Kindheitsmuster

Lampedusa - Eine magische Geschichte (Originaltitel: Respiro), R: Emanuele Crialese, Italien/Frankreich 2002  
2003-04-01

Sie trösten ihre Väter über Fahrraddiebstähle hinweg oder töten sie, wenn sie bettlägerig sind; erfinden das Kino neu oder irren mit gutmütigen Carabinieris durch Städte und Provinzen. Ihnen zuliebe wird die KZ-Gefangenschaft als zweifelhaftes Abenteuerspiel improvisiert. Italiens Kinder, von denen hier die Rede ist, haben nicht wenig zum internationalen Ruhm und Erfolg des südeuropäischen Filmlandes beigetragen. Damit ist es nun wohl vorerst vorbei. In jüngster Zeit übernehmen Erwachsene die Rollen der Kleinen, weil sich auf der Leinwand das Verständnis von Kindheit wandelt. Herausgelöst aus sozialen und entwicklungs-psychologischen Koordinaten, bezeichnet Kindheit nicht länger nur den ersten großen Abschnitt menschlicher Existenz, sondern ein abstraktes mentales Refugium. Dorthin zieht sich zurück, wem der soziale Druck zu groß wird. Wenn in Pinocchio Kinder von Erwachsenen verkörpert werden, ist das bemerkenswert, aber nicht aufregend, da Pinocchio nun mal ein Märchen ist. Anders liegt der Fall bei einer Gratwanderung zwischen neorealistischer Etüde und Heiligenlegende wie Lampedusa, Emmanuele Crialeses zweitem Abend füllendem Spielfilm. Eine schöne und reife Schauspielerin, Valeria Golino, spielt Grazia, die Frau eines Fischers und dreifache Mutter auf der Insel Lampedusa, die zwischen Sizilien und Nordafrika liegt. Grazia verhält sich wie ein Kind, ohne dass an Kleidung, Motorik oder Physis – wie bei Filmkomikern - die klassischen Zeichen der Regression sichtbar würden.

Grazia lässt sich vom Lustprinzip treiben. Wenn ein schönes Boot im Hafen liegt, will sie lieber zwei fremde Franzosen auf einen Segeltörn begleiten, als in der Fabrik Fische ausnehmen. Zur Irritation ihrer Umgebung ignoriert Grazia alle Schranken zwischen Geschlechtern, Generationen und erlaubten und verbotenen Begierden. Sie tollt mit ihren Kindern herum wie mit Geschwistern. Sie schminkt die Jungen wie Mädchen. Sie lässt auf der Seite ihres Mannes einen wilden Hund im Ehebett schlafen. Als ihr Mann den Hund tötet, befreit Grazia alle herrenlosen Hunde, die außerhalb der Stadt in einem alten Fort eingepfercht sind. Für die Großfamilie steht fest, dass Grazia in die Klapsmühle gehört. Bevor sie dorthin abgeschoben werden kann, verschwindet sie jedoch. Der Fund ihres Kleides am Strand weckt schreckliche Ahnungen und lässt einen ganzen Ort in Trauer und Gebet erstarren.

Woher Grazias infantiler Zorn und Eskapismus rühren, vermittelt Lampedusa ohne jede Zweideutigkeit. Sich auf der Titel gebenden Insel einigelnd, nimmt Crialese die Zuschauer in eine Art Isolationshaft und setzt ihnen eine karge Symbolik vor. Für neunzig Minuten unterwirft er sein Publikum der Sichtweise einer archaischen, hermetischen Welt. Auf dem sonnengebleichten, nervös von der Hitze überflirrten Gestein, das die ganze Insel zu bedecken scheint, trocknen alle Deutungsvarianten aus mit Ausnahme der einen, dass Grazia gegen die Macht des Patriarchats rebelliert. Unter der Männerherrschaft sind Spontaneität und Sinnlichkeit nur im vorgegebenen phantasmatischen Rahmen erlaubt, den auszufüllen Grazias Tochter Marinella besser gelingt als ihrer Mutter. Marinella lässt sich wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts von einem Polizisten 'erfolgreich' durch Straßen und Gassen verfolgen. Nichtsdestoweniger muss sie vorsichtig sein, wie eine Nahaufnahme ihrer sich auf abschüssigem Felsen vorwärts tastenden hohen Schuhe verdeutlicht. Grazia fühlt sich nur wohl im Wasser, in dem Element, das dem Stein entgegen gesetzt ist und wohin die Sprache nicht reicht. Sie weicht vor dem Wort aus, das, sofern es gilt, per se männlich und befehlend ist. Im Wasser sprechen nur die Gesten. Beruhigende, gedämpfte Saxophonklängen untermalen Tauchgänge im Meer. Sich im Meer mit ihrem Mann und der Gemeinschaft, in der sie lebt, versöhnen zu dürfen, bedeutet einen großen Triumph für Grazia.

Dieses Wunder am Schluss gründet auf dem naiven Glauben, irgendwann erhört zu werden. Er beseelt ebenso Grazias kindisches Spiel mit der eigenen Abwesenheit wie die religiöse Überzeugung ihrer Mitmenschen. Ein Wunder, das indes ein ungutes Gefühl hinterlässt. Wo die Religion auf den Plan tritt, gibt es immer ein Opfer zu beklagen. In diesem Fall heißt das: Damit Mama virtuell Kind bleiben darf, muss ein wirkliches Noch-Kind dran glauben. Das ist Grazias Sohn Pasquale (Francesco Casisa). Obwohl sein Blickwinkel im Film dominiert, hat sein weiteres Schicksal in der magischen Geschichte, wie Lampedusa hierzulande im Untertitel heißt, keinen Platz. Die Beziehung zu seiner Mutter symbiotisch zu nennen, wäre eine Untertreibung. Der Vater ertappt Pasquale dabei, wie er ihre Fußnägel lackieren will. Auch ohne die Parallele zu Lolita hängt ein Dunst von Inzest über der Szene. Unter der Last konfligierender Loyalitäten, einerseits die geliebte Mutter in einer Grotte zu verstecken und sich andererseits an der Suche nach ihr beteiligen zu müssen, bricht Pasquale zusammen und fällt ins Koma. Nach dem Erwachen schlachtet er einen Hahn und bereitet ihn der Mutter zum Abendessen zu: Eine untrügliche Allegorie des Verzichts auf die eigene Männlichkeit. Für die Mutter gibt Pasquale seine Zukunft preis, und das unausgewogene Drehbuch findet daran nichts auszusetzen. Der Film rettet sich in die Transzendenz, aber auf Kosten des Menschlichen. Der Mythos siegt über das Individuum.

Andreas Günther

 

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