Elephant

R: Gus van Sant; USA 2004
2005-12-01

Zu sagen, der Fotograf in Gus van Sants Elephant sei eine Nebenfigur, bedeutet zugleich, jemand anderen zur Hauptfigur zu erklären: die beiden Amokläufer, den blonden John, die drei Freundinnen, die in der Schultoilette erschossen werden, das leicht verhuschte Mauerblümchen im Sportunterricht oder den Schwarzen, der ein lässiger Held ist und das Highschool-Blutbad trotzdem nicht überlebt. Elephant, darin liegt eine Provokation dramaturgischer Standards, hat aber kein Interesse an Hauptfiguren, sondern an der gleitenden Rekonstruktion eines breiten Geflechts von Alltag, Bekanntschaften, Räumen, Bewegungen und Optionen. Amok zu laufen ist nur eine davon.

Wir treffen den Fotografen, der wie die anderen zur High-School geht, in einer der ersten Einstellungen des Films. Er streift durch den herbstlichen Park und fragt ein junges Pärchen, ob er die beiden fotografieren darf: Uns macht diese Szene zu Detektiven auf der Spur eines Mordes. Blow up. David Hemmings zwischen den Bäumen und Sträuchern. Das Verbrechen weht aus der Filmgeschichte herüber. Aber der Park ist hier sowenig Tatort wie die Dunkelkammer als Ort der Aufklärung dient. Im Gegenteil: Die Steadycam-Gänge durch die langen Schulflure formulieren ein filmisches Gegenprogramm zum abgezirkelten, einfrierenden Schnappschuss. Sie markieren Übergänge, versetzen mit dem Kinodispositiv zugleich unser moralisches Sensorium behutsam in Bewegung. In diesen Fahrten artikuliert sich ein Interesse für `jemanden' und erst in zweiter Hinsicht für das, was er oder sie tut. Wollte man diese mediale Differenz unzulässig vergrößern, stünde die permanente Veränderung der Kamerafahrt als buchstäbliche Progression in Opposition zum Bewahrenden, buchstäblich Konservativen der Fotografie.

Unzählige Male hat man das Medium Fotografie mit dem Tod in Verbindung gebracht, und auch dieser Film wird von dieser untergründigen Strömung berührt. Aber selbst wenn sich die Figuren in Elephant, mit ihnen der Fotograf, auf Tuchfühlung mit dem Tod bewegen, steht der Film doch ganz auf der Seite des Lebens. Mit allen Unschärfen, Ratlosigkeiten und offenen Fragen.

Volker Pantenburg

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