La question humaine – eine Parabel auf das Gewissen im Neoliberalismus

François Emmanuel: Der Wert des Menschen. Roman, München: Kunstmann, 2000
2000-12-01

Die Deutschen haben den Faschismus nicht erfunden. Sie seien aber seine Klassiker gewesen, zitierte Christa Wolf einst als Motto für einen Essay den polnischen Autoren Kazimir Brandys. Genauso wenig hat die industrielle Mordmaschinerie der Nationalsozialisten die Technokratie moderner Unternehmen erfunden. Aber sie gilt als ihr nicht steigerbarer Ausdruck des Inhumanen.

Francois Emmanuel setzt in seinem gerade hundert Seiten langen Roman "Der Wert des Menschen" die Analogie zwischen Holocaust und Unternehmenstechnokratie in die Welt. Es ist der achte Roman des belgischen Psychiaters und Psychoanalytikers, sein erster, der in Deutschland erscheint. Verhöhnung der Opfer? Eher eine subtile Parabel, die den Nerv des Neoliberalismus trifft, der seine Werte der Wirtschaftlichkeit unterstellt. Nicht nur das medienwirksame Skandalon des Buches hat Anfang 2000 in Frankreich und im Herbst in Deutschland Aufmerksamkeit erregt. "Der Wert des Menschen" beunruhigt vor allem durch die Ambiguität, mit der die Parallele zwischen nationalsozialistischer Tötungsindustrie und einer das Subjekt vernichtenden 'neuen Unternehmenskultur' durchgeführt wird. Mehr Humanität, bessere Kommunikation, Motivation usw., soll zu höherer Effizienz und Produktivität im Unternehmen führen. Durch Psychotechniken und Seminare werden noch brauchbare Mitarbeiter von den unbrauchbaren 'selektiert', die bis in den letzten Winkel ihrer Emotion als 'Soldaten' zu ihrem Unternehmen zu stehen haben.

Im Französischen assoziiert bereits der Titel des Buches "La question humaine", dass es mit der Frage nach dem Menschen auch um die Shoah geht. So wie Juden und sogenanntes 'unwertes Leben', körperlich Behinderte und seelisch Kranke, im Dritten Reich vernichtet werden sollten, dürfen sich im Unternehmen von heute alle als Überlebende fühlen, die der 'Selektion' in die Arbeitslosigkeit vorläufig entgangen sind. Keine Erfindung von Francois Emmanuel. Sich um 'die Überlebenden' zu kümmern nach dem angeblich 'sanften Rausschmiß' überflüssiger Mitarbeiter, preisen deutsche Outplacement-Berater als eine ihrer Leistungen an. Sie besorgen, womit sich in Unternehmen sonst niemand die Hände schmutzig machen will.

Der fast bis zum Ende von Emmanuels Roman namenlose Ich-Erzähler und Protagonist macht sich die Hände schmutzig, ohne es zu merken. Er ist aufgegangen in der Logik 'neuer Unternehmenskultur'. Nach den von ihm aufgestellten Kriterien wird geheuert und gefeuert. Er ist Betriebspsychologe bei der französischen Filiale des deutschen Unternehmens 'SC Farb'. Die vorschlaghämmernde Assoziation zur IG Farben ist alles andere als typisch für Emmanuels Buch mit seiner trockenen und sehr genauen Sprache. Der Psychologe wird vom deutschen Stellvertreter des Direktors Karl Rose beauftragt, den Geisteszustand des Generaldirektors zu überprüfen. Über das Streichquartett des Unternehmens, in dem dieser Just einst musizierte, erschleicht sich der Psychologe das Vertrauen seines Direktors, oder zumindest das, was davon übrig blieb. Just leidet tatsächlich an paranoiden Erscheinungen und das nicht ohne Grund. Um ihn herum ist ein System aus Beobachtung, Intrige und Denunziation gebaut. Als letzten Grund seines Verfolgungswahns aber, in dem er sich weigert, bestimmte Wörter zu verwenden, macht der Psychologe anonyme Briefe aus, die ein aus der Firma Entlassener ihm geschickt hat. Es sind Kopien technischer Berichte über den erfolgreichen Abschluss von Morden mit LKWs, in deren Laderaum Gas eingelassen wurde. Unterschrieben sind sie mit dem Namen Just. Es handelt sich um historische Originaldokumente, die die Anfänge der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie belegen.

Dass dieser Just der Vater des Direktors sein könnte und der nun fürchtet, es schade ihm, wird die Vergangenheit seiner Familie bekannt, ist eine Möglichkeit, die der Psychologe erwägt und verwirft. Allein die sich durch die Namensgleichheit aufdrängende Analogie zu seinem Tun als Unternehmensleiter genügt für Just, zu dekompensieren. Im Gegensatz zu seinem Counterpart, dem stellvertretenden Direktor, dem Deutschen Karl Rose, regt sich in Just ein Gewissen, eine Dimension, die in der Unternehmenstechnokratie keinen Platz zu haben scheint. Denn auch der bis dato so gut funktionierende Betriebpsychologe wird entlassen. Er hat nicht eindeutig zum Denunzianten werden wollen. Seine Verstrickung in Justs Geschichte geht zu weit, um nicht an dem Beitrag zu zweifeln, den er zur 'neuen Unternehmenskultur' leistet.

Sie besitzt eine zweiwertige Logik wie die Kommunikationsanlagen, die sie verlinkt. Sie kennt nur Drinnen oder Draußen, Sieg oder Niederlage, Effektivität oder Versagen. Nicht nur weil es an der Vorstellung sozialer Alternativen mangelt, die die Werte der Wirtschaftlichkeit konterkarieren, sondern vor allem durch das Ausgeliefertsein im Existenzkampf scheint im Neoliberalismus der Anspruch dieser Logik total. Damit wird natürlich ad absurdum geführt, was daran liberal sein mag. Die Beunruhigung von Emmanuels Roman stammt daher, dass man als Leser wie in einem guten Krimi sehenden Auges verführt wird, die reichhaltig angebotenen Ambivalenzen und Widersprüche auf ihre Passform für die 'neue Unternehmenskultur' zu prüfen, hinter der die Analogie zum Holocaust lauert. Das Buch bringt explizit in die Position, in die die Sprache immer bringt, in die des 'Selektierens' von Sinn. So wie es demonstriert, dass es eine Wahl der Worte gibt.

Der Psychologe, der mit seinem Auftauchen aus der 'neuen Unternehmenskultur' den zugleich christlichen und jüdischen Vornamen Simon erhält, wendet sich nach seiner Entlassung der Arbeit mit Autisten zu. "Manchmal denke ich, das ist mein persönlicher Akt des Widerstands gegen Tiergarten 4.", so hieß das nationalsozialistische Vernichtungsprogramm 'unwerten Lebens', beendet Simon den Bericht des Buches. "Und ich glaube, es gefällt mir inzwischen, an den Rändern der Welt zu existieren." Diese 'Ränder der Welt’ sind im Umgang mit Autisten die Ränder der von ihnen verweigerten Sprache. Ist man in der Sprache, scheint man angesichts der 'Selektion’ von Sinn bereits in der Schuld des Inhumanen zu sein. Der technokratische Jargon benutzt die gleichen Wörter wie die 'Sprache des III.Reichs', weil die eine technokratische war. Einfache Wörter wie 'Anweisung' ist der Generaldirektor Just nicht mehr fähig, zu verwenden, seit ihm mit den anonymen Briefen ihre Vergangenheit adressiert worden ist, die ihm nicht so zufällig erscheint, wie die Zeichen es zuvor für ihn sein mochten, durch die sie aufscheint.

Nietzsches "Genealogie der Moral" beantwortet die Frage, wie man einem vergesslichem Tier wie dem Menschen ein Gewissen macht, damit, dass man ihm ein Gedächtnis schafft. Gedächtnis aber ist nicht umgekehrt auch Gewissen. Letzteres braucht, wie Emmanuels Generaldirektor Just zeigt, eine dem Wahnsinn naheliegende Irritation oder Unsicherheit über das Gegenwärtige, eine Unklarheit der Schuld. Ihre Abwehr muss zusammengebrochen sein, wie es unmöglich ist, sich zu ihr zu bekennen. Im Sinne der anonymen Anklage tatsächlich unschuldig, ähnelt das Unentschuldbare doch durch die Worte. Diese Zwischentöne schließt die Freiheit aus, die nach dem Gesetz des Entweder-Oder funktioniert.

Christine Daum

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