High Art

(R: Lisa Cholodenko; USA 1998)
2005-12-01

Die erste Einstellung zeigt das Gesicht einer jungen Frau, deren Blick prüfend über die Oberfläche eines Dias wandert. Sorgfältig schiebt sie das Foto in die Hülle zurück, sortiert ihre Unterlagen, schaltet das Licht aus und verlässt nach einem langen Arbeitstag das Büro. Syd (Radha Mitchell) ist jung und ambitioniert, sie hat einen Universitätsabschluss in Critical Theory und ist als Redaktionsassistentin für ein renommiertes Fotomagazin tätig.

Mit ihrem Partner teilt sich Syd eine Wohnung in einem heruntergekommenen New Yorker Mietshaus. Als eines Tages Wasser von der Zimmerdecke tropft, lernt sie ihre Nachbarin Lucy (Ally Sheedy) kennen: eine einst erfolgreiche Fotografin, die seit 10 Jahren keinen kommerziellen Auftrag mehr angenommen hat.

High Art ist ein Film, der sich seinen Protagonisten sehr vorsichtig nähert. Ein Film der kleinen Gesten und stillen Gebärden. Auffällig ist die atmosphärische Gestaltung der einzelnen Einstellungen. Warme, dunkle Farbtöne dominieren das Bild und verleihen dem Geschehen eine Art brüchigen Glamour. Damit greift die filmische Darstellung eine Grundstimmung auf, die der vorgeführten fotografischen Ästhetik sehr ähnlich ist. Große Namen der zeitgenössischen Fotografie werden im Abspann als "contibuting artists" zitiert: Wojnarowicz, Pierson, Morrisroe u.a., allesamt Vertreter einer Fotografengeneration, die Aspekte des urbanen Lebens in den 1980er und frühen 90er Jahren aufzeichneten. Angeführt wird die Riege der Vorbilder indes von einer Fotografin, die längst keine Unbekannte mehr ist: Nan Goldin.

Berühmt wurde Goldin ab den 1970er Jahren durch ihre Langzeitstudien intimer Situationen im Freundeskreis, den sie als eine Familie zweiter Ordnung inszenierte. Ihre mit Soundtracks unterlegten Diaserien zeigte sie in Boston und später in New York. Sie machte Bekanntschaft mit Filmemachern, Musik- und Performancekünstlern, die später als Protagonisten in ihren Fotoserien auftauchen. Ihr Werk wird oft mit dem Begriff der kompromisslosen Offenheit assoziiert.

Eine Künstlerbiographie, die wie geschaffen scheint für die dramatische Bearbeitung - kein Zufall, dass High Art Goldins berühmte Fotografie Der Kuss für einen kurzen Moment als Titelfoto im Hintergrund aufblitzen lässt. Die ästhetischen und biographischen Referenzen sind unübersehbar, man könnte von einer filmischen Hommage sprechen. Dem entspricht die Besetzung der Figur der Lucy mit Ally Sheedy, jener in den 1980er Jahren gefeierten, über ihre Drogenabhängigkeit gestürzten und mit High Art wieder auferstandenen Schauspielerin des Arthouse-Kinos. Zwei Künstlerschicksale werden durch die Rolle der Fotografin in Beziehung gesetzt, die eines miteinander verbindet: eine gewisse Schonungslosigkeit im Blick auf das eigene Leben und eine Form des gescheiterten Exhibitionismus.

Zugespitzt wird das Spannungsverhältnis durch die Figur der Syd, deren jugendlicher Ehrgeiz ein Gegengewicht zu den selbstzerstörerischen Tendenzen Lucys bildet. In der Begegnung der beiden Frauen treffen zwei Welten aufeinander, deren Beziehung zueinander man als eine der distanzierten Koexistenz bezeichnen könnte: die Sphäre der künstlerischen Praxis und die der theoretischen Reflexion. Eine fragile Allianz zeichnet sich ab, die durch den Film zugleich an ihre Grenze geführt wird. Was am Ende übrig bleibt, ist eine fotografische Serie, die eine eigene Geschichte über Abhängigkeit, Selbstverwirklichung, Liebe und Tod erzählt.

Annette Gentz

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