Eine wahre Geschichte

(The Straight Story), Kinostart: 02.12.99
1999-12-01

Der Mann kann auch anders. Gemeint ist David Lynch, der Regisseur von grausam-ironischen Genre-Neuschöpfungen wie Blue Velvet, Wild at Heart und Lost Highway. In seinem neuen Film The Straight Story, einem zen-meditativen Road Movie, läßt er Milde walten, erweist sich Lynch ungeniert als filmender Philanthrop, der sein Zauberhandwerk, die Magie des Uneigentlichen, aber dennoch nicht ganz an den Nagel gehängt hat. Auch ohne die groteske Düsterkeit des travestierten Pathos früherer Filme, distanziert Lynch die augenfällige Sentimentalität des Plots mit einfachen, meisterlichen Schlichen, die Raum schaffen für eigene, nicht immer eindeutige Gefühle.

Die vorgeblich wahre Geschichte von The Straight Story ist schnell erzählt. Wir kennen sie. Eine Notiz aus der Rubrik ‘Aus aller Welt‘. Irgendwann in den frühen 90ern: Ein alter Mann, Alvin Straight (Richard Farnsworth), macht sich auf den Weg zu seiner letzten großen Reise. Aber nicht die ewigen Jagdgründe sind das Ziel, mögen die ihn begleitenden Landschaften des herbstlichen Idaho auch noch so überirdisch leuchten, sein Ziel heißt Versöhnung, mit dem im fernen Wisconsin lebenden Bruder (Harry Dean Stanton), zu dem er zehn Jahre lang keinen Kontakt hatte und Versöhnung mit all den anderen Niederlagen seines daran nicht armen Lebens, denn wie er selbst sagt, und er sagt dies mit jener Gleichzeitigkeit von Melancholie und Lakonie im Blick, die wesentlich ist für diese Figur, wie für den gesamten Film, er sagt: „Noch bin ich nicht tot“.

Eigensinnig wie er also ist – die Zügel aus der Hand zu geben, geht ihm gegen den Strich – schwingt er seine hinfälligen Knochen auf das einzige Gefährt, das er zu beherrschen noch in der Lage ist, auf einen Rasenmähertraktor nämlich und startet mit dem Gleichmut einer Schnecke in das 500 Meilen weite Abenteuer Landstraße. So wie einst der ‘eiserne Gustav‘, diese Reminiszenz sei noch erlaubt, der nach dem ersten Weltkrieg den damals nicht nur geografisch unendlichen Weg von Berlin nach Paris mit seiner Droschke zurücklegte – ähnlich wagemutig, als verrückt belächelt und schließlich als Held wider Willen von der Leinwand adoptiert.

Henning Brüns

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