissage in der Bunkergalerie. Im “Martergugu” sind die Röntgenanlagen der DDR-Grenzorgane einschließlich ihrer Robotron-Rechentechnik zu Kunstobjekten geworden. Der darin lebensbedrohlich über allem schwebende Künstler durchleuchtet die Berliner Kulturmafia, die das “Gugu” bestaunt, mit höchsten Strahlendosen. Kunst muß wieder gefährlich werden. In Georg Kleins Erzählungen ist sie das theoretisch auch.

Christine Daum

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