Früher endete der Film mit einer Wunde

2001-07-01
Die Beischlafdiebin, D 1997

Christian Petzold (*1960), dessen Kinodebüt Die innere Sicherheit den Deutschen Filmpreis 2001 für den besten Film erhielt, hat zuvor drei Fernsehfilme für das ZDF gedreht: Pilotinnen (1994, Abschlußfilm an der DFFB), Cuba libre (1996) und Die Beischlafdiebin (1997).

Tom kommt aus dem Badezimmer. Er geht zur Treppe, die ihn wieder hinaus in die Kälte des Berliner Bahnhofs führen wird, streift dabei den kleinen Couchtisch, hält inne. Der Blick fällt auf die Brieftasche seines selbsternannten Gönners, der ihn mit in seine Suite nahm. Mehrere hundert Mark, feines Leder, eine Uhr obenauf. Verlockend. Tom betrachtet Jimmy, der auf dem Bett liegend zu schlafen scheint. Der Gegenschuß aber zeigt, daß dieser ein Experiment angeordnet hat: Wird Tom widerstehen oder das Geld stehlen? Tom zieht die Scheine heraus und springt viel zu laut, viel zu schnell die Stufen herab. Er hat alles verloren, vor allem einen Menschen, den er liebte. Mit dem Geld will er Tina zurückbekommen, mit ihr, die er betrog, nach Nizza. Es ist leicht, nett zu sein, wenn man Geld hat, sagt er später zu Jimmy. Später, da hat ihn Jimmy ein zweites Mal am Bahnhof aufgesammelt und ihn nochmals geprüft. Tom nimmt das Geld nicht, wird Jimmys Fahrer. Er hat gelernt, aber noch nicht genug.

Deutsche Misere

Diese Sequenzen aus Cuba libre zeigen die Urszene der Filme Christian Petzolds: Es ist der Traum vom großen Glück, dort, wo es warm ist, der Traum vom Ausstieg jetzt und sofort, weg aus dem Alltag, den Blautönen, der Kälte. Es ist die Versuchung des Geldes, des schnellen großen Geldes, mit dem dieser Traum endlich wahr werden soll.

Petzolds Filme sind Aufnahmen der ‘Deutschen Misere’. Jimmy aus Cuba libre, gespielt von dem großartigen Wolfram Berger, hat einen Namen für das Verzweifeln am Hierbleibenmüssen. "Deutschland - Kaltes Land - Geldland", sagt er zu Tom (Richy Müller) auf der Autobahn gen Süden, wo sie Tina (Catherine Flemming), Toms Ex-Freundin, auf ihrem Weg nach Nizza an einer Raststätte abzufangen versuchen. Sie will abhauen, weil sie keinen Winter mehr schafft. In Deutschland wird nicht gelebt, kann man nicht leben, dort scheint nie die Sonne, über allem lasten die Schatten einer monströsen Vergangenheit, die nur mit der Monotonie eines durchschnittlichen Arbeitslebens, Einfamilienhausglück und Diätplan abgewendet werden können. Flucht scheint die einzige Möglichkeit, um zu überleben.

Karin (Eleonore Weisgerber), die Kosmetik-Vertreterin aus Pilotinnen, muß noch drei Jahre eine Eigentumswohnung in Paris abbezahlen, sonst gehört sie der Bank. Am Ende sehen wir aus dem Appartement auf den Eiffelturm, das geklaute Geld, das die angeschossene Sophie (Nadeshda Brennicke) zu Tode brachte, hatte doch einen Sinn. Es ist der einzige realisierte Versuch in allen Filmen, eine alte Existenz zu verwinden. Um den Preis des Verbrechens, des Ausbrechens, des Lebens.

Alle Hoffnungen hingegen auf Sonne, Südsee und das bella vita scheitern bereits weit vorher, man könnte auch sagen: Für uns Sozialisierte der Industriegesellschaft führt kein Weg ins Paradies, die Entfremdung wird man nie mehr los. Sinnfällig wird diese Ent-Täuschung in Cuba libre, der das Motiv der Befreiung, das durch die Nennung des letzten Orts des sozialistischen Experiments mitschwingt, am Schluß konkret in den Namen einer Bar überführt, vor der Tom erschossen wird. Um nach Cuba zu kommen, hatte er zuvor Tina, seine große Liebe, abzocken und sie alleine zurücklassen müssen. Der Dieb in Die Beischlafdiebin verspricht Petra die gemeinsame Reise nach Bora-Bora. Als er im Moment ihrer Aufbrechens verhaftet wird, sagt er im Weggehen, daß er nur an ihrem Geld interessiert war.

Das beschädigte Leben durch Wiederholung lebbar werden lassen, die Zerstörungen durch Noch-einmal-besser-Machen überwinden, das ist der Kern der Erzählungen Petzolds. Die Utopien sind zu Ende, alle viel zu großen Träume sind als unmögliche immer ganz klar. Als Chimären, welche die Werbung und das Tages-happy-end bei RTL2 vor uns hinstellen, machen sie krank, aber die Arbeit der Personen, der eigentliche Fluß der Bilder und des Lebens ist der der kleinen Schritte. Christian Petzolds Filme spüren fast unmerklichen Entwicklungen nach, den minimalen Andeutungen von Zuneigung, dem verhaltenen Gefühl von Zufriedenheit und verminderter Angst, der nächste Schlag ins Gesicht könnte noch fester sein als der vorige. Er ist sogar erträglicher und fast schon ein Zeichen der Liebe, wie es die Protagonisten sowohl in Pilotinnen als auch Cuba libre erleben.

Die Beischlafdiebin, D 1997

 

Die Beischlafdiebin, D 1997

Gestengeschäfte und Bodybusiness

Die Zerstörungen zu verwinden, heißt vor allem, die Demütigungen eines Rollenbildes zu erkennen und zu dekonstruieren. Christian Petzold hat ein genaues Auge für die gestischen und sprachlichen Machtverhältnisse, die ein nunmehr von Managern geleitetes Patriarchat reproduziert. Dabei ist seine große Stärke, daß sich diese Kritik nicht gewissermaßen ‘von Mann zu Mann’ als Kapitalismus-Schelte entfaltet, sondern als Erkenntnisprozeß von Frauen, deren bisheriges Verhalten als Unterwerfung deutlich wird. In Pilotinnen geschieht dies noch relativ stereotyp, indem Sophie sich von dem von vornherein als Ekel eingeführten Juniorchef trennt, und in diesem Zuge auch Karin, die sie anfangs kontrollieren sollte, die Entwürdigung ihrer ‘Sex for job’-Notstrategie klarmacht. Durch den dramaturgischen Kniff (Petzold hat fast alle Drehbücher zusammen mit Harun Farocki erarbeitet und dialogisch erprobt), die Lehrerin - die ältere Schwester instruiert die jüngere - die Falschheit ihre Maximen erkennen zu lassen, gelingt es dann in Die Beischlafdiebin auf beeindruckende Weise, den Habitus des Unterwerfens herauszustellen.

Petra (Constanze Engelbrecht) ist im Bild ihrer kleinen Schwester die erfolgreiche Tourismus-Managerin. Eine falsche Vorstellung, ebenso wie Franziska (Nele Mueller-Stöfen) nicht die promovierte Übersetzerin mit guter Auftragslage ist, für die sie Petra hält, sondern eine McJobberin, die im Kaufhaus die Tagestips verliest. Petra wiederum hatte sich in Feriensiedlungen in Marokko auf die Psychologie deutscher Business-Männer spezialisiert und sie ausgeraubt, wenn das Schlafmittel im Champagner die Erfüllung des Begehrens verhinderte. Sie kennt die Wünsche, das Spiel der Verführungen, und möchte nun Franziska so ausbilden, daß sie bei Bewerbungsgesprächen mit Männern Erfolg hat. Doch merken die sehr schnell, was gespielt, was gekonnt und was ‘adäquat’ ist. So wird Franziska von einem Chef abgeschleppt, ohne dann den Job zu bekommen, weil sie "nichts für die Besprechung, sondern was für danach ist", wie Petra später im Gespräch mit eben jenem Chef erfährt, an den auch sie sich - aus Rache für die kleine Schwester - herangemacht hatte. "Gucken Sie sich die an, immer den Blick auf dem Kleidschlitz, ob er auch nicht zu weit aufgeht", erklärt der Chef Petra süffisant die Videoaufzeichnung des Termins mit Franziska. Petra selber hatte ihr das beigebracht, aber nun wird im Scheitern - die ältere Schwester glaubte sogar auch noch an die Entgeltung ‘Job for Sex’ - deutlich, daß schon die Strategie, mit diesen "Waffen einer Frau" kämpfen zu müssen und sie auch zu gebrauchen, ein Unterschreiben der de facto institutionalisierten Machtstruktur ist.

Doch schlägt sich diese Erkenntnis nicht wirklich nieder, denn beide Schwestern ziehen auf anderem Terrain mit derselben Masche weiter auf die Jagd nach Geld, um ihr mit hohen Hypotheken belastetes Familienhaus zurückzubekommen. Die Wiederholung ist nicht zugleich Differenz, und damit nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zwei Formen von Wiederholungen lassen sich in allen drei Filmen finden (wozu ich nicht die unzähligen, am perfektesten in Cuba libre inszenierten Spielarten des Verpassens, des Verfehlens rechne; dabei hat sich eine Situation verändert, aber die Figuren handeln nun - nolens volens manchmal - auch anders). Die erste stellt ein anderes Ereignis dar als das, an welches sie erinnert. Die Figur hat etwas gelernt oder macht etwas aus bestimmten Gründen nun anders, z.B. das schon erwähnte Liegenlassen des Geldes oder die abnehmende Stärke des Schlags ins Gesicht. Dagegen will die zweite Form der Wiederholung genau das sein, was sie war, doch hat sich eben die Situation verändert. Aus dieser Konstellation, dem unveränderten Gleichlauf ohne Aufmerksamkeit für das andere Sich-Ereignen, rührt die letale Dynamik in Christian Petzolds Filmen. Die Lektion lautet: Das Leben ist anders, dauernd, aber nicht im Großen, sondern im Kleinen!

 

Cuba libre, D 1996

Lernprozesse mit tödlichem Ausgang

Tom wird am Ende von Cuba libre erschossen, als er auch ein zweites Mal das Geld von Jimmy abzuholen versucht, auf das offensichtlich auch die Herren in schwarzen Anzügen und Waffen scharf sind. Tom braucht das Geld, um Tina halten zu können, um den Traum bewahren zu können, daß "es doch zu etwas gut sein muß" - wie Sophie am Ende von Pilotinnen sagt. Dabei hatte Tina schon beim ersten Termin in Knogge ihm vorausgesagt, daß er von den Gangstern überfallen würde. Aber Tom muß auf dieses Verhalten setzen - und stirbt.

Ähnlich läuft der tragische Tod Franziskas ab. Nachdem sie von der älteren Schwester über die Belehrungen bei Bewerbungen hinaus auch ins Hand- und Mundwerk einer Beischlafdiebin eingeführt wurde, macht sie sich an einen Mann (Richy Müller) an einer Bar heran, dem sie ihre "größere Einsamkeit als ein Rentner auf Mallorca" beichtet - was der aber schon weiß, denn es ist der Bulle aus Marokko, der dort Petra schon fast verhaftet hätte, damals aber vom Elektro-Schocker noch nichts wußte. Nun entfernt er die Batterien aus dem Gerät in Franziskas Tasche, läßt alles weiter nach der ihm schon vertrauten Masche laufen: Und Franziska rennt in den Tod, denn auf der Flucht vor seiner Verhaftung - der Schocker, ihre Waffe, hat nicht funktioniert - wird sie angefahren. Die Situation war eine andere geworden, mit anderen Menschen, und doch sollte derselbe Plot zwischen ihnen ablaufen. Tragisch wird diese Konstellation, weil nicht eigentlich Franziska scheitert, sondern ein Modell der Wiederholung, daß Petra in ihrem Leben praktiziert. Die große Schwester wollte für die kleine immer ein anderes, besseres Leben, deshalb schickte sie ihr Geld. Das Geld, verdient mit dem Aufschub schlechthin, der ewigen Wiederholung des in Aussicht gestellten Beischlafs. Die kleine Schwester Franziska aber hatte für sich ein eigenes Modell gefunden, mit dem sie nicht glücklich, aber mit sich ehrlich war.

Gemeinsam wollten sich die Schwestern, aufgeklärt über ihre gegenseitigen falschen Projektionen, den Ort des Herkommens, ihren Ursprung sichern. Franziska hatte das Haus als Sicherheit für Kredite an ihr Pleite gegangenes Übersetzerbüro gestellt, so daß es nun f a s t (wie das Appartement in Pilotinnen n o c h) der Bank gehört. Dabei verhält sich die Sehnsucht Petras, mit der Rückkehr in die Heimat Deutschland endlich irgendwo anzukommen, exakt spiegelbildlich zur Flucht nach vorn in das vermeintliche (Südsee-) Paradies. "Zuhause ist weiter weg als Bora-Bora", sagt der Dieb (Wolfram Berger) zu Petra kurz vor ihrem Weggang aus Marokko. Der Weg nach vorn wie zurück führt an kein Ziel, weil diese Heimat kein lokales Phänomen ist, sondern ein Gefühl des Vertrauens wäre, ein Ort ohne Lüge, ohne Strategie, ohne das Wissen um Geldsorgen. Alle Figurenkonstellationen aber sind eingespannt in diese Tristesse des steinernen Herzens, des Mittelstands der Gefühle:

Sophie und Karin beginnen als Konkurrentinnen, es geht um einen Job; Tom und Tina begegnen sich als Scheiternder und Hassende, es geht um eine Liebe, das Glück; Petra und Franziska belügen sich, es geht um die Vergangenheit.

 

Ökonomie des Glücks

Die nüchtern-präzisen, oftmals in kühler blauer Farblichkeit gehaltenen Bilder von Kameramann Hans Fromm (in allen drei Filmen) sowie die eher monoton-wiederholende, dadurch melancholisch wirkende Musik von Stefan Will (in Cuba libre / Die Beischlafdiebin) unterstützen diese Skizze einer Misere, aus der nur die Wiederholung der Differenz, der nächste Schritt des Vertrauens heraushelfen könnte. Für alles andere scheinen die Verhältnisse längst zu verdorben, und die Nettigkeit der Mitmenschen ist ein Phänomen ihres Wohlstands, nicht die Freundlichkeit ihrer Seele.

Um wieviel frustrierender ist dann die Enttäuschung, wenn auch diese große Vorleistung auf einen kleinen emotionalen Erfolg nicht zurückgezahlt wird (auch diese Mini-Ökonomie der Anerkennung, des Glücks, ist weiterhin eine Ökonomie, es geht nur mit Vorleistung, Erfolgsaussicht, Zurückzahlung, etc.). Der lange Blick auf das Gesicht der wartenden Tina, während Tom, der sie eigentlich abholen und nach Nizza bringen wollte, im Wagen Jimmys an ihr vorbeigefahren wird (er ist das Opfer der paranoiden Seite des emotionalen Mittelstandes geworden, die selbsternannte ‘Innere Sicherheit’ - grandios verkörpert von Mark Schlichter - hat ihn im Bahnhof zusammengeschlagen), ist das präzise Abbild eines Scheiterns noch im Letzten - oder Allerersten.

Die Überwindung der Zerstörung in der Liebe, sei es die zwischen Geliebten oder Schwestern, scheitert an der falschen Wiederholung. Vielleicht kann es ja in der Freundschaft gelingen, doch ist im Spiel mit den Träumen bei dieser besondere Vorsicht geboten. Freunde, oder solche, die sich als welche ausgeben, haben in Petzolds Filmen ein Gesicht, das Wolfram Bergers. Jimmy in Cuba libre oder der Dieb in Die Beischlafdiebin sind den Helden deshalb so nahe, weil sie ihre Psyche sehr genau ansprechen. Jimmy versteht Toms Ausstiegsgedanken, gibt ihnen das Unterfutter der Systemkritik, weiß um die Verletzungen wegen Tina, und doch sind seine Einweisungen, wie Tina in Knogge feststellt, nur eine Lockvogeltaktik gewesen: Tom sollte die Gangster auf sich ziehen. In Die Beischlafdiebin macht der Dieb Petra Avancen, will sie zur Partnerin, um dann gemeinsam den Ausstieg nach Bora-Bora durchzuziehen. Er erwischt sie in einem schwachen Moment, aufgeflogen durch den Bullen, melancholisch ob der Ferne der Heimat. Als sie sich in Köln ein weiteres Mal treffen, spricht er von seinem großen Coup, nach dem er mit ihr abhauen könne. Wenig später kommt die desillusionierende Preisgabe seiner wahren Motive. Auch diese Freundschaft rettet nichts.

Was bleibt, sind Momente des Glücks. Wenn in Cuba libre oder Pilotinnen (besonders dort, der Film heißt vielleicht auch deshalb so) die HeldInnen mit dem Auto fahren, in reiner Bewegung losgelöst sind von irgendeinem Ziel, dann schwenkt die Kamera für Sekunden in den Himmel, über dem auswegloser werdenden Ringen auf Erden ziehen die Wolken vorüber, steht ein strahlendes Blau. Noch betörender - wir brauchen Blau für unsere Sehnsucht (weiß der Kamerablick) - durch die Tönung am oberen Rand der Windschutzscheibe. Oder wenn ein Blick über eine Kaffeetasse schwenkt wie in Cuba libre, über den Wecker zur schlafenden Petra in Die Beischlafdiebin, dann steht für Sekunden die Dynamik still und die Dinge erhalten eine eigene Würde, die nicht die der Entfremdung und Stereotypie - der Kaffee und der Wecker als Ikonen der Wirtschaftswundermentalität - ist; ein Moment lang starkes Sein.

Nur Momente, denn was außerdem bleibt, ist die Endgültigkeit des Todes. Tragisch wie bei Franziska und Sophie aus Pilotinnen, gerade im Abendlicht am Strand hoffnungslos-triste in Cuba libre, vielleicht doch ein wenig forciert bei Jimmy, der die Ampullen für sein krankes Herz herunterschlägt, ist der Tod als Form des Lebens, als die scheiternde Wiederholung, immer schon gegenwärtig. Doch wird er begreifbar erst als Ende des Lebens, als Ende der Erzählung. Die Zeit der Filme reicht nicht aus, um im täglichen Spiel von Differenz und Wiederholung dem Leben einen immer anderen Sinn zu geben und den Tod so hinter das Filmende zu verbannen. Es gibt kein Happy-end, keinen glücklichen Film im falschen Leben. Früher endeten die (Film-)Rollen mit einer Wunde.

Jörg Metelmann

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