Die Ikone blendet.

A ma soeur von Catherine Breillat im Berlinale-Wettbewerb (F 2000)
2001-02-01

Les dimanches les enfants s'ennuient, heißt ein Film von Francois Truffaut. Er beginnt mit dem gleichnamigen Chanson. Gegen Ende des Films fällt ein Junge aus dem Fenster, der sich wunderbarerweise nicht verletzt. An diesen oder irgendeinen anderen kleinen französischen Film erinnert der Anfang von Catherine Breillats A ma soeur. Natürlich weiß man, bei der Regisseurin des sexuell eindeutigen Streifens Romance kommt es anders. Die nächsten neunzig Minuten im Kino werden bestimmt nicht nett. Aus dem Off hört man jedoch zuerst diese Mädchenstimme. Sie erfindet das Lied offenbar gerade, das sie singt. Wenn dann das erste Bild erscheint, verfliegt die Leichtigkeit. Die adoleszenten Schwestern Anais und Elena sind zu sehen und man glaubt sofort, ihre Geschichte zu kennen. Das Leben neben der schönen Elena (Roxane Mesquida) muss für die dicke Anais (Anais Reboux) eine Qual sein.
A ma soeur enttäuscht diese Erwartung nicht. Elena gehört nicht nur die Bewunderung, die die dicke Anais nicht erhält und schmerzlich vermisst. Elena beweist sich auch als das Biest, das der zwei Jahre jüngeren Schwester noch die paar Krumen Aufmerksamkeit entreißt, die ihr selten genug zuteil werden. Die Familie macht Urlaub auf Sizilien. Elena und Anais dürfen nur zusammen ausgehen. Auf der mit Jugendlichen besetzten Café-Terrasse bietet ein Junge doch tatsächlich der dicken Anais an, an seinem Tisch Platz zu nehmen und schämt sich nicht dafür. Kaum hat sie sich gesetzt, scheucht Elena sie wieder auf und schlüpft selbst neben Fernando, den schönen Italienerjungen (Libero de Rienzo). Elena und Fernando flirten. Anais baggert einen Eisbecher aus. Das angehende Paar goutiert das mit leicht angewiderten Erwachsenenblick.

Mit Fernando wird Elena ihre erste sexuelle Erfahrung erleben. Sie ist begierig, dass 'es' passieren soll. Es muss sich nur der Richtige finden. Fernando überwindet schnell die Skrupel, dass Elena erst fünfzehn ist. Doch 'es' verlangt bei aller Verliebtheit dennoch seinen Anlauf. Nach und nach überredet Fernando Elena mit allen Schwüren und Gelöbnissen wahrer Liebe, die ihr Jungmädchen-Weltbild braucht. Er schenkt ihr sogar einen kostbaren Ring. Alles Lüge, Elena 'rumzukriegen', wissen außer Elena alle im Kino, einschließlich ihrer dicken Schwester. Denn Anais ist immer dabei. Die kleine Schwester ist das fünfte Rad am Wagen, wenn Elena und Fernando sich treffen. Die ältere muss die kleine Schwester mitschleppen, damit sie nicht allein zu Hause sitzen bleibt. Während die jüngere wiederum auf den erfahrungshungrigen Teenager aufpassen soll. So haben die Eltern sich das zumindest gedacht, insofern sie überhaupt an ihre Töchter denken.

In der Zwangsgemeinschaft der Schwestern ist auch die erste Liebe, die Anais erlebt, die ihrer Schwester. Im gemeinsamen Zimmer des Ferienhauses verfolgt sie von ihrem Bett aus, wie Elena das erste Mal mit einem Mann schläft. Aus diesen Bettszenen besteht der spröde Film zum größten Teil. Sie versammeln alle Klischees darüber, wie schwierig es ist, zum ersten Sex zu kommen. Jeder im Kino kann sich in dieser Naivität und Unbeholfenheit wiederfinden – nur Anais nicht. Sie ist gezwungen, Beobachterin der Sexualität ihrer Schwester zu sein. Dieser Voyeurismus macht die im Grunde unschuldigen Bilder bedrückend, verbreitet ein Unbehagen, als befände man sich als Zuschauerin mitten in der inzestiösen Leinwandszenerie. Für sie scheinen die Namen der Schwestern die Rollen schon vorzugeben. Die schöne Helena ist die zu erobernde Ikone. Sie ist, wie bei Goethe steht, sich selbst zum Bild geworden, für Freier eine leichte Beute. Anais ist wie Henry Millers Gefährtin Anais Nin dazu verurteilt, Voyeurin zu sein, Chronistin und Dokumentarin bizarrer Ausflüge ins Reich der Sexualität.

In A ma soeur gelingt es einem Exhibitionismus tatsächlich noch, den Voyeurismus zu überholen. Der Film schafft eine Konstellation, in der angesichts doch harmloser Bilder die Schaulust vergeht. Die Ikone blendet. Elena stellt ihre Intimität nicht aus, damit ihre Schwester sie wahrnehme. Die Schamlosigkeit negiert die Schwester, als existiere sie nicht. Es ist schwer auszuhalten, dass sich das dicke Mädchen dagegen nicht zu wehren versteht, sich im buchstäblichen Sinne den Mund stopfen lässt. Selbst noch die tiefsinnigen Reflexionen über die, man kann ruhig sagen, sadomasochistische Beziehung säuselt die große Schwester vor. Das ist die einzige Kommunikation, die es in der Familie gibt. Die Schwestern haben niemanden als sich. Es herrscht klirrende Kälte. Die Eltern interessieren sich nur für sich, werden wichtig durch ein Spiel der Abwesenheit, machen sich rar und übergehen andere.

A ma soeur liefert ein Puzzle symptomatischer Details, das en passent entfaltet, wie der narzisstische Familientorso tickt. Anais steht am Ende einer Kette, in der jeder seine Verlassenheit am nächsten in der Familie abreagiert. Sie hat keinen mehr hinter sich. Sie frisst gegen die Schönheit der Schwester an. Ihre wachsende physische Präsenz steht aber vor allem für die Lieblosigkeit in der Familie. Für ihr erstes Mal will Anais dann auch nicht wie ihre Schwester einen Mann, der sie liebt. Welcher Mann aber möchte - ob geliebt oder ungeliebt - das dicke Mädchen? Alles verspricht jedenfalls reeller zu sein als die Tour de Force der Überredungskunst, mit der sich Fernando bei Elena beliebt machte, um ihre Vorstellungen der großen Liebe zu erfüllen. Und das dafür, dass das Ganze letztlich in Anais Augen wie ein Gewaltakt anmuten musste?

Selbst der Ring, den Fernando Elena geschenkt hat, um ihr zu beweisen, wie ernst er es mit ihr meint, gehörte nicht ihm. Sie muss ihn zurückgeben. Der Urlaub wird vorzeitig abgebrochen. Die Eltern erwägen rechtliche Schritte. Die Mutter kutschiert ihre heulenden Töchter in der properen schwarzen Mercedes-Limousine des geschäftstüchtigen und deshalb abwesenden Vaters nach Paris zurück. Ein lebensgefährliches Abenteuer, die Autobahn als Thriller. Doch das Desaster droht von einem Mann, der hat Anais gesehen, im Vorbeifahren, aus seinem LKW, auf dem Parkplatz, wo Mutter und Töchter des Nachts im Auto ausruhen. Mögen LKW-Fahrer nicht dicke Mädchen und nehmen sie schon mal etwas härter her? Während Mutter und Schwester schlafen, döst Anais vor sich hin und lutscht an einer Zuckerstange. Es wird immer so bleiben, dass sie nicht beachtet wird und ihren Kummer in sich hineinfrisst. Da kreuzen sich der Wunsch, begehrt zu werden, und der, alles zu zerschlagen, um als einzig Überlebende aus der Katastrophe hervorzugehen. Als sei in Anais' Süßigkeit die unheimliche Gewalt, die sich gleich entlädt, interessiert sich der LKW-Fahrer weder für die schöne Schwester noch für die schicke Mutti. Die muss er brutal beseitigen, um an das von ihm auserwählte dicke Mädchen zu kommen. Es sei keine Vergewaltigung gewesen, behauptet Anais später. Im Fressen steckt ungeheure zerstörerische Energie.

Christine Daum

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