Die Legende vom Ozeanpianisten

R: Guiseppe Tornatore, USA/I 1999  
1999-12-01

Guiseppe Tornatore erzählt in seinen Kinogeschichten gerne von der Geschichte des Films. Seine jüngste blickt zurück auf das 20. Jahrhundert. Sie beschreibt eine Überfahrt, eine andauernde Flanerie ohne Ziel, geknüpft an die Geschichte des Luxus-Liners ‘Virginian‘, der zwischen Europa und den USA verkehrt. Im massigen Körper des Schiffs, einer Konstruktion aus Stahl und Eisen mit den dazugehörigen Maschinenräumen, wird am ersten Tag des Jahres 1900 ein Säugling zurückgelassen. Er wird von einem Heizer zwischen Matrosenkajüte und Maschinenraum aufgezogen – in einem Schutzraum der Moderne – und erhält den Namen ‘Neunzehnhundert‘. Der Junge verbringt seine Kindheit ausschließlich in den unteren Abteilungen des Luxusdampfers, als eine nirgends registrierte (und deshalb doppelt fiktive) Person. Nachdem er sich als ein Naturtalent im Klavierspielen erwiesen hat, steigt er auf zum Pianisten des Ozeandampfers.

Zum Ende des Jahrhunderst riskiert dieser Film einen leisen melancholischen Blick zurück auf die Moderne, der weder Trauma noch Katastrophe als authentische Bezüge einbringt, sondern einzig von der Fiktionalität dieses Projekts berichtet. Die Virginian findet ihre (erotische) Zielbestimmung weder in der Revolution, noch in der katastrophischen Kollision mit einem Eisblock, sondern letztlich im Dahinsiechen als altjüngferliches Schiffswrack. Auch die Hauptfigur ‘Neunzehnhundert‘ erlebt keine Liebesbegegnung, abgesehen von einer kleinen, rein künstlerischen Sause mit einem Trompeter, einem Musikerkollegen, der die Story des Ozeanpianisten in Rückblenden erzählt. Während eines Unwetters kommt es zu einer abenteuerlichen Rutschfahrt der beiden am schiffseigenen Konzertflügel. Die Liebe des Pianisten bleibt unerfüllt. Der einzige Versuch, sich von dem umhüllenden Schiffskörper zu lösen, um seine Liebe zu treffen, scheitert schon auf der Schwelle zum Landungssteg: Minutenlanges Zögern bevor er einen Rückzieher macht und an Bord des Schiffes bleibt.

An diesem Punkt leitet der ansonsten klassisch erzählte Film (Rahmenhandlung mit weitschweifigen Rückblenden) eine medientheoretische Debatte ein. Der Blick des ‘Neunzehnhundert‘ sieht sich bei seinem Abnabelungsversuch einer Computersimulation von New York gegenüber. Der ewige Flaneur ist nicht nur mit der Schwelle des Festlandes und der postpubertären Loslösung von einem stählernen Mutterbauch konfrontiert, sondern auch mit der medialen Schwelle zum Computerbild. Letzteres imitiert in diesem Film nicht das Fotografische, sondern trägt seinen elektronischen Charakter offen zur Schau. ‘Neunzehnhundert‘ wird diese post-moderne ‘Matrix‘ nicht betreten. Stattdessen erleben wir das Ende des Ozeanpianisten, einer Figur, die die Zeit überlebt hat, an einem anderen Ort.

Das Wrack der Virginian wird ausgeschlachtet. Im Film liegt es in Southhampton, das Set befindet sich im Hafen von Odessa. Die kinematografische Produktion erzeugt Fiktionalität aus den Spuren des Wirklichen. Die Entscheidung für das Set in Odessa hat sicherlich pragmatische Gründe. Der Zerfall der Moderne läßt sich als ästhetische Spur nur noch an wenigen Orten fotografieren. Nun liegt Odessa nicht am Ozean und filmhistorisch ist diese Stadt mit der Geschichte eines anderen Schiffs verbunden, dem Panzerkreuzer Eisensteins. Auch auf dem Panzerkreuzer Potemkin (UdSSR 1925) befand sich ein Piano. Während des Matrosenaufstands flüchtet sich einer der Offiziere auf dieses Piano, tritt mit dem Fuß in die Tasten und gibt von dort den ersten Schuß auf die Aufrührer ab. Schließlich gibt es nach dem Zwischentitel: “Brüder wir haben gesiegt” nocheinmal einen Blick auf das Klavier als Nature Morte. Der Pianist fehlt in diesem Stummfilm und die Trompeter blasen lautlos für die Revolution.

In seinen Memoiren skizziert Eisenstein das Bild des Ozeans als ein Traumbild. Auch für ihn entfaltet sich seine Wirkung erst zusammen mit der Musik und in der späteren Zusammenarbeit mit dem Komponisten Prokofjew, als ein “Bild von viel größerer Erhabenheit, lyrisch in seinem kindlichen Traum und bedrohlich in seinem Zorn”. Nun gibt es in den Filmen Eisensteins keine Jazzmusik. Aber die Legende des Ozean-(Jazz)-Pianisten endet nicht in New York – wo sein Musikerfreund strandet und seine Trompete versetzt – sondern auf einem Set in der Wirklichkeit von Odessa. – Das Fehlen des Pianisten in Eisensteins Panzerkreuzer und die unbekannte Herkunft des Ozeanpianisten auf der Virginian legen eine seltsame transtextuelle Spur zwischen die Filme.

Clementine Grünberg

 

 

Das Klavier in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin 1925

in