Gespaltene Normalitäten

Sichtweisen auf der 25. Duisburger Filmwoche
01/01/2002

Danach hätte es schön sein müssen R: Karin Jurschick

Dokumentarfilme setzen oft genau dort an, wo der dokumentarische Blick eine Verschiebung des gewohnten Normalzustands wahrnimmt: Beim Außergewöhnlichen, Unbequemen, Extravaganten oder Verborgenen. Nicht selten in unkonventionelle Formen verpackt, werden solche Filme alljährlich während der Duisburger Filmwoche gezeigt und zur Diskussion gestellt.

 

Verschobene Normalität

Durch den Selbstmord der Mutter aus der Bahn eines geregelten Familienlebens geworfen, über das sich allzu schnell der Schatten eines 'ungestörten' Weiterlebens legte, begab sich Karin Jurschick etwa 25 Jahre später auf die filmische Suche nach der persönlichen Vergangenheit. Die Besuche beim mittlerweile 92-jährigen Vater, der eine rein rationale Perspektive auf die 'Geschichte seiner Liebe' und die damaligen Umstände des Todes seiner Frau vermittelt, wirken selbst für den Zuschauer oft unerträglich gefühlskalt. Daß hier die Digitalkamera ein Medium der bewußten Distanzierung abgeben mußte, wird in jenen Bildern besonders deutlich, in denen die Regisseurin ihren Vater mit Vorwürfen konfrontiert: zwar sind beide im Bild zu sehen, kommunizieren aber via Kamera. Für die Mutter wird im Film über 'ihre' Stimme (durch eine Schauspielerin gesprochen) sowie über Inszenierungen von Räumen und Tätigkeiten ein Ort der abwesenden Anwesenheit geschaffen. Danach hätte es schön sein müssen ist nicht nur eine tiefgreifende Analyse eigener und allgemein familiärer Strukturen, sondern auch ein selbstreflexives Filmessay.

Normalität 1-10 R: Hito SteyerlDienstleistung: Fluchthilfe R: Oliver Ressler, Martin Krenn

 

Öffentliche Wahrnehmung

Wie hier im Privaten, so befassten sich eine Reihe von politischen Filmen mit extremen Vorkommnissen oder Zuständen unserer Zeit, die aus diversen Gründen in der Öffentlichkeit verdrängt oder aber akzeptiert bzw. hingenommen werden. Bei Normalität 1-10 von Hito Steyerl war der Titel Programm. Die kurzen Dokumentationen, die antisemitische und rassistische Übergriffe in Deutschland und Österreich benennen und gleichzeitige Normalisierungstendenzen andeuten, beziehen in ihrer Serialität eine klare politische Position und setzen sich mit der strukturellen Gewalt einer zeitgenössischen Politik der Normalisierung auseinander. Der kompilationsartige Film übt Kritik am öffentlichen und politischen Interesse - stellvertretend zum Beispiel durch Bundeskanzler Schröder in seiner Antrittserklärung formuliert - wieder ein "normales Land" werden zu wollen, ohne die Zunahme rechtsextremer Taten und deren Ursachen wahrhaben zu wollen. Das Konzept des work in progress, das die Regisseurin verschiedentlich hervorhob, ließ jedoch nicht darüber hinwegblicken, dass sich die Abstraktion hochkomplexer Zusammenhänge, die sie in der Diskussion wortgewandt und durchdacht vorzubringen vermochte, in der filmischen Darstellung oft eher banalisierend auswirkte.

Die daran anschließende, grundlegende Frage, wie mit dem tiefen Abgrund zwischen Bild und Bedeutung umzugehen sei, blieb durch die Eloquenz der Rednerin vorerst unbeantwortet. Dem Umgang mit Darstellungsformen von umfassenden Themenkomplexen, der natürlich nicht abschließend behandelt werden kann und den die FilmemacherInnen je für sich entscheiden müssen, wurde jedoch auch bei weiteren Diskussionen großes Interesse beigemessen. So etwa bei Dienstleistung: Fluchthilfe. Von den Machern Oliver Ressler und Martin Krenn eher aus finanzieller, denn ästhetischer Notwendigkeit im Stil der 80er-Jahre-Agitations-Videos gehalten, wurde, auch hier von einem bewusst tendenziösen Standpunkt aus, ein verdrängter Bereich unserer Gesellschaft ins Blickfeld gerückt: Sie widmeten sich den Mechanismen von Globalisierung, politisch bzw. ökonomisch motivierten Immigrationswellen in die 'Festung Europa' und deren Abschottungsweisen. Ein Ziel war es, die Arbeit der Schlepperbanden in ihrer wirtschaftlichen Funktion zu dekonstruieren. Das Ausblenden von allgemein Bekanntem und kritischen Graubereichen, auch die filmische Positionierung durch das Erteilen oder Verweigern des 'Sprachrechts', wurde in der Diskussion kritisiert.

Doch an der Schwelle zu einer formalen Debatte ereignete sich, was auch weiterhin immer wieder eintreten sollte: Sie wurde auf die Sichtweise einzelner heruntergebrochen. Subjektivitäten und Trivialien über ästhetische Unzulänglichkeiten oder inhaltliche Brüche im Erzählduktus verschwammen mit kritischen Ansätzen. Trotzdem läßt sich festhalten, daß die Frage nach Darstellungsmöglichkeiten von umfassenden Themenkomplexen im Laufe der Filmwoche an Bedeutung gewann und sich deutlich, auch durch die Auswahl der Filme, als Konstante in den Diskussionen bemerkbar machte und weiterentwickelte.

 

Variable Normalitäten

Immer wieder ging es in den Dokumentarfilmen um Menschen in Grenzsituationen und ihre Suche nach einer akzeptablen Lebensweise, nach Normalität. In uns allen steckt dieser Wunsch nach Normalität, einem Leben im ruhigen 'Mittelfeld' zwischen allen Extremen, natürlich mit individueller Bedeutsamkeit ... Doch was passiert, wenn ein Ereignis wie die Terroranschläge des 11. September das Normalitätsbewußtsein einer ganzen Gesellschaft ins Wanken bringt? Wenn sich eine Gewißheit einstellt, daß 'nichts mehr so sein wird, wie es war' – ohne sich über den trügerischen Schein von Normalität ganz im Klaren zu sein?

Dieser Frage wollte sich auch die Duisburger Filmwoche nicht entziehen und offerierte anläßlich ihres 25jährigen Bestehens keinen glamourösen Rückblick, sondern bot – gemäß ihres tradierten Anspruches – die Gelegenheit, sich mit den aktuellsten und künftigen Entwicklungen unserer Zeit zu beschäftigen. Eigens dazu hatte man Professor Jürgen Link geladen, aus der Sicht des Diskurs- und Normalismustheoretikers Denkanstöße zur gesellschaftlichen Lage zu liefern. Er sprach von einer Denormalisierung, die durch die Attentate eingetreten sei und attestierte den "Durchschnittsmenschen", die er auch in seinem Publikum vermutete, den Wunsch einer schnellen Normalisierung. Kriege seien jedoch niemals normalisierbar, auch wenn der Krieg gegen den Terror, der am 7. Oktober begonnen habe, fernab unserer direkten Wahrnehmung stattfinde. Uns weiterhin einer Normalität hingebend, sind wir uns (zumindest am Rande) des Ausnahmezustands, gegeben durch die Kriegssituation, bewußt. Wir leben in einer gespaltenen Normalität, die sich gerade in den Boulevardmedien besonders deutlich zeigt: Unterhaltungsmagazine, politisches Alltagsgeschehen und kurzlebige Schlagzeilen aus Mode, Sport und Erotik stehen neben Kriegsaufmachern, Milzbrandwarnungen und anderen Terrormeldungen. Link wies darauf hin, daß zweitere gänzlich aus ihrem zeitlich-historischen Kontext gerissen würden und die Rezeption dieser Kriegsmeldungen vollkommen unhistorisch wäre.

Als gefährlich erweist sich in diesem Zusammenhang die massive Einschränkung gesellschaftlicher Toleranz, die durch die Politik unterstützt werde. Besonders deutlich zeigte sich dies an Schröders Solidaritätsbekundungen der deutschen Regierung nach dem 11. September, die plötzlich einer unverklausulierten Forderung George W. Bushs gegenüberstanden ("either you are with us or you are with the terrorists"), die jede alternative Strategie zur Konfliktlösung von vornherein zunichte macht bzw. sich diese eigentlich verbittet.

Was aber bedeutet das für eine demokratische, weltoffene Gesellschaft? Ein Leben im schizophrenen Zustand einer Pseudonormalität ist auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Erstreckt sich der Krieg über einen längeren Zeitraum und prallen Informationsverweigerungen der Regierungen auf erneute schwerwiegende Störungen unserer scheinhaften Normalität, so Link, wird es zu einer Implosion unserer Normalitätsillusion mit weitreichenden Auswirkungen auf die Psyche der Gesellschaft kommen. Sein Votum richtete sich an ein konkretes politisches Handeln seiner Zuhörer in Form der Beteiligung an einer tiefgründigen Debatte zur Deeskalation.

Remote Sensing, R: Ursula Biemann

 

Im Einklang mit dem Gespaltensein

Während Jürgen Link von seinem Publikum Wachsamkeit und Aktionismus einforderte, schätzte die Schweizerin Ursula Biemann das Publikum sehr viel nüchterner ein. Ihr Dokumentarfilm Remote Sensing ist eine abstrakt-komplexe Abhandlung über Frauenhandel, Sextourismus und die Einflüsse militärischer Belagerung, der durch die künstlerische Verwendung videotechnischer Möglichkeiten zur Darstellung gut recherchierter Thesen über Herrschaftsstrukturen und Globalisierung auffiel. In ihrer Analyse geht es nicht um eine weitere flammende Kritik an herrschenden Strukturen und am patriarchalen Diskurs oder an der Globalisierung der Sexindustrie, die bekannterweise längst stattgefunden habe, sondern um den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit dieser Thematik. Auf eine Kritik an dieser sehr theoretischen Herangehensweise an ein schwerwiegendes Kapitel gesellschaftlicher Unterdrückung gab die Regisseurin zu bedenken, daß keineswegs ein aufrüttelnder Film eher zur Agitation der Zuschauer anrege, "sonst hättet ihr doch schon längst etwas unternommen ..!"

Die Benennung der weiten Kluft zwischen dokumentarischer Informationsvermittlung und dem Schritt zum individuellen, wissensbedingten Handeln ließ aufhorchen. Mit ihrem Ausspruch und ihrem Film widersprach Ursula Biemann insofern auch der These von Jürgen Link, daß das Leben im Gespaltenen auf Dauer unmöglich sei, als sie mit ihrem Film über die krassen Verhältnisse von Frauenhandel und Prostitution als Teil der globalisierten Welt ebenfalls und schon lange eine Spaltung unseres Normalitätsbewußtseins feststellt, mit dem sich allerdings gut zu leben scheint. Remote Sensing zeigte ein trauriges Kapitel, wie diametral verschieden Normalität erfahren oder akzeptiert werden kann, leben doch die meist sehr jungen Frauen in einem geduldeten Ausnahmezustand, wobei hier natürlich nicht mehr von einer Normalität gesprochen werden kann.

 

Alt und doch so neu ... (Verschwundene Normalität)

Demgegenüber kam das Publikum in den Genuß, unheimlich anmutende 'vergangene Realitäten' mitzuerleben, wobei die dortige 'Normalität' und wie die dokumentierten Personen auf sie reagierten, zu einer gewissen Belustigung beitrug. In zwei Filmen von Thomas Heise wurde ein Einblick in die verwaltungstechnischen und polizeilichen Abläufe in der DDR Mitte der 80er Jahre gegeben. Die beiden Filme Das Haus / 1984 (über die oftmals schikanösen Abläufe der DDR-Verwaltungsbeamten im Berolina-Haus/Alexanderplatz im Umgang mit Antragstellern, Arbeits- oder Wohnungssuchenden) und Volkspolizei / 1985 (über den Arbeitsalltag von Polizisten des Volkspolizeireviers 14) mußten nach der Entstehung sogleich dem Giftschrank 'anvertraut' werden. Eingedenk des "Orwell-Jahres", so Thomas Heise, hatte er die Filme zusammen mit seinem Kameramann Peter Badel gedreht – schwarz/weiß, im Stile distanzierter Beobachtung und unter abenteuerlichen Umständen, die er auf dem Podium zum Besten gab. Erst 2001 war die Fertigstellung gelungen und in Duisburg waren sie als Premiere zu sehen: Dokumentationen eines 'normalen Arbeitsalltags' inklusive eines selbstentlarvenden Moments.

Andrea Reiter

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