Diagonale 2003

Schlaglichter auf Film und Politik
2003-05-01

notes on film: else01 R: Norbert Pfaffenbichler, A 2002

Vom 24.3 – 30.3. 2003 fand in Graz die Diagonale, das Festival des österreichischen Films statt. Die nationale Filmschau hat sich in den letzten Jahren zu einem Forum für sämtliche Produktionssparten entwickelt und damit einen zentralen Platz in der österreichischen Filmlandschaft eingenommen. Per Statut ist das Festival verpflichtet, alle Spiel- und Dokumentarfilme, die im vorangegangenen Jahr einen regulären Kinoeinsatz erlebten, aufzuführen. Als Gegengewicht wird allerdings auch "kleinen" oder experimentellen Film-/Videoformen und dem Nachwuchs eine Plattform geboten und ganz generell ein breiter Diskurs über die österreichische Produktionslandschaft ermöglicht. Mit der Diagonale 2003 ging jetzt ein Festival über die Bühne, das ebensosehr im Zeichen der präsentierten Filme stand, wie in dem der Kulturpolitik und einer wohl typisch österreichischen Nachbesetzungsfarce.

Man kann nicht unbedingt von einem großartigen Jahr für die österreichische Filmproduktion sprechen. Im Spielfilmbereich regierte das Mittelmaß und dem Großteil der Filme wird wohl kein Publikum jenseits der Landesgrenzen beschert sein. Das fand seinen Ausdruck auch in der Vergabe des großen Diagonale Preises an Blue Moon von Andrea Dusl, einen durchaus sympathischen, wenn auch keineswegs herausragenden Spielfilm. Johnny Pichler, der "Held" dieser österreichischen Version eines Roadmovies, ist nach einer missglückten Geldübergabe in Begleitung der mysteriösen Russion Jana auf der Flucht quer durch den unbekannten Osten, von der Slowakei bis nach Odessa. Was die Regisseurin Dusl als ehrliche Hommage an die "Exotik" unserer unbekannten östlichen Nachbarn entwarf, ist unterhaltsam und von harmloser Naivität, schrammt allerdings sehr am Klischee entlang: vom billigen Fusel und Sex, über "Retroschick" bis zur Russenmafia sind so ziemlich alle Ost-Abziehbilder vorhanden. Vertretbar ist das nur, solange man den Film als eine Art modernes Märchen betrachtet und nicht allzu genau hinsieht. In Ermangelung ernsthafter Konkurrenz war Blue Moon aber dennoch ein gangbarer Kompromiss für den Siegerfilm.

Überzeugen konnten in ihrer Vielfalt ästhetischer und formaler Zugangsweisen dagegen wie auch schon in den vergangenen Jahren vor allem kurze Arbeiten. Der Bereich des Kurzspielfilms erlebt seit einigen Jahren einen Aufschwung, der auch stark von Frauen geprägt ist. Man denke an Barbara Albert, Jessica Hausner oder Kathrin Resetarits, die dieses Format wiederbelebten. Mit un peu beaucoup, präsentierte die vielversprechende Regisseurin Marie Kreutzer zum zweiten Mal einen Film auf der Diagonale. In einer völlig unprätentiösen und behutsamen Inszenierung erzählt sie, unterstützt durch ihre ausdrucksstarke Hauptdarstellerin Pauline Reiner, die Geschichte eines jungen Mädchens, ihrer ersten großen und unglücklichen Liebe. Im Zentrum steht ihr Alltag, die Familie, die Routine in die, ganz leise, neue Gefühle und damit die Veränderung einbrechen. Anstatt sich in bedeutungsschwangeren Sätzen zu verlieren, bleibt Kreutzers Buch knapp, beinahe wortkarg und vermeidet die große Geste. Nicht die dramatischen Momente, sondern das kurz Davor und Danach sind ihr wichtig. Und auch das drastische Ende wird zum Glück ebenso ungekünstelt (nicht) inszeniert. Ein Film, der in seiner dramaturgischen und visuellen Klarheit einer der schönsten des Festivals war.

Das experimentelle Film- und Videoschaffen ist seit jeher eine der Stärken der österreichischen Produktionslandschaft und es fanden sich auch diesmal wieder einige Höhepunkt in den Avantgarde- und Videoprogrammen. In jeder Hinsicht außergewöhnlich ist das Video trans von Michaela Grill, das von der Jury "Innovativer Film" zumindest mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde. Grill gelang hier ein abstraktes Musikvideo zum wunderbaren Sound von Martin Siewert, das sich der dem Videobild häufig zugeschriebenen glatten Ästhetik völlig entzieht. Über digitale Bearbeitung löst sie die Bestandteile ihres visuellen Materials auf und schafft eine völlig eigene Bildästhetik. Anstatt mit dem eindeutig Wahrnehmbaren ist man mit amorphen und nicht definierbaren Formen konfrontiert, die eine nahezu greifbare Materialität entwickeln. Dennoch folgt trans einer Logik der dramaturgischen Entwicklung: Es steigert sich langsam, steuert auf einen Höhepunkt zu, löst sich auf, lässt bei alledem jedoch immer genügend Raum für die eigenen Assoziationen – die Regisseurin beschreibt dies als ihre Version eines "narrativen Videos".

quadro, Lotte Schreibers Film über einen gewaltigen, aus den 60er Jahren stammenden Sozialbau in Triest, erforscht in streng kadrierten Bildern den gebauten Raum. Mit ihrem spröden visuellen Material sucht sie nach einer filmischen Umsetzung für die menschenleere Architektur und deren Strukturen, entwickelt ein klares Muster für die Abfolge von Bildern, von schwarzweißen und farbigen Aufnahmen und stellt die filmischen Bezugssysteme Super-8 und Digitalvideo einander gegenüber. Unterstützt vom eindringlichen Soundtrack des Wiener Elektronikers Stefan Nemeth entwickelt sie in eigenständiger Filmsprache nicht nur das Porträt eines Gebäudes sondern auch eine Vorstellung von sozialen Utopien, ihrer architektonischen Umsetzung und angesichts des derzeitigen Zustandes auch ihres Scheiterns.

Bemerkenswert auch notes on film: else 01 von Norbert Pfaffenbichler. Sein Ausgangspunkt ist die Inszenierung für und das Spiel mit der Kamera: Eine junge Frau posiert vor der Kamera, dreht sich, spielt mit der Aufmerksamkeit des Publikums, der sie sich aussetzt und doch immer wieder entzieht. Ihr Gesicht wird zu einer Projektionsfläche für eine streng mathematisch strukturierte Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Mechanismus der Schaulust. Spannung bezieht die Arbeit vor allem auch aus der Konfrontation verschiedener visueller Stile und in Konsequenz auch Blickregime. Die Schaulust als zentrales Thema der filmischen Wahrnehmung wird mit einer strengen grafischen Auflösung verbunden, die eher auf abstrakte Videokunst verweist. Das Ergebnis ist ein Hybrid, der sich weder der einen noch der anderen Form ganz verschreibt und gerade daraus seine Faszination ziehen kann.

Mit Stellvertretend in den Tod, einem Grenzgang zwischen Dokumentar- und Experimentalfilm, lieferte der junge Journalistikstudent David Gross eine der interessantesten Arbeiten. Sein Versuch, sich mit der Vergangenheit seines Großvaters, eines glühenden Nationalsozialisten und stellvertretenden Gauleiters von Tirol, auseinanderzusetzen, bedient sich eines Distanzierungsmittels: der fiktive Regisseur Klaus Klagenfurth erzählt die Geschichte der (fiktiven?) Figur David Gross, die an dem Versuch, die Vergangenheit des realen Großvaters aufzuarbeiten, scheitert und spurlos verschwindet. In dieser höchst artifiziellen Weise nähert sich Gross der Biografie seines Großvaters, begibt sich über dessen 8mm-Filme und die Super8-Filme seiner Tochter auf eine Spurensuche, die er mit seinem eigenen Videomaterial, Interviews mit Familienmitgliedern und einer ununterbrochenen, teilweise manischen Erzählstimme durchsetzt. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, am Ende muss jede/r selbst entscheiden, was die "wahre" Geschichte ist.

Sehenswert war auch das Angebot der Diagonale abseits der aktuellen österreichischen Produktion. Ein umfangreiches Spezialprogramm widmete sich dem Werk des in Graz geborenen, einst legendären und inzwischen beinahe vergessenen Drehbuchautors Carl Mayer. Neun seiner Filme waren zu sehen, vom expressionistischen Klassiker Das Cabinet des Doktor Caligari, der ihm seinen Durchbruch bescherte, über seine eindrücklichen filmischen Kammerspiele wie Hintertreppe oder Scherben, bis zu späten Dokumentarfilmen, an denen er im Exil und bereits schwer krank als dramaturgischer Berater mitarbeitete. Nicht nur konnte man einen herausragenden Autor des Stummfilmkinos wiederentdecken, sondern auch ein Stück Filmgeschichte und die Herausbildung einer filmischen "Sprache" nachvollziehen.

Ein zentrales Anliegen des diesjährigen Festivals war die Kontaktaufnahme mit östlichen und südöstlichen Nachbarländern. Neben den Festivals von Pilsen (Tschechische Republik) und Portoroz (Slowenien), die exemplarische Filme aus den jeweiligen Ländern präsentierten, sowie einem Branchentreffen zur Belebung der Kontakte zwischen Slowenien und Österreich, widmete man dem serbischen Filmemacher Zelimir Zilnik eine Retrospektive. Trotz seiner Produktivität und Erfolge zählt Zilnik wohl nach wie vor zu den großen Unbekannten des europäischen Kinos. Seinen Arbeiten, sowohl Spiel- wie auch Dokumentarfilmen, die immer der (politischen) Realität, sozialem Engagement und einem direkten Kommentar verpflichtet sind, zollte man mit einer umfangreichen Werkschau Tribut.

Jenseits des Film- und Diskussionsangebotes beschäftigte das Publikum diesmal aber vor allem die bevorstehende Neubesetzung der Diagonale-Intendanz. Sowohl zur Eröffnung als auch bei der Preisverleihung zum Abschluss des Festivals gab es eindeutige Appelle in Richtung Franz Morak, seines Zeichens Staatssekretär für Kunst und Medien der konservativen ÖVP, der mit seiner Handhabung der Causa seit Wochen für Aufregung sorgt. Zur Vorgeschichte: Im Laufe der letzten sechs Jahre gelang es dem Intendantenduo Christine Dollhofer und Constantin Wulff aus dem österreichischen Filmfestival – historisch gesehen davor ein notorischer Problemfall mit befristeter Lebensdauer – eine hervorragend funktionierende Veranstaltung zu machen, der auch international Anerkennung zuteil wurde. Den beiden ist zu verdanken, dass die Diagonale zu einer Plattform für die österreichische Film- und Videoproduktion sämtlicher Genres wurde, die nicht nur vom Publikum sondern – und auch das ein Novum – von breiten Teilen der heterogenen österreichischen Filmszene akzeptiert und besucht wurde. Das könnte Morak bisher entgangen sein, denn der Diagonale hat er bisher nur einmal einen Kurzbesuch zur Eröffnung abgestattet, was vielleicht auch mit deren regelmäßiger Präsentation politischer und nicht unbedingt regierungsfreundlicher Filme zusammenhängt. Nun scheint ein Ende der Erfolgsstory in Sicht: Die Verträge der Intendanz laufen aus und während Wulff bereits im Juni 2002 bekanntgab, seinen Vertrag nicht mehr verlängern zu wollen, bewarb sich Dollhofer gleichzeitig erneut und mit verändertem Konzept. Trotz ihrer Anfrage, die Besetzung der Intendanz möglichst rasch zu entscheiden, um gegebenenfalls eine professionelle Übergabe an ein neues Team zu gewährleisten, verzögerte sich die Antwort des Staatssekretärs um 9 Monate. Erst als Dollhofer schließlich ein Ultimatum stellte – sie würde ab dem 7. März nicht mehr zur Verfügung stehen, da eine professionelle Planung für das Festivaljahr 2004 bereits massiv gefährdet sei – kam wieder Bewegung in die Sache. Am Vorabend des Ultimatums wurde aus dem Bundeskanzleramt mitgeteilt, dass der Posten neu ausgeschrieben werde, begleitet vom lakonischen Dank für die Leistungen der bisherigen Intendanz. Die Ausschreibung verlangt unter anderem die Öffnung gegen Osten – eine Forderung, die angesichts der diesjährigen Konzentration auf den slowenischen und tschechischen Film und die Retrospektive Zilnik mehr als seltsam erscheint – und die Präsentation europäischer Spitzenwerke als Programmschwerpunkt. Gewünscht wird also scheinbar ein europäisches Renommierfestival. Was das für die österreichische Produktionslandschaft, die eine ausgewogene Präsentations- und Diskussionsplattform bitter nötig hat und gerade für die kurzen, experimentellen und im sonstigen Kinoalltag sowieso unterrepräsentierten Arbeiten bedeuten wird, bleibt dahingestellt. Herr Morak, der seither massiver Kritik von allen Seiten und auch aus den eigenen Reihen ausgesetzt ist, unterliegt in seinen Reaktionen allerdings nach wie vor einem grundlegenden Irrtum: Weder geht es darum, eine Festivalleitung zu "pragmatisieren", denn nach sechs wenn auch sehr erfolgreichen Jahren ist es legitim, über einen Wechsel nachzudenken, noch geht es darum, sich neuen Ideen zu verweigern. Die Ursache der Kritik liegt vielmehr in seiner Haltung begründet: Zuerst wurde die Entscheidung über den Punkt hinaus verzögert, an dem die Diagonale 2004 gefährdet ist, dann wurde eine Ausschreibung verfasst, die dem Festival von oben herab eine Richtung und ein neues Konzept verordnet und das alles ohne die Einbeziehung der Diagonale, ihres Beirates und sonstiger VertreterInnen der Filmbranche oder der Finanzierungspartner auf Länderebene. Absurderweise forderten sogar Vertreter der ÖVP Steiermark eine "Entscheidungsgemeinschaft" in Hinblick darauf, dass das Land Steiermark der zweitgrößte Förderer des Festivals ist. Bisher lässt Morak allerdings kein Einlenken erkennen und scheint entschlossen, in kurzsichtiger Machtpolitik eine über Jahre gewachsene und erfolgreiche Struktur zu demontieren. Wer auch immer nun die Nachfolge von Dollhofer und Wulff antritt wird es unter solchen Bedingungen schwer haben, die Diagonale mit derselben Neugier und Offenheit für kritische Auseinandersetzung weiterzuführen.

Barbara Pichler

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