Die Stadt, das Milieu und der Tod

Dominik Grafs grandiose Miniserie "Im Angesicht des Verbrechens"  
3/5/2010

Der Regisseur Dominik Graf war schon immer ein wortgewandter Verfechter des Genre-Kinos. In seiner Kritiken-Sammlung „Schläft ein Lied in allen Dingen“, im Herbst 2009 erschienen, kann man seinen Verteidigungsfuror in verdichteter Form noch einmal nachlesen. Luzide beklagt er darin die heuchlerische Haltung, mit der die deutsche Filmkritik und das Kino-Establishment Polizeifilmen, Thrillern und Horrorstücken begegnet. Einerseits werden Murnaus Gruselfilme und Langs Großstadtthriller ständig aufs Neue als Klassiker des deutschen Kinos hochgehalten. Anderseits wird das Spannungskino der Gegenwart – und nicht nur das deutsche – hochmütig von oben herab belächelt: „Ein deutscher Großkritiker schreibt dieser Tage zu einem deutschen Nicht-Genre-Film ‚Urteile, Konzepte, in Filmfiguren geknetet, ergeben bestenfalls einen Genrefilm’. Er schreibt nicht ‚...ergeben bestenfalls einen schlechten Genrefilm’. Nein, das Genrekino an sich ist immer noch eine kulturell minderwertige Ware – so wie uns die Eltern in den Fünfzigern die Comics und die Groschenkrimis verboten haben. Wir bauen uns eben hierzulande schon unsere eigenen Käfige.“ Mit seiner jetzt im Fernsehen anlaufenden Miniserie „Im Angesicht des Verbrechens“ rüttelt er wieder einmal gewaltig an den Gitterstäben. Sein Zehnteiler ist ein weiterer großangelegter Versuch, aus der Käfig-Enge auszubrechen, in der die Spannungsgenres gesperrt sind. Wie schon „Die Katze“, „Die Sieger“ und „Der Skorpion“. Wie schon „Frau Bu lacht“ und „Eine Stadt wird erpresst“.

 

Allein die Zahlen dieser Fernsehserie sind beeindruckend: 10 Folgen, knapp 500 Minuten Länge, 115 Drehtage, fast zwei Jahre Produktionszeit, 140 Sprechrollen, ein multiethnisches Figurenensemble aus Russen, Ukrainern, russischen Juden, Deutschen, Türken, Weißrussen, Polen und Rumänen. Doch tote Fakten und Buchstaben im Drehbuch müssen erst einmal zum Leben erweckt werden. Und das kann in Deutschland kaum einer so gut wie der 57-jährige Graf. Nach der Premiere auf der Berlinale, die an zwei Tagen im Delphi-Kino stattfand, gab es Jubelstürme und stehende Ovationen – und die können nicht nur von Freunde und Claqueuren aus dem Team gekommen sein. Das Publikum gab seinem Gefühl Ausdruck, Teil einer langen, intensiven Kinokollektiverfahrung geworden zu sein. Und das durch eine Fernsehserie!

 

Mit seinem Zehnteiler bewegt sich Graf in seinem Lieblingsterritorium: dem spannungsgeladenen Grenzgebiet zwischen Recht und Unrecht. Auf der einen Seite steht die Berliner Polizei. Weil sein Bruder zehn Jahre zuvor erschossen worden war, hat sich der aus Lettland stammende, in Deutschland aufgewachsene russische Jude Marek Gorsky (Max Riemelt) zum Ermittler ausbilden lassen. Er wird deshalb von den Russen als Müll beschimpft. Sein Partner ist der liebenswerte Schrank Sven Lottner (Ronald Zehrfeld), der ständig Erdnüsse kaut und das Herz auf der Zunge trägt. Jenseits der Demarkationslinie des Gesetzes bewegen sich die verfeindeten Russenmafia-Clans um Mischa (Misel Maticevic) und Andrej (Mark Ivanir). „Die beste Frage in Polizeifilmen lautet ja immer: Wer ist eigentlich der härteste Gegner des Helden“ fragt Graf in seiner Kritiken-Sammlung. Sich zwischen dem charismatisch-kompromisslosen Mischa und dem aasig-brutalen Andrej zu entscheiden, wird dem Zuschauer nicht leicht fallen. Die kriminellen Reiche der beiden spannen sich vom Funkturm bis zum Fernsehturm, sind aber vor allem in Charlottenburg, Halensee und im Westend verdichtet. Die Gangster verdienen ihr Geld mit illegalem Zigarettenhandel, Drogen, Menschenschmuggel und Prostitution. Im grauen Grenzbereich schließlich taumeln die jungen Ukrainerinnen Jelena (Alina Levshin) und Swetlana (Katja Nesytowa) umher. Sie wurden nach Berlin gelockt werden und müssen nun als Edel-Callgirls anschaffen.

 

Natürlich sind die drei Gruppen miteinander verstrickt. Diese Verwicklungen erst einmal zu etablieren, ist nicht einfach. Das mag ein Grund sein, warum die Serie anfangs ein wenig zu laut und schnell und aufgeregt daherkommt. Doch spätestens in der dritten Folge packt Graf sein Publikum am Kragen und lässt es nicht mehr los. Der Höhepunkt ist eine Fluchtszene in der neunten Folge, bei der Graf sein Suspense-Handwerk in einem weißrussischen Wald spektakulär zur Schau stellt. Zwischendrin lockert er den Griff gelegentlich und gibt dem Zuschauer Luft zum Lachen. Die Tollpatschigkeit der Streifenpolizisten dient dazu ebenso wie die pointierten one-liner von Lottner und dem LKA-Einsatzleiter Roeber (Arved Birnbaum). Als ihn sein künftiger Chef beim Einstellungsgespräch fragt „Woher kommste, was kannste?“, schleudert ihm Lottner blitzschnell entgegen: „Naja, ick komm ausm Osten der Stadt – ick kann praktisch allet.“ Dass die Serie an wenigen Stellen unpassend groteske Töne anschlägt – geschenkt. Dass sie die Figuren zu eindeutig in gut und böse aufteilt (und damit die schillernden Charakterzeichnungen amerikanischer Serien wie „The Wire“, „Breaking Bad“ oder „Mad Men“ unterläuft) – verkraftbar.

 

Denn „Im Angesicht des Verbrechens“ spielt andere Trümpfe aus. Dominik Graf liebt Filme, die pochen und pulsieren, in denen das Leben tobt und wütet und deliriert. Seine Figuren ernähren sich deshalb vor allem von Champagner, Kaviar, Koks und immer wieder Wodka, Wodka, Wodka. Es wird gesoffen und gekotzt, geprügelt und gemordet, geliebt und gevögelt. Dabei kommen dem Regisseur, der schon immer Interesse für Macho-Subkulturen gezeigt hat, auch die aggressive Männlichkeit und das traditionelle Geschlechterverständnis der russischen Mafiosi entgegen. Darüber hinaus bauen Graf und sein kongenialer Drehbuchautor Rolf Basedow Szenen ein, die in ihrer ausschweifenden Bizarrerie und Exzessivität weit über das herausgehen, was man aus deutschen Film- und Fernsehproduktionen kennt. Einmal sieht man eine Gruppe ukrainischer Prostituierte – splitternackt! – beim Tontaubenschießen. Ein anderes Mal flieht ein neureicher Krimineller in einem Luxusbahnwaggon, wie einst der Eisenbahn-Magnat in „Spiel mir das Lied vom Tod“. Und am Geburtstag seiner Frau sagt sich der Obergangster Mischa: Für sie soll’s rote Rosen regnen, woraufhin ein Hubschrauber tausende Blütenblätter vom Himmel flattern lässt. Das ist barockes Fernsehen, das in einem hochinteressanten, spannungsvollen Kontrast steht zum asketischen Reduktionismus der Berliner Schule (die auf der Berlinale ebenfalls mit Kriminalfilmen vertreten war: Thomas Arslans „Im Schatten“ und „Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg).

 

Dazu gehört für Graf, dem großen Fan des 70er-Jahre-Kinos, immer auch ein bestimmter Inszenierungsstil: rasante Zooms, Jump-Cuts, Zeitlupen und Schnitte, die weiß aufblitzen und unterlegt sind mit dumpfen Beats. Sogar das Splitscreen-Verfahren wird am Anfang der 7. Folge wiederbelebt, als wollte Graf sagen: Die Sprache des Films ist viel reicher, als ihr denkt, ihr Langweiler da draußen. Typisch sind auch die dynamisierten Dialogszenen: Wo andere mit klassischem Schuss-Gegenschuss arbeiten, schneidet Graf bei Unterredungen auf Nebenschauplätze und erzielt damit einen atmosphärischen Zugewinn. Als drei Polizisten bei einem Grillfest die nächsten Ermittlungsschritte planen, sieht man dazwischen immer wieder Beamtenkolleginnen, die etwas abseits stehen und einen Handstandwettbewerb veranstalten. Damit liefert er keine narrativen Informationen, aber er erreicht einen ungewöhnlichen Realitätseffekt.

 

Womit wir beim Stichwort „Authentizität“ wären. Trotz aller luftigen Künstlichkeit ist die Serie im Hier und Jetzt geerdet. Dazu gehört der Berliner Dialekt der Polizisten. Dazu gehören die langen, untertitelten Passagen der Einwanderer auf Russisch. Und dazu gehört vor allem die Detailgenauigkeit – von den Drehorten in Berlin und Osteuropa über die Tätowierungen der Russenmafia bis hin zum Ritual einer jüdischen Sabbat-Feier. Rolf Basedow hat sich während der Recherche zu seinem Drehbuch lange im Milieu herumgetrieben. Er hat den Leuten die Dialoge abgelauscht und ihre Sitten und Konventionen verinnerlicht. Die Serie bekommt dadurch beinahe einen ethnographischen Zug. Und Graf hat in einem Interview mit der „Zeit“ ja auch betont, es sei ihm darum gegangen, den ethnischen Einbruch in Berlin der letzten 20 Jahre zu spiegeln.

 

Im Zusammenhang mit Dominik Graf wird gerne der Begriff „TV-Kino“ verwendet. Das war bislang nicht falsch. Aber erst mit diesem Zehnteiler kann Graf den großen Vorteil des Fernsehens wirklich nutzen: die Zeit. Zehnmal 50 Minuten hat er dieses Mal, um seine Geschichte komplex aufzufächern und seinen Figuren Ecken und Kanten zu geben. Sein breit angelegtes, weit verzweigtes Polizei- und Gangster-Epos ist großes, grandioses Fernsehkino.

 

„Im Angesicht des Verbrechens“ läuft ab 27. April auf Arte (22 Uhr) und ab 22. Oktober in der ARD (21.45 Uhr). Im September kommt im Alexander-Verlag ein Making-Of-Buch heraus, das die komplexe Entstehungsgeschichte der Fernsehserie dokumentiert. Dominik Grafs Kritiken-Sammlung „Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film“ ist ebenfalls im Alexander-Verlag erschienen (376 Seiten, 19,90 Euro).

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