Es "Ben"-nt

Soloalbum, R: Gregor Schnitzler, D 2002
2003-04-01

Durch eine äußerst unscheinbare Wohnungstür dringt Drum'n Bass-Gewummer. Der Typ, der öffnet, versucht wie ein weltbekannter Kinderschreck auszusehen und traut seinen Augen nicht. "Hi, ich bin Michael Jackson. Als was kommt ihr denn?" – "Die 'Fantastischen Vier', Mann!", entgegnet Ben und ist schon an ihm vorbei. "Die anderen zwei kommen noch", fügt Christian hinzu und eilt ihm nach.

So lässig erbluffen sich also Musikredakteure den Zugang zu einer Motto-Party. Sie antizipieren recht genau, daß kaum bis vier gezählt wird. Die Gäste haben sich als Michael Jackson oder Lenny Kravitz oder Anastacia oder Madonna geklont, als ob der Pop-Olymp bei vier Göttern Aufnahmestopp verhängt hätte. Außerdem haben Ben und Christian nur zur Hälfte gelogen, aber das geschah unbewußt. Es gibt die anderen Bandmitglieder. Sie heißen Katharina und Liam und sind in jeder Hinsicht fantastisch. Sie spuken Ben und Christian gehörig im Kopf herum, und nicht nur dort. Soloalbum war augenscheinlich als unwiderstehlich jugendkultige Trend-Komödie konzipiert. Aber als überwiegend phantasmatische Wesen halten Katharina und Liam ein Hintertürchen in ein Jenseits mannigfacher filmhistorischer und vor allem literarischer Bezüge offen. So könnte man beispielsweise meinen, daß die Paradoxien des Begehrens, die Marcel Proust in seiner Recherche beschrieben hat, hierzulande noch keine bessere Leinwandadaption gefunden hätten als in Soloalbum. Denn wie Prousts 'Marcel' seine Albertine können Ben und Christian ihre Phantom-Partner Katharina und Liam weder loslassen noch wirklich für sich gewinnen.

Proust-Effekt Nr. 1: Je näher man dem Liebesobjekt kommt, desto entfernter ist es, und umgekehrt. Christian (Christian Näthe) fiebert dem Interview mit exzentrischem Oasis-Sänger Liam Gallagher entgegen. Doch als er selbst es führen soll, und nicht Sound & Music-Star-Autor Ben, zuckt Christian ins Masturbatorisch-Delirierende zurück. Aufgetakelt mit Liam-Perücke und Liam-Parka, abgefüllt bis zum Rand, interviewt Christian sich selbst.

Proust-Effekt Nr. 2: Die Tyrannei verselbständigter Erinnerung. Katharina (Nora Tschirner) hat sich per SMS von Ben (Matthias Schweighöfer) getrennt. Einige kritische Gedanken zur Form ihres Gesäßes, die Ben gegen den Herzensschmerz mobilisiert, genügen, damit Katharina höchstselbst unter der Bettdecke von Bens Tagträumereien hervorkrabbelt und eine ebenso liebevolle wie gründliche Revision seines Urteils erwirkt.

Proust-Effekt Nr. 3: Die Macht der Visionen vereitelt Begegnungen in der Realität. Alf, der Apotheker – das ist er wirklich ! – hat Ben ein Mittelchen dagelassen, das den Zurückgelassenen wieder auf die Beine bringen soll. Die Einnahme des Elixiers läßt tausend Katharinas aus dem verwarzten Teppich sprießen, und aus ebenso vielen süßen Kehlchen "Ben"-nt es in allen Tonlagen. Danach kann Ben vor der wirklichen Katharina, die die Sonnenbrille zurückbringen will, die er wohlweislich in ihrem Auto deponierte, nur noch das Grausen packen.

Freilich steigt die Halluzinatorik von Soloalbum weder aus der Teetasse noch aus Gebäckgeschmack auf, sondern, darin früher Moderne und schwarzer Romantik gleichermaßen verwandt, meist aus eingeworfenen Trips. Was den Zuschauer bezaubert, hält dabei gleichzeitig hinter dem Rücken der Figur den dramaturgischen Motor am Laufen. Damit Benjamin von Stuckrad-Barres zeitgeistige Liebeskummer-Larmoyanze zu einem "dramatisch, konfliktgeladen und plotorientiert" (Drehbuchautor Frederick Otto) erzählten Film alchimiert werden konnte, bedurfte es nach Meinung des Regisseurs Gregor Schnitzler einiger Zusätze. Das chemische Kettenreaktionsprinzip mischte mit großer Wahrscheinlichkeit Christian Zübel ein, der damit in seiner Cannabis-Clownerie Lammbock gute Erfahrungen gemacht hat. Alkohol, Tabletten, Zigaretten, Ohrfeigen gefolgt von Küssen (und umgekehrt) übernehmen wohl seinetwegen in Soloalbum die Funktionen von Gift und Gegengift. Durch sie bleibt die Story im Gleichgewicht, knistern die Repliken-Duette und -Duelle wie elektrifiziert, steigern sich die Gags zu rauschhaften Burlesken.

Das Ergebnis ist wirklich fantastisch. Inklusive des screenager-Personals, das, unwesentlich älter als die "Peanuts", gespenstisch altersweise auftritt, läßt sich Soloalbum als Séance genießen, auf der jede(r) seine Lieblingsgeistererscheinung aus zweihundert Jahren nicht nur populärer Kultur zu hören und zu sehen bekommen kann. Die screwball-comedy aus Hollywoods goldenen Zeiten, die in der Sound & Music-Redaktion, bevölkert von grantelnden Chefredakteuren und überheblichen Schreiberlingen, ihren idealen Resonanzraum findet. Einen nostalgischen Romantizismus, dessen Stimmungsregler zwischen E. T. A. Hoffmanns simuliertem Delirium und Novalis' identifikatorischem Liebesroman nervös hin und her fährt. Und nicht zuletzt die Ästhetik des Ich-Zerfalls: Das Ego dehnt sich, bis es knackt und in virtuelle Puzzlestücke zerspringt. Wie auf eine Nachricht reduziert, die durch visuelle Telegraphie übermittelt wird, erscheint und verlöscht Bens Gestalt bald hier, bald dort in seiner Wohnung. Wunderbar ausgefilmt im Cinemascope-Format, als ginge es um das Auseinanderbrechen antiker Imperien wie in den Historienschinken von Koster und Mann. Freilich: Während Anthony Manns Untergang des römischen Reiches vom Lachen der Götter grundiert wird, ist der kurzweiligen Rekonstitution des romantischen Reiches in Soloalbum das Lachen der allzu Menschlichen beschieden.

Andreas Günther

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