Lesbisch-Schwule Filmtage Hamburg

2000-12-01

Lesbisch-schwule Filmfestivals sind mittlerweile zu festen Events, ja Institutionen der Lesbian&Gay Community geworden. Die alljährlich im Oktober stattfindenden ‘Lesbisch-Schwulen Filmtage Hamburg‘ feiern 1999 ihr 10-jähriges Jubiläum und auch das ‘Lesben Film Festival Berlin‘ kann auf eine Geschichte seit 1985 zurückblicken.

Durch was zeichnet sich ein lesbisch-schwules Filmfestival aus? Was ist ein Lesben- oder Schwulen-Film? Auf diese Frage würde man wohl die verschiedensten Antworten erhalten. Die einen würden sich auf die sexuelle Orientierung der RegisseurIn beziehen, die anderen auf die sexuelle Präferenz der filmischen Hauptfiguren. Da wäre von homosexuellem Plot die Rede, womöglich würde auch von Genrevorlieben gesprochen werden oder gar eine lesbisch-schwule Ästhetik behauptet werden. Die einen würden von der Adressierung der Filme an ein spezifisches Publikum sprechen, die anderen dagegen von der Rezeptionsseite her argumentieren und Filme meinen, die bei Lesben und Schwulen besonders gut ankommen. Jede dieser Antworten würde weitere Fragen nach sich ziehen, beispielsweise nach dem implizierten Verhältnis von Film und ZuschauerIn oder auch nach der jeweiligen Konzeption von Homosexualität (z.B. sexuelle Präferenz, Identitätskonzeption oder politische Positionierung?). Der scheinbar so selbstverständliche Begriff „lesbisch-schwules Filmfestival“ wirft also eine Fülle von Fragen und Unklarheiten auf. Im Laufe der Jahre ist er dennoch zu einer Art Label geworden.

Als eines der Hauptinteressen solcher Film-Events wird von Festival-MacherInnen wie auch vom Publikum die ‘Sichtbarmachung von lesbischen und schwulen Lebensweisen‘ genannt. Beklagt wird die fehlende Präsenz und die inadäquate Präsentation von Schwulen und Lesben im Kino des ‘heterosexuellen Mainstream‘. Diese Kritik betrifft die Frage, welches Bild von Lesben und Schwulen in der Gesellschaft verbreitet wird. Gerade auch gegenüber der in den letzten Jahren zugenommenen Präsenz von Homosexualität in TV-Talkshows, TV-Serien und Filmen wird die Notwendigkeit ‘eigener’ Erzählungen betont, die mit den Stichworten „kulturelle[r] Reichtum und unbequeme Statements“ gekennzeichnet werden. Berührt wird hier aber auch die Frage nach der Rezeption in der Community. Das Mainstream-Kino halte nur mangelnde Identifikationsmöglichkeiten für Schwule und Lesben bereit. Diese Positionierung erinnert an die Filmbildkritik der frühen feministischen Filmwissenschaft. Vorbilder und Identifikationsvorlagen scheinen für Lesben und Schwule nach wie vor eine wichtige Rolle zu spielen. Hier geht es um die Konstitution und Bestärkung der eigenen Identität und Lebensweise. So finden sich in den einschlägigen Festivals eine Menge an Kurzfilmen und diverse Spielfilme mit lesbischen oder schwulen ProtagonistInnen. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Fülle von Coming-Out-Geschichten, die in homosexueller Identitätsstiftung münden. So gesehen betreiben lesbisch-schwule Filmfestivals Identitätspolitik – nicht nur im Hinblick auf die einzelnen, sondern auch in bezug auf die Herstellung einer Gruppenidentität: hier entsteht die Community ‘Wir Lesben und Schwulen‘.

Gleichzeitig haben sich die in den Filmen präsentierten Identitäten jedoch enorm vervielfältigt. Seit den beginnenden 1990ern schwappen akademische Kritik an feministischer Identitätspolitik (Stichwort Butler-Debatte), Queer Studies und Transgender-Bewegung aus den USA nach Deutschland herüber. In Teilen der lesbisch-schwulen Community wird diese Entwicklung mit Interesse wahrgenommen und mit vorangetrieben. Mit dem ‘Transgender-Turn‘ stehen nun neben den Geschlechterrollen und –zuschreibungen auch die biologischen Geschlechter zur Disposition. Die Aufmerksamkeit von Lesben und Schwulen für das Phänomen Transgender, das Identitäts- und Geschlechterkategorien ins Beben geraten läßt, spiegelt sich in einem Boom von Filmen zu dieser Thematik auf den lesbischen und/oder schwulen Filmfestivals. Gleichzeitig wirken die Festivals hier auch als Katalysator und verbreiten Transgender in der Szene. Die Lesbian&Gay Community erweitert sich – wenn auch nicht ohne Reibungen und Widerstände – zur Queer Community, der sich nunmehr Menschen verschiedenerlei Geschlechts und Begehrens zurechnen. In den Filmen erscheint das Phänomen Transgender vor allem auf thematischer Ebene und im Hinblick auf die verschiedensten Überschreitungen der Geschlechterkategorien. Präsentiert werden Menschen, die sich im ‘falschen‘ Körpergeschlecht empfinden und eine Korrektur durch Einnahme von Hormonen und Umoperation anstreben, aber auch solche, die sich nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen: Ein Hinüberwechseln in ein anderes Geschlecht wird hier nicht angestrebt, es sollen vielmehr die Zwischenräume der Geschlechter bewohnt werden. In den letzten Jahren liefen auf den diversen Festivals eine Reihe eher konventioneller Dokumentationen: Transgenders erzählen ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Formal meist nicht allzu interessant, leben diese Filme vom Charisma der Ich-ErzählerIn. Selten hat das Thema Konsequenzen für die ästhetische Form. Einen der wenigen aktuellen Versuche, zu und mit Transgender auch ästhetisch zu experimentieren, konnte man 1998 mit Hans Scheirls schrillem Experimental-Spielfilm Dandy Dust sehen. Das Hamburger Festival hatte seinen Transgender-Schwerpunkt 1993 zudem um eine selten gezeigte Rarität bereichert: Ed Woods Glen or Glenda – I Changed My Sex von 1952 mit Bela Lugosi.

Mehr oder weniger ausgewiesene Transgender-Schienen sind mittlerweile zu festen Bestandteilen der lesbisch-schwulen Filmfestivals geworden. Das Erbeben der Szene hat sich gelegt: Transgenders sind in der Community präsenter und Spiele mit geschlechtlichen Identitäten selbstverständlicher geworden. Daneben funktionieren die alten Kategorien gleichzeitig so weiter, als wäre nie etwas geschehen. Transgender-Programme stehen unvermittelt neben Programmen, in denen klare Identitäten scheinbar noch funktionieren. Auch die Sortierung der Kurzfilmprogramme der Hamburger Filmtage nach „lesbisch“, „schwul“ und „gemischt“ verweist darauf, daß die bisherigen Identitätskategorien stabil geblieben zu sein scheinen – Transgender-Turn hin oder her. Zu fragen wäre, ob die alten Kategorien gegenüber dem Phänomen Transgender nicht sogar noch bestärkt werden. Allerdings zeitigt das Beben durchaus auch Konsequenzen in die andere Richtung, wenn auch eher im Stillen: So hat das Berliner ‘Lesben Film Festival‘ seit 1998 begonnen – zumindest für die Transgender-Programme – die rigide Einlaß-Beschränkung auf Frauen zu lockern.

Die ‘Lesbisch-Schwulen Filmtage Hamburg‘ heben sich aus den Festivals heraus: Sie fallen durch die große Vielfalt an Perspektiven auf und haben sich zu einem renommierten Kino-Event der Queer Community gemausert. Neben einer Auswahl an neueren Spielfilmen mit homosexuellen Figuren, Coming-Out-Filmen und den inzwischen klassischen Kurzfilmprogrammen, in deren Rahmen seit 1991 der Preis ‘Ursula‘ vergeben wird, sind hier eine Menge an Entdeckungen und Wiederentdeckungen zu machen. Programmiert werden nicht nur Videos aus der US-Independent-Szene und neue Filme, sondern auch filmhistorische Dokumente. So wurde zum Jubiläum 1999 beispielsweise A Very Natural Thing von 1973 gezeigt, der als erster US-Film gilt, der offen homosexuelle Beziehungen verhandelt. In Hamburg werden regelmäßig auch thematische Schwerpunkte gesetzt: Beispielsweise gab es 1993 einen Star-Schwerpunkt mit Charlotte Rampling und Romy Schneider, 1995 eine Retrospektive der Filme Ulrike Ottingers und 1998 eine Musik-Reihe mit Filmen u.a. zu k.d. lang, Patti Smith und Madonna.
Das Hamburger Festival zeichnet sich darüberhinaus durch die Programmierung von Filmen aus, die nicht einfach auf Inhalts- oder Figuren-Ebene Homosexualität präsentieren und denen man ihre Kompatibilität mit einem schwulen und lesbischen Publikum nicht einfach ansieht. Mit einer Camp-Reihe wird 1996 explizit ein spezifisches Verhältnis von Film und Publikum angeregt, das auf die Schaulust „an der Komposition, dem Stil, am Aroma, an grellen Manierismen, an der überkandidelten Ausstattung“ von Filmen setzt, auf daß die „Betrachtung und damit der Film selbst zum hysterischen Spektakel“ werde. 1996 gab es in diesem Zusammenhang die Reihe „Revuefilme“, in der die Choreographien von Busby Berkeley aus den 30ern und 40ern zu bewundern waren. Die ‘Lesbisch-Schwulen Filmtage Hamburg‘ ermöglichen bis heute Erlebnisse dieser Art. So gab es im Jubiläumsjahr 1999 als „bundesdeutsche Erstaufführung auf einer Leinwand“ The 5000 Fingers Of Dr. T. aus den 50ern zu entdecken: Eine surreale Geschichte um einen Musiklehrer, der auf seinem Schloß 500 Jungen versammeln will, damit sie an seinem endlos langen Klavier ein Konzert geben.

In der Sonntags-Matinee präsentiert Heiner Roß von der ‘Kinemathek Hamburg‘ alljährlich ein Geschenk-Programm an die Lesbisch-Schwulen Filmtage. Ob stumme Geschlechterverwirr-Filme wie A Florida Enchantment im Jahr 1991 oder das Programm „Cross-Dressing in Trickfilmen“ 1998 oder frühe Filme mit Komikerinnen 1993 und 1996 – hier gibt es immer besondere Leckerbissen zu genießen. Im aktuellen Programm 1999 wurde in der Matinee ein neuer experimenteller Stummfilm präsentiert: Atalanta erzählt und tanzt vor der Kulisse San Franciscos in wunderbar ins Bild gesetzten Choreographien den griechischen Mythos von der flinken Königstochter neu, die nur dann heiratet, wenn ein Bewerber sie in einem Wettlauf besiegen kann.

Die Vielfalt an Ausrichtungen des Hamburger Festivals ermöglicht es, sich abseits der Wege lesbisch-schwuler Video-Kurzfilmprogramme oder dokumentarischer Transgender-Filme zu bewegen. So porträtiert Constantinos Giannaris in Apo Tin Akri Tis Polis eine Gruppe von kasachischen jugendlichen Migranten, die sich als Stricher Geld verdienen und sich die Zeit auf den Straßen vertreiben. Hier verwischen die Grenzen von fiktiv und dokumentarisch. Nicht zuletzt ist es den Lesbisch-Schwulen Filmtagen zum Jubiläum gelungen, Pedro Almodóvars neuen und lang erwarteteten All About My Mother noch vor dem Bundesfilmstart zu präsentieren – ein Coup, auf den die OrganisatorInnen wirklich stolz sein können.

Herzlichen Glückwunsch zum 10-Jährigen!

Christine Hanke

Literatur: 

Programmhefte der Lesbisch-Schwulen Filmtage Hamburg 1991, 1993, 1995, 1996, 1997, 1998, 1999