Lob des menschlichen Makels

Fluch der Karibik, R: Gore Verbinski, USA 2003, Bundesstart: 2.9.2003
2003-09-01

Sommer-Blockbuster ahoi! Mit einem Monat Verspätung bietet der Piraten-Spuk Fluch der Karibik alles, wonach der sonnenverbrannte Strandneurotiker unter der Hitzeglocke lechzte. Schöne Menschen, die es erlauben, die Grazie und Anmut entzückender VolleyballspielerInnen noch besser beurteilen zu können. Eine wohlabgewogene Dosis Denk- und Diskussionsstoff zur Reaktivierung wegbrutzelnder Hirnzellen. Außerdem eine Handvoll nachspielbarer Actionszenen, mit denen sich die hyperaktive Jugend ins aufspritzende, kühle Nass stürzt, ohne Papa und Mama beim Lesen zu stören.

Nachzuholen ist ein Törn mit der 'Black Pearl', deren Mannschaft unter Führung des gern distinguiert auftretenden Barbossa (Geoffrey Rush) mit dem Fluch der Karibik geschlagen ist. Nur wenn es den Raubeinen gelingt, das letzte noch fehlende Goldstück eines Aztekenschatzes aufzufinden und es mit dem Blut der Familie des Diebs zu tränken, werden sie von der Gier des Mordens, Raubens und Vergewaltigens erlöst. Sie würden ihre Sterblichkeit wiedererlangen, denn bislang geistern sie als Untote über die Meere, deren Fleisch und Eingeweide bei Mondlicht wie Pergamentstaub von den Knochen abbröseln. In ihre Fänge gerät die liebreizende Tochter des Gouverneurs von Jamaica, Elizabeth Swann (Keira Knightley), zu deren Rettung ihr Verehrer Will Turner (Orlando Bloom) unverzüglich aufbricht. Den dafür nötigen segelbaren Untersatz steuert der undurchsichtige Captain Jack Sparrow (Johnny Depp), der mit Barbossa noch eine Rechnung zu begleichen hat.

Zur Erinnerung: Hulk irritierte als überkandideltes Pamphlet des Vegetarismus und Pazifismus, Terminator 3 verirrte sich in den dunklen Straßen des 'film noir'. Gegenüber den konkurrierenden Superproduktionen zeichnet sich der Fluch der Karibik durch einen erfreulichen Mangel an Experimentierlust aus. Da weiß man, was man hat. Der Patriotismus von Produzent Jerry Bruckheimer äußerst sich zur Abwechslung rein cineastisch – als Vorliebe seines Regisseurs Gore Verbinski und des Kameramanns Dariusz Wolski für die 'amerikanische Einstellung', die die Darsteller von der Hüfte an zeigt. Im Auftrag von Disney stellt Bruckheimer unter Beweis, dass es eine konventionelle Art des Publikumsfilms gibt, die ohne Überbietungsmanie alle Seiten zufrieden stellt.

Bei aller Phantastik gibt der Mensch das Maß der Dinge vor. Die Leinwandstars von einst, Douglas Fairbanks, Errol Flynn, Tyrone Power und der überragende Burt Lancaster, ließen ihre Piraten aus verlorener Ehr' und "roten Korsaren" elegant über die Gesetze der Schwerkraft und des Seerechts hinwegschweben. Zynisch erinnert Fluch der Karibik daran, dass es totale Beweglichkeit im Leben nicht gibt. Tänzerische Leichtigkeit bleibt Barbossas Skelett-Ensemble vorbehalten, das mit Totenschädel-Grinsen einen nächtlichen danse macabre aufführt. Am Körper hingegen haftet der Makel mangelnder Beherrschbarkeit, was nicht von Nachteil sein muss. Wäre Elizabeth in ihrem neuen, frisch aus England eingetroffenen Fischbein-Korsett nicht plötzlich ohnmächtig geworden, sie hätte den Heiratsantrag des biedermeierlichen Captain Norrington (Jack Davenport) wohl leichtfertig angenommen und 'ihren' Will nie gekriegt. Die eigentliche Hauptfigur des Films, Jack Sparrow, profitiert davon, dass Barbossa und die Autoritäten von Port-Royal auf Jamaica seinen Rum-trunkenen Gang und seine schwere Zunge verspotten, statt sich gegen seine Listigkeit zu wappnen.

Vom akrobatischen Heldentum entlastet, ohne auf die Folklore des Fechtduells und des Kanonendonners zu verzichten, sucht der Fluch der Karibik vom schwankenden Boden der Marinehistorie und Genregeschichte aus die Konfrontation mit der Gegenwart. Johnny Depps Rastafari, sein doppelter Kinnbartzopf und sein Ohrgehänge appelliert an Besucher von Lenny-Kravitz-Konzerten, sich mit bewundernden "Wow"- und "Echt cool!"–Ausrufen als unmittelbares Gegenüber von Jack Sparrow zu positionieren. Aber dann starren sie eben in ein Augenpaar, das kajalumrändert ist wie das von Douglas Fairbanks im archetypischen The Black Pirate von 1926. Die Pistole von 1750, die Johnny Depp in den Kinosaal abfeuert, rundet die Artillerie der Vergangenheit ab.

Nicht nur wiedergefundene Assecoires, auch abgegriffene Begriffsmünzen blenden in Fluch der Karibik mit verderblichem Glanz. Und zwar unter dem börsennotierten Himmel der Jetztzeit. Jack Sparrow mag ein schlechter Pirat sein, wie Norrington höhnt, doch dafür gibt er dem Euphemismus des merchant adventurer, der einst das Gewerbe der Freibeuter ihrer Majestät der Königin von England kaschierte, endlich eine gewisse Ernsthaftigkeit. Als daytrader seiner eigenen Haut schlägt sich Sparrow zuverlässig auf die Seite, wo sich die Waagschale zu seinen Gunsten neigt, sei es auch nur um Millimeter. Unschwer sind demgegenüber in den Phantomgeschöpfen Barbossas die Spekulanten imaginärer Aktienwerte zu erkennen. Im Interesse ihres Seelenheils müssen sie die unkontrollierten Zirkulationen stoppen, die sie einmal eröffneten. So frisst sich Hollywood allegorisch durch die Rezession. Guten Appetit!

Andreas Günther

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