Lars von Trier – eine neue Monografie klärt über den Menschen hinter dem Medienphänomen auf

Jack Stevenson: Lars von Trier, London: BFI Publishing, 2002, 216 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen.
2003-04-01

Lars von Trier, 1956 in Kopenhagen geboren, erhielt mit elf Jahren seine erste eigene Kamera. Damit begann ein Karriere, die heute mit von Triers Aufstieg zum derzeit bekanntesten Regisseur Dänemarks ihren Höhepunkt gefunden hat. Nach diversen Festivalerfolgen mit so düsteren Intellektuellenstreifen wie The Element of Crime (1984) oder Europa (1991) gelang ihm 1996 der internationale Durchbruch mit dem Melodram Breaking the Waves (1996), dessen Erfolg er mit einer Goldenen Palme in Cannes für sein modernes Musical Dancer in the Dark (2000) noch überbieten konnte. Als Initiator des Filmmanifestes DOGMA 95 narrte er die eigene Zunft: Die 10 Keuschheitsgebote, denen sich ein DOGMA-Regisseur zu unterwerfen hatte, waren wirklich ernst gemeint – es ließen sich damit sogar sehenswerte Filme drehen. Und mittlerweile ist seine Produktionsfirma Zentropa, 1991 von zwei Bankrotteuren (Lars von Trier und Peter Aalbæk Jensen) gegründet, zur wichtigsten Filmschmiede Skandinaviens avanciert.

In Dänemark hat sich Peter Schepelern, Professor für Film an der Kopenhagener Universität, der Aufgabe angenommen, den Regisseur seinen Landsleuten näher zu bringen; die Studie Lars von Triers film. Tvang og befrielser erschien 2000 in aktualisierter Auflage (Kopenhagen: Rosinante Forlag). Auch hierzulande gibt es eine kundige und leicht verständliche Einführung in das Werk Lars von Triers: Breaking the Dreams. Das Kino des Lars von Trier (1998) von dem Fernsehredakteur und Dokumentarfilmer Achim Forst (Marburg: Schüren-Verlag). Umso erfreulicher ist es, dass nunmehr auch endlich für den englischen Sprachraum ein Werk vorliegt, dass die Filmwelten des dänischen Provokateurs einem breiteren Publikum bekannt machen will: Jack Stevensons Lars von Trier, das Ende 2002 in der noch jungen Reihe "World Directors" des British Film Institute erschienen ist. Der Textblock umfasst 190 Seiten, das Taschenbuch beinhaltet zahlreiche, teilweise farbige Fotografien und eine Filmografie. Ein Literaturverzeichnis im wissenschaftlichen Sinne fehlt.

Jack Stevenson, Filmjournalist und zeitweise Lehrbeauftragter am European Film College im dänischen Ebeltoft, stammt aus den U.S.A. und lebt seit zehn Jahren in Dänemark. Er hat bislang Bücher zu so illustren Themen wie The Myth and Menace of Drugs in Film oder Cinema’s Sexual Myth Makers and Taboo Breakers vorgelegt. Bereits im Frühsommer 2002 war Stevenson unterwegs in Sachen Lars von Trier mit einer kuriosen Dia-Schau, in der er in verschiedenen Programmkinos, unter anderem im Hamburger Lichtmeß-Kino, seine Recherchen zu dem nun vorliegenden Buch vorgeführt hat. Schon diese Vorträge zeigten ein Charakteristikum dieses von Trier-Forschers, das ihn durchaus von anderen VertreterInnen dieser sehr kleinen "Disziplin" unterscheidet: Seine Perspektive als Außenstehender, der aber in der dänischen Filmszene lebt und arbeitet.

Stevenson macht sich genau diesen Umstand zunutze und postuliert für seine Einführung zwei Ziele: (1) Er will dem nicht-dänischen Publikum den "ganzen" Lars von Trier präsentieren, zu dessen Verständnis es eines Einblickes in die dänische Medienlandschaft bedarf, die bislang schon wegen der Sprachbarriere kaum wahrgenommen wird. (2) Und er verspricht, sich um eine leicht verständliche Sprache zu bemühen: Stevenson will bewusst nicht einzelne Filme "durchanalysieren", sondern verzichtet darauf zugunsten der "ganzen Story". So sind auch die Kapitel seines Buches, anders als bislang üblich, nicht nach den einzelnen Filmen gegliedert, sondern nach Lebens- beziehungsweise Werkphasen.

Jack Stevenson begreift Lars von Trier nicht nur als genialen oder genialischen – diese Frage lässt der Autor bis zum Schluss offen – Filmemacher, sondern mindestens ebenso als Produkt seiner Umwelt. Hierzu gehört eine ausführliche Schilderung der Kindheit des Regisseurs, vor allen Dingen aber sieht Stevenson von Trier als Medienphänomen. Er geht davon aus, dass zum Verständnis der von Trier'schen Eskapaden die Kenntnis der dänischen Presse unabdingbar ist. Sowohl die dänische Yellow-Press, als auch die nationale Filmkritik haben Lars von Triers Rolle als Enfant terrible und Scharlatan erst vorgegeben, die dieser mittlerweile selbstironisch angenommen hat und sehr zum Ärger der Medien gegen deren Neugier ausspielt.

Die Filme von Triers werden in ihrer Handlung kurz nacherzählt, wobei jegliche Analyse unterbleibt. Dafür richtet Stevenson bei jedem Film sein Augenmerk auf zwei andere Dinge: Zum einen untersucht er, welches Konzept hinter dem jeweiligen Filmprojekt von Triers stand – auch bei Filmen, die nie gedreht wurden; zum anderen zeichnet er die nationale und internationale Rezeption der Werke nach. Dabei folgt der Autor der These, dass Trier sich nie wiederhole und für jedes Projekt einen ganz eigenen visuellen Stil entwickelt habe. Auf den Versuch einer Deutung des Gesamtwerkes, eine Etikettierung des Regisseurs oder das Nachzeichnen eines sich über Jahrzehnte entwickelnden Projektes verzichtet er.

Stevenson zeigt detailliert, wie der junge Lars von Trier, der bereits mit Mitte 20 mit anerkannten Filmpreisen überhäuft worden war, noch jahrelang um jede einzelne Krone der Filmförderung kämpfen musste und welche Projekte dabei auf der Strecke blieben. Er beschreibt auch den heutzutage verdrängten Tiefpunkt der von Trier'schen Karriere in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als der arrogante und ehrgeizige Avantgardist sich mit schnöden Werbefilmen über Wasser halten musste. Mitunter fällt Stevensons Schilderung einzelner Werke jedoch etwas stiefmütterlich aus, am extremsten wohl bei der Fernsehproduktion Medea (1988), über die sich sicherlich mehr als knappe 35 Zeilen sagen ließe. Dagegen wird dem bislang – zu Unrecht – wenig beachteten Low-Budget-Streifen Epidemic (1987) viel Raum gewidmet, da Stevenson diesen Film für den wohl "pursten" von Trier-Film hält: "He was writing, directing, producing and partially filming a story that was about himself as he attempts to make a movie, and in which he plays two of the leading roles." (S. 43.) Ausführlich werden auch Anekdoten, Intrigen und Empfindlichkeiten aus dem Umfeld von Triers kolportiert, deren Kenntnis dem Leser tatsächlich manche der eigenartigen Auftritte des Regisseurs, aber auch manches in seinen Filmen plausibel machen kann. So wird enthüllt, dass von Trier 1989 am Sterbebett seiner Mutter erfahren hat, dass sein vermeintlicher Vater, der Jude Ulf Trier, gar nicht sein leiblicher Vater war. Der echte Vater hieß Fritz Michael Hartmann und verbot Lars von Trier auch weiterhin jeglichen Kontakt; sein Name ist bekannt geworden, als er 2000 starb. Mit Wissen um diesen Umstand erscheint die Filmszene in Europa (1991), in der ein Jude einem Eisenbahndirektor zu einem sogenannten Persilschein verhilft und dieser kurz darauf vor Scham Selbstmord verübt, in einem ganz neuen Licht: Trier spielte den Juden, die Figur des Direktors trägt den Namen Hartmann. Auch gewährt der Autor Einblick in die fünf verschiedenen Fassungen eines Treatments für von Triers Chartbreaker Breaking the Waves (1996), der zunächst als Sexfilm nach dem Vorbild von de Sades Justine konzipiert war. Sogar zu dem nächsten von Trier-Film, Dogville, der noch unter großer Geheimhaltung produziert wird, hat Stevenson bereits einiges an Informationen zusammengetragen.

Derartige Arbeitsprozesse und Auseinandersetzungen zu schildern, gehört zu den Stärken von Stevensons Buch, das immer dann besonders aufschlussreich ist, wenn der Autor aus dem Mikrokosmos der dänischen Filmszene berichtet, Exkurse zur staatlichen Kulturpolitik, zur Filmförderung oder zu den durch von Trier angestoßenen DOGMA-Filmen einflicht. Insgesamt hat Stevenson eine profunde Einführung in das Werk Lars von Triers vorgelegt, die vor allem auf einer breiten publizistischen Quellenbasis und biografischem Wissen fußt. Wer eine nähere und auch akademisch tiefere Auseinandersetzung mit den Filmen Lars von Triers sucht, dem sei die vorzügliche Dissertation Vexierbilder. Die Filmwelten des Lars von Trier von Marion Müller empfohlen, die 2002 in neuer Auflage erschienen ist (St. Augustin: Gardez-Verlag – zuerst 2000).

Matthias N. Lorenz

in