Gefahr im Verzug: Gewalt, Gedächtnis und Zensur in der Hauptstadt

2000-12-01

Am 1. Juni dieses Jahres feierte der Berliner Videoverleih Videodrom sein zehnjähriges Bestehen. Als der damalige Besitzer 1989 sein kleines Videogeschäft in der Zossener Straße verkaufen wollte, haben die beiden (mittzwanzig-jährigen) Mitarbeiter, Ines Ruf, damals Studentin der Filmwissenschaft, und Karsten Rodemann, Student der Medienberatung (als Graf Haufen und Neoist Künstler besser bekannt), den ungewöhnlichen Schritt gewagt, einen Kredit aufzunehmen und das Geschäft in Eigenregie zu übernehmen. In den letzten 10 Jahren ist das Videodrom zu einer Berliner Institution geworden, die als Archiv des Films (und Fernsehens) von einer breiten Kundschaft in Anspruch genommen wird.

Zu den über 20.000 Kunden der Videothek gehören „Profis” wie Schauspieler, Film- und Theaterregisseure, DAAD-Stipendiaten, bildende Künstler, Film-, Fernseh-, und ein erstaunliches Spektrum sonstiger Wissenschaftler, wie auch „Amateure”, gewöhnliche Berliner und die Gemeinde diverser Wahlberliner, die Filme in der Originalsprache geniessen (ob auf Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Kantonesisch oder Englisch), um die kurz andauernde, aber unerläßliche, Erinnerung an die Heimat vom Wohnzimmer aus in der Fremde zu ermöglichen.

Die Sammlung des Videodroms, die mittlerweile aus mehr als 15.000 Kassetten besteht, schließt ein ähnlich breites Spektrum filmischer Erscheinungen ein: Stummfilme aus aller Welt, amerikanische und europäische Avantgarde, japanische Anime, Hongkong Actionfilme, amerikanische und europäische Horrorfilme – praktisch alles, was an Filmen aus Hollywood und jedem anderen Kontinent dieser Welt im PAL-System je angeboten wurde. Viele dieser Werke sind nie in einer anderen Form in Europa zugänglich gewesen, hunderte der vorhandenen Kassetten sind schon lange nicht mehr erhältlich. Kurzum: Das Videodrom widmet sich der Archivierung und ermöglicht damit die Erinnerung an das Andersartige, das Sonstwo auf der Welt, das nicht Gewöhnliche, das hier nicht Beheimatete, ob dies nun auf der Bild- oder Tonebene des Films gespeichert wird.

Am Morgen des 23. November sind die Geschäftsräume (einschließlich Verleih, Verkauf und Versand) und das Büro des Videodroms mittels eines massiven Polizeieinsatzes (ca. 50 Beamte waren beteiligt) wegen „Verdacht auf Verbreitung gewaltverherrlichender Materialien” durchsucht worden. Bei der Aktion sind 666 [sic!] Filme aus dem Verkauf, 131 Filme aus dem Verleih und alle Computer des Büros (inklusive Bildschirme) und Kundendateien als Beweisstücke beschlagnahmt worden, wobei die mangelnden Fachkenntnisse der beteiligten Beamten sich durch die Mitnahme folgender Titeln belegen läßt: Erwin Leisers Mein Kampf, der amerikanische Fernsehmehrteiler Holocaust, Lynchs Wild at Heart, Fassbinders Amerikanischer Soldat, und Kusturicas Underground blieben hier nicht verschont ...

Während polizeiliche Durchsuchungen im Videodrom schon vorgekommen sind, ist jede bisherige Strafanzeige gegen das Videodrom wegen mangelnder Beweise eingestellt worden. Trotzdem ist in diesem Falle eine neue Ebene der Überwachung und Verfolgung erreicht worden, da das Kreuzberger Wirtschaftsamt sich beteiligte und im Alleingang für die Schließung und Versiegelung der Geschäftsräume gesorgt hat. Laut Brief des Wirtschaftsamts vom 26.11.1999 an die Besitzer ist ein solcher extremer Vorgang ohne „vorausgegangenen Verwaltungsakt” möglich, „wenn dies zur Verhinderung einer rechtswidrigen Tat, die einen Straf- oder Bußgeldtatbestand erfüllt, oder zur Abwehr einer drohenden Gefahr erforderlich ist.” Die bisherigen erfolg- und folgenlosen Durchsuchungen reichten dem Wirtschaftsamt aus, um zu behaupten, daß das Videodrom „bereits einschlägig in Erscheinung getreten” sei. Zudem galt offenbar die schiere Menge der beschlagnahmten Filme als Bestätigung des kriminellen Verdachts, und reichte damit aus, um alle Geschäftsräume zu versiegeln und am 8.12. ein zusätzliches Gewerbeverbot gegen die beiden Besitzer auszusprechen, ohne daß dazu eine Prüfung der Vorwürfe (und Beweismittel) der Staatsanwaltschaft stattfinden mußte. Diese Aktion ist in der Bundesrepublik bisher beispiellos: Warum ist das Videodrom zu einer solchen Zielscheibe geworden?

Ob allein im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der Hand oder gemeinsam mit anderen Menschen im dunklen Kinosaal: Der deutsche Staat geht von einer grundsätzlichen Differenz dieser beiden Filmerfahrungen aus und verhält sich dementsprechend unterschiedlich, wenn es darauf ankommt, altersbezogene Indizierungen und Verbote von Videofassungen von Filmen zu erteilen. Während die sogenannte „Freiwillige Selbstkontrolle” (FSK) diese Arbeit für das Kino leistet, und eine Art Zensur ausübt, (die sich wirtschaftlich auswirkt, indem FSK 18-Filmen steuerliche Vorteile verwehrt werden), ist die sogenannte „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften” (BPjS) für die Prüfung der Videofassung eines Films zuständig.

Eine Übernahme von FSK-Bewertungen bei Videofassungen ist grundsätzlich möglich; erst aufgrund einer Beschwerde von einer dem Staat nahen Privatperson (z.B. Beamte, Pfarrer, Sozialarbeiter usw.) muß eine Videofassung erneut überprüft werden. Sollte sie „indiziert” werden, darf sie nur noch für Menschen ab 18 zugänglich sein, sie darf nicht mehr beworben werden, und nicht per Versandhandel verschickt werden (aber immer noch nach 23 Uhr im Fernsehen gesendet werden!); ein Verbot dagegen verbietet den Verkauf, aber nicht den Besitz des Videos.

Im Fall von Videokopien geschieht diese Kategorisierung zudem nicht anhand der einzelnen Filmtitel, sondern der jeweiligen Fassung; d.h. jede einzelne Version, die holländische oder britische oder australische Fassung von z.B. Oliver Stones Natural Born Killers müßte überprüft werden. Alleine das Vorhandensein so vieler Fassungen, die eine gesonderte Überprüfung bedürften, reichte, um die Aufmerksamkeit des Staats auf das Videodrom zu lenken. Eine Videothek, die sich mit den deutschen Fassungen von Filmen zufriedengibt, ist wesentlich leichter überprüfbar und damit unauffälliger, weil weniger kosmopolit.

Die neue Hauptstadt soll laut Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen zum „ersten Ort der öffentlichen Meinung” werden, und eine „immer wichtigere Rolle im Bereich der Meinungsbildung” spielen. Diese Meldung erschien in der TAZ vom 25.11.1999 – neben dem ersten Bericht zur Schließung und Versiegelung des Videodroms.

Addendum: Am 13.12.1999 um 18 Uhr sind die Geschäftsräume des Videodroms vom Wirtschaftsamt entsiegelt worden. Laut Auskunft des für die Entsiegelung zuständigen Mitarbeiters des Wirtschaftsamtes ist der Druck der Öffentlichkeit wirksam gewesen (erwähnt wurde z.B. ein Fax, das nachmittags am 13.12. von Volker Schlöndorff an das Wirtschaftsamt gesandt wurde, der die Frage gestellt hat, ob das Wirtschaftsamt „alle Tassen im Schrank” hätte.) Der Verleih ist damit ab dem 14.12. wieder geöffnet. Von der Staatsanwaltschaft wird weiterhin ermittelt – sämtliche Computer aus dem Büro gelten noch immer als Beweisstücke und werden daher nicht zurückgegeben. Man kümmert sich zur Zeit um Ersatz, um wieder arbeitsfähig zu sein. Weil das Gewerbeverbot der beiden Besitzer nur „ausgesprochen” aber nicht „vollzogen” wurde, sind sie für das Wirtschaftsamt die nächsten zwei Jahre „auf Bewährung”. Die Aktion von November kann sich jederzeit wiederholen.

Robin Curtis

in