F for fat

Zum Verhältnis von Text und Körper in Precious, Lee Daniels, USA 2010
2/5/2010

Durch eine enorme Leibesfülle zeichnete sich der zwischen 1910 und 1920 bekannte Schauspieler und Regisseur Roscoe „Fatty“ Arbuckle aus. Fatty war ein Komiker und gehörte derselben Komikergeneration an wie Buster Keaton, Harold Lloyd, Larry Semon, Stan Laurel und Oliver Hardy. Fattys Komik beruhte vorrangig auf dem Gegensatz zwischen seiner enormen Leibesfülle und seiner großen Agilität. In den Filmen geht es um die Abenteuer von Fatty. Die (deutschen) Verleihtitel Fatty als Cowboy, Fatty als Heiratskandidat!, Fatty als ländlicher Held, Fatty als Lebensretter, Fatty im Damenbad!, Fatty in der Kneipe zum Bon-Ton lassen erahnen, wie die Filme funktionieren und worum es geht. Ein korpulenter Mann gerät in alle möglichen Situationen, wobei der Körper eine Erwartungshaltung beim Zuschauer hervorruft, die immer wieder von neuem überraschend unerfüllt bleibt. Denn Fatty ist zwar raumgreifend was seine Statur angeht, aber zugleich auch einfallsreich und schlau wenn es darum geht, diese (und die Erwartung des Zuschauers) zu überlisten.

Ganz ähnlich unterhaltsam und originell wie die Begegnung mit Fatty in den Filmen, ist eine Begegnung mit ihm in den Filmkritiken Siegfried Kracauers.1 Offensichtlich hatte dieser eine Schwäche für Fatty, dessen „unglaubliche Körperfülle tanzen zu sehen“ (Frankfurter Zeitung, 29.9.1923) für Kracauer „reiner Genuss“ war. Nach Kracauer produziert sich Fatty „allen Gesetzen der Statik zum Hohn“ (ebd.).  „Seine Dicke entwaffnet, seine Liebenswürdigkeit versöhnt“ (FZ, 7.10.1923)  und „die Handlung, in deren Verlauf Männer und Frauen verschiedenen Kalibers in den Ziehbrunnen stürzen, durch die Fenster fliegen und sich auf mannigfaltige Arten überraschend von der Stelle bewegen, endet natürlich mit dem vollen Triumph von Fattys Korpulenz.“ (ebd.) In seinen Beschreibungen nimmt Kracauer die Gegensätze, auf welchen die Komik Fattys basiert, spielerisch auf, was besonders in Sätzen wie „Fattys ungeheure Leiblichkeit durchwogt ein Mädchenpensionat“ (FZ, 24.2.1924) oder „Fattys plumpe Körpermasse verfällt in ein anmutiges Scharwenzeln.“ (Neue Züricher Zeitung, 24.7.1938) zum Ausdruck kommt. Dass Kracauers rhetorische Maßnahmen zur Beschreibung der Körperfülle stets Anverwandlungen der komischen Strategien Fattys sind, ist eine Art Liebeserklärung an den Komiker: „Fatty ist der bezaubernde Dicksack von früher, Gentleman vom Scheitel über den Bauch bis zur Sohle und rührend-schamhaft den Mädchen gegenüber.“ (FZ, 2.7.1927)

 

Auch in Precious wird Körperfülle in Szene gesetzt. Hauptfigur des Films ist Clareece „Precious“ Jones (Gabourey Sidibe), ein übergewichtiger Teenager aus Harlem. Im Unterschied zu den grotesken Fatty-Filmen wird die Leiblichkeit von Precious auf der Folie einer tragischen Handlung vorgeführt. Anstatt Tortenschlachten, Verfolgungsjagden und Explosionen, die traditionell als Attraktionen des Kinos der 1910er Jahre gelten, wird in Precious eine Armada heutiger Gewaltszenarien – von sexuellem Missbrauch über Armut bis hin zu AIDS - aufgeboten. Die ungeheure Leiblichkeit des Mädchens ist Teil eines Horrorszenarios, einer Ansammlung aus Realitäten, die bestürzen sollen und aufgrund der Zuspitzung und der hohen Frequenz ihrer Darbietung zugleich einen märchenhaften Zug annehmen. Die Gewalterlebnisse des Mädchens, die der Film zeigt, sind zudem durchsiebt von clipartigen Traumsequenzen, in welchen der massige Körper nicht als geschunden oder annormal rangiert, sondern als Starkörper auf der Bühne oder auf dem roten Teppich gefeiert wird. Die Präsenz und Größe des Körpers wird besonders in der Schulszene deutlich. Precious sitzt ganz hinten in der letzten Reihe als stummer Koloß. Im Rücken der Mitschülerinnen und –schüler verfolgt sie den Unterricht. Während sich Fatty am Strand vor seiner Frau versteckend in den Sand eingräbt, um seinen massigen Körper zum Verschwinden zu bringen (was lustig ist!), hat Precious keine Wahl. Der Platz in der letzten Reihe bringt sie nicht einmal für einen Moment zum Verschwinden.

 

In einer anderen Szene wird Precious zur Schulleiterin gerufen.  Unwillig und schlurfenden Schrittes betritt sie das Büro und flätzt sich auf ein Sofa. Als die Schulleiterin ihr zu verstehen gibt, dass sie auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz nehmen soll, greift Precious zu einem Buch, welches sie, bevor sie sich hinsetzt, auf den Stuhl legt. Eine Handlung die ganz selbstverständlich und für den Zuschauer kaum sichtbar vonstatten geht. Was das soll? Womöglich befürchtet Precious zwischen den beiden Armlehnen des Stuhls stecken zu bleiben und legt sich, um nicht zu tief in das Polster des Stuhls einzusinken, vorsorglich ein Buch unter den Hintern.

Hin und wieder sieht man Precious auf den Strassen von Harlem. Der gehende, große, unglaubliche Körper im Stadtraum. In diesen Szenen verschwindet der Text des Films, der vom Drama der Figur handelt. Was bleibt ist die Fülle des Körpers, der Umfang der Oberschenkel, das Wippen des Fleisches bei jedem Schritt, oder, als sie ohne zu bezahlen mit einem Eimer Chicken Wings wegläuft, ein Moment reiner Körperfülle in Bewegung. Im ersten Drittel des Films sehen wir Precious auf der Strasse, noch ohne das Ausmaß der erlittenen Gewalt zu ermessen. Dass dieses Gehen allein, der massige Körper und der Gang durch die Strassen von vorn herein, noch ehe man etwas weiß, eine Traurigkeit enthalten (etwas stimmt nicht), mag man dem Film vorwerfen. Aber das ist auch das einzige. Denn andererseits ließe sich auch daraus ableiten, dass Precious in diesen Momenten einen Körper von Gewicht sogar ohne Sprache und Text zum Sprechen bringt.

  • 1. Siegfried Kracauer: Kleine Schriften zum Film, Band 1 (1921-1925) und 2 (1932-1961), erschienen in: Inka Mülder-Bach und Ingrid Belke (Hg.): Siegfried Kracauer. Werke Band 6, Frankfurt am Main 2004. Die folgenden Zitate aus der Frankfurter Zeitung (FZ) und der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) sind den Bänden 1 und 3 entnommen.
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