Aus den Arsenalen des Kinos

Zur Eröffnung des neuen "Arsenals" (01|06|2000)
20/06/2000

Ein Kino ist ein Ort, an dem öffentlich Filme gezeigt werden. Jeder kann hineingehen und sich überraschen lassen, nicht nur von den Filmen sondern auch von sich und den anderen. Daß im Kino nicht einfach nur Filme auf der Leinwand zu sehen sind, sondern sich auch im Saal interessante Dinge abspielen, gehört zu meinen frühen Erfahrungen mit einem Publikum, das nicht aus Tradition sondern aus Neigung oder Langeweile dasaß. Hier wurde nicht wie in Oper, Theater und Konzertsaal unterdrückte Leiblichkeit durch Hüsteln aktiviert und mit klammen Fingern unter den vernichtenden Blicken der in tadellosem Grauschwarz gekleideten Vorsitzenden örtlicher Wagnervereine nach Hustenbonbon und Taschentuch gefahndet.

Vor diesem eher bildungsbürgerlichen Hintergrund hat es mich Jahre lang mit leiser Wut und gespielter Verwunderung erfüllt, daß meine Mutter, die mich als Kind außerdem oft ins Kino geführt hatte, abstritt, oder wie ich bald überzeugt war, verleugnete, daß sie seinerzeit beim Betrachten von Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin geweint hatte. Dabei hatte ich gerade bei diesem Besuch wohl zum ersten Mal in den Tränen meiner Mutter erfahren, was Kino ist, war aus dem Bann des Films herausgetreten und hatte mit Erstaunen beobachtet, wie sich der Gemütszustand meiner Mutter neben mir verflüssigte. Nicht daß ich nicht oft meine Mutter hätte weinen sehen - aus allen möglichen Anlässen und oft genug opaken Stimmungen heraus -, nein - es war der eigentümliche Eindruck eines Weinens, das weder aus ihr heraus noch aus den Figuren der Leinwand kam, sondern wie eine Regenwolke über das Gesicht meiner Mutter im dunklen Saal strich, und ausgerechnet daselbst als örtlicher Niederschlag endete. Was als Erfahrung einer Erfahrung sich damals kristallisierte, war die Überzeugung, daß im Kino Dinge möglich sind, die von einer Art spielerischer Schwerelosigkeit sind - wie eben ein Weinen ohne Schmerzen, von dem man sich später wieder trennen konnte. Das Kino gibt zu denken, weil es zum Weinen bringt, nicht obwohl es leichtfertig Tränen vergießt.

Die leichte Erregbarkeit, in die das Kino uns versetzt, das schnelle Lachen, der oberflächliche Nervenkitzel, die sentimentalische Träne, der auratische Bann des erleuchteten Bildes sind seit den ersten Tagen des Kinos zu seinem Menetekel geworden. Gerade in seiner Oberfläche lag seine Modernität. Der Reiz des neuen Mediums, der unintentionale Shock, von dem Benjamin schwärmte, schien im Kino die sensualistische Ästhetik des 18. Jahrhunderts zu beleben. Eine Modernität, die das 19. Jahrundert in einem kühnen Rückgriff überholt hatte.

Die Selbstreflexivität der Kunst, die mit der Autonomisierung ästhetischer Geltungsansprüche begann, findet sich im Kino wieder als einem Laboratorium sensuell erzeugter Emotionen. Die Beunruhigung durch verfremdete räumliche Perspektiven, Licht und Schatten, die Erzeugung einer bewegten Welt, die völlig komplett erscheint, hat seitdem die Filmemacher und -theoretiker nicht mehr losgelassen. In experimentellen filmischen Versuchen wurden die Grenzen des Mediums auf der ganzen Skala durchgetestet: von seinem photographischen Verhältnis zur physischen Seite der Welt bis zur völligen Blosslegung seiner apparativen Vorraussetzungen.

Viele dieser Versuche verbinden sich mit dem Namen des Kinos "Arsenal". Es dürfte kaum ein zweites Kino geben, das so unermüdlich den Film als eine unendliche Möglichkeit präsentierte, ihn und die Welt anders zu sehen und zu denken. Das Apparative des Films und des Kinos, dessen experimentelle Weiterentwicklungen, haben längst Rückwirkungen auf die anderen Künste und Medien genommen. Film hat sich seitdem sowohl als Medium esoterischer wie als eines der Massen-Kunst durchgesetzt. Daß nunmehr fast zwei Generationen von Cineasten, Kinogehern, Filmstudenten und Filmkritikern in einem Kino wie dem "Arsenal" eine kontinuierliche Präsentation globaler Filmgeschichte und die experimentellen Anmutungen aus den Laboratorien der Gegenwartskunst zu sehen bekommen, hat im Lauf der letzten Jahrzehnte aus dem "Arsenal" eine Institution gemacht, die unerschüttert durch die Krisen des Mediums und die Durststrecken der Kulturpolitik am Konzept eines prinzipiell offenen Endes des Mediums Film festgehalten hat.

Die Zukunft des Kinos ist zur Zeit seines Booms kein Thema mehr wie noch vor einigen Jahren. Daß sich mit heutigem Datum das "Arsenal" verdoppeln konnte, stimmt geradezu optimistisch und macht doppelt neugierig auf das nächste Programm und auf das mögliche Wiedersehen mit Filmen, die in dem Arsenal der beiden Arsenale, bei den Freunden der Deutschen Kinemathek zu einer der wohl interessantesten Filmsammlungen im Lande herangewachsen sind.

Als ich vor einem Jahr nach Berlin gezogen bin, um an der Freien Universität den Studiengang Filmwissenschaft zu betreuen und einzurichten, bin ich aus dem über mir einstürzenden Neubau der Wissenschaft manchen Abend in die vertraute Anonymität der Institution "Arsenal" geflohen - und jedesmal war ich fasziniert und im Innersten beruhigt, dort Freunde und Kollegen, Studenten und Doktoranden zu treffen, Filmemacher und -kritiker, die dem Impuls, ins Kino zu gehen, nachgegeben hatten, um ganz bei ihrer professionellen und passionierten Beschäftigung mit dem eigenen Metier und Medium anzukommen. Im Kino, und zwar hier im "Arsenal" hat sich das Kino zu einem Forum erweitert, auf dem Künstler und Wissenschaftler, Publikum und Kritik höchst produktiv aufeinander treffen. Gerade im Film, dessen Herstellung, Verleih und Konsumtion meistens in ganz getrennten Bahnen erfolgt, ist die Schaffung eines solchen geteilten Ortes eine große Seltenheit, von deren Existenz alle profitieren, die am Film und dem Kino als seinem kulturellem Ort Interesse haben. Auch in den neuen "Arsenalen" wird von Zeit zu Zeit und bei Gelegenheit geweint werden, auf und vor der Leinwand - und darüber gestritten, aus was für einem Stoff die Tränen sind. Oder wie man es vermeiden kann, zum Weinen zu bringen, wie es Claude Lanzmann riet angesichts von Shoah.

Die unendliche Möglichkeit des Films setzt eine kritische Auseinandersetzung mit den einzelnen Filmen voraus. Diese Voraussetzung ist an deren Vorführung gebunden. Daß das "Arsenal" ab heute wieder spielt, gehört für mich zu den großen Attraktionen der Stadt.

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