Feminine Studies

1999-12-01

Feminine Studies

Vertrauen gegen Vertrauen von Paule Constant, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt 1999: Eine Abrechnung mit dem Mangel an weiblichem (Selbst)Vertrauen

Vertrauen gegen Vertrauen sei ”eine scharfsichtige Bestandsaufnahme der feministischen Idee am Ende unseres Jahrhunderts”, verspricht der Klappentext des flammend rot eingeschlagenen Romans. Das leere Versprechen mag man für Etikettenschwindel halten. Man kann es aber auch als Aussage über die Gegenwart des Feminismus verstehen. Man sucht ihn vergeblich. Feminismus kommt nicht vor im Bestseller von Paule Constant, der 1999 den angesehensten französischen Literaturpreis, den ,Prix Goncourt‘ erhielt. Wer aber als Frau unter Frauen ,wahre‘, das heißt konkurrenzbewußte Französinnen kennt und schätzt, der wird das Buch lieben und genießen, wie man der besten Freundin nur das Schlechteste wünscht.

Es ist die alte Situation von Frauenfilm und Literatur aus den siebziger Jahren. Ausgehend von Intimbekenntnissen: Vertrauen gegen Vertrauen, begann damals der weibliche Aufbruch zur Selbstverwirklichung. Vier Frauen, in die besten Jahre gekommen, begegnen sich in einer Küche. Sie treffen sich alljährlich zum Colloquium der ”feminine studies” in Middleway, Kansas, im Haus von Gloria Patter, schwarz, Professorin für französische Literatur.

Die Frauen könnten miteinander reden. Doch der Frauenaufbruch ist dreißig Jahre her. In Glorias vollautomatisierter Küche findet kein Gespräch mehr statt. Auch die ”brachiale Intelligenz” der Frauen, die der Roman propagiert, zeigt sich nirgends. Bis zum Ende des Buches bleiben die ”feminine studies” ein Fach für Anspielungen. Man erfährt nicht, was sie erforschen. Nur so viel ist klar, man kann in diesem Fach mit einer Doktorarbeit über ”das große Orakel” promovieren und als Frau Karriere machen.

Der Klappentext von Vertrauen gegen Vertrauen verführt, ein Diskursbuch wie Thomas Meinekes Roman Tomboy zu erwarten. Meineke ließ sich mit dem Postfeminismus ein. Ihm gelingt beides. Er referiert Theorien und ideologische Kuriositäten. Mit dem Buch kann man sich durchaus auf eine Gender-Study-Prüfung vorbereiten. Meineke beschreibt aber auch kenntnisreich die Protagonistinnen des Postfeminismus und ihre Lebenswelt.

Wer sich das gleiche von Paule Constant für französische Verhältnisse erhofft, wird enttäuscht. Vertrauen gegen Vertrauen hat etwas vom Campusroman, ist ein Frauenroman und eine unentschlossene Satire auf beide. Sein Thema ist die Sklavenmentalität von Frauen, die Karriere gemacht haben, mit ihrem Leben aber ewig unzufrieden sind. Alle vier Frauen, die zum Ende des Colloquiums in Gloria Patters Küche sitzen, versuchten, ihrer Herkunft zu entkommen. Sie haben es geschafft, haben dadurch aber keine neue Identität gewonnen. Sie sind nicht stolz auf das, was sie erreicht haben. Sie neiden anderen ihren Erfolg und trauern verpaßten Chancen nach.

In raffiniert konstruierten Perspektiven, die weit über Glorias Küche in Middleway hinausreichen, erzählt der Roman, was die eine über die andere denkt, wie sie einander wahrnehmen und empfinden. Die Bösartigkeiten, die jede aus ihrer Perspektive über die anderen ausspinnt, werden aber so gut wie nie ausgesprochen. Es gibt kaum Berührungen, so daß es ‘typisch weiblich‘ zu keiner Konfrontation kommt. Dafür aber werden vier spannende Lebensläufe Stück für Stück rekonstruiert. Aus den Biografien erfährt man allerdings mehr über die Komplexe, Hemmungen und die Borniertheit der vier Frauen als über das, was von einem gewissen Punkt der Lektüre an interessiert. Wie gelang es den vier Ladies nicht nur, sich lächerlich zu machen, sondern zu ihren traumhaften Karrieren zu kommen?

Über diese Frage scheint Paule Constant erhaben. Ein französischer Standesdünkel, der weiß, daß man seine Herkunft nicht ablegen kann, rümpft die Nase über den Arrivismus eines American Way of Life, der zumindest vorgibt, jede Frau sei ihres Glückes Schmied. Constant macht sich über die Karrieren ihrer Protagonistinnen her, karikiert sie aber nicht wirklich. Man muß über diese Frauen weniger lachen, als sie dafür bemitleiden, daß sie sich entschlossen haben, diesen und keinen anderen Weg in ihrem Leben zu gehen. Hätten sie sich statt der Karriere für Familie und Kinder entschieden, gingen es ihnen sicher besser.

Constants Figuren messen sich moralisch an der Kluft zwischen Gesinnung und ihnen zuwider laufenden Taten, in erster Linie aber daran, ob die Einsamkeit und das Unglück der anderen nicht noch größer sind als die eigenen. Man könnte sich über sie erheben. In jeder Figur sind Ambivalenzen und Widersprüche angelegt, die wie in einem Lehrstück die Dogmen der im Dunkel bleibenden ”feminine studies” illustrieren könnten und das ihnen widerstrebende Leben. Es soll offenbar die feministische Würze des Buches sein, daß jede politische Unkorrektheit als Vorwurf benutzt werden kann.

In der deutschen Übersetzung gewinnt der Roman seine Dichte weder aus der Handlung noch aus dem Rhythmus einer vorwitzigen Sprache, sondern aus der Gegenüberstellung der stringenten Biografien, die wie Thesen funktionieren. Die Figuren von Paule Constant passen in ihren Spiegelungen und Konkurrenzen wie Schlüssel und Schloß ineinander. Die eine hat das Gesicht, das die andere verloren hat. Die afrikanischen Wurzeln, die die schwarze Gloria sucht, besitzt die weiße Schriftstellerin Aurore, die in den französischen Kolonien geboren ist.

Vertrauen gegen Vertrauen hinterläßt den Nachgeschmack, daß man die so einsamen, wie gebildeten und machtbewußten Frauen mit ihren schwulen ”Gigolo-Sekretären” bedauern muß. Ihr Leben hätte ”irgendwie” anders verlaufen sollen. Das Buch ist um die Möglichkeit einer eindeutigen Identität konstruiert, ohne die man nicht zufrieden, das heißt glücklich wird. Das dürfte dazu beigetragen haben, daß Vertrauen gegen Vertrauen in Frankreich zum Bestseller wurde. Viele Leserinnen, die Bücher kaufen, sind bekanntermaßen im Alter der Protagonistinnen. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie haben nun wieder Zeit. Für sie ist das Buch gewiß ein Trost, es mit der Karriere gar nicht erst versucht zu haben. So konnten sie nichts verpassen, mußten sich nicht in der Lächerlichkeit von Anstrengung und Intrige blamieren wie jene Frauen, die die Zeit nicht haben, diesen Roman zu lesen.

Christine Daum

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