Aus dem Zimmer meines Sohnes führt kein Weg nach draußen

Zum neuen Film von Nanni Moretti
2001-11-01
Das Zimmer meines Sohnes (La stanza del figlio), I 2001

In den Filmen von oder mit Nanni Moretti geht es nicht selten um den Zustand des danach und den Versuch, das davor wiederherzustellen, das Geschehnis, das von dem einen zum anderen Zustand führte, wieder rückgängig zu machen. In Wasserball und Kommunismus aus dem Jahre 1989 z.B. verliert Moretti bei einem Autounfall sein Gedächtnis und muß darauf die Erinnerung an sein früheres Leben, seine Zugehörigkeit zur KPI ebenso wie zu einer um die Meisterschaft kämpfenden Wasserballmannschaft, erst langsam wieder rekonstruieren. Und in der Schlußszene des Films verpatzt Moretti noch einmal den entscheidenden Freiwurf, weil er den Ball nicht, wie zunächst beabsichtigt, in die rechte, sondern in die linke Ecke und damit dem Torwart direkt in die Arme wirft, um sich anschließend in nicht enden wollenden Selbstanklagen zu ergehen.

Ganz ähnlich erzählt Morettis neuer Film Das Zimmer meines Sohnes, wie das wohlgeordnete Leben einer vierköpfigen bürgerlichen Familie durch einen tödlich ausgehenden Tauchunfall des Sohnes völlig aus den Fugen gerät und der wieder von Moretti selbst gespielte Vater diesen Tod dadurch rückgängig zu machen versucht, daß er nach immer neuen Ursachen und Schuldigen sucht. Die Anerkennung der Tatsache, daß das unmöglich ist, wird er erst am Ende eines langen Lernprozesses erreichen. Eine Etappe auf diesem Weg stellt jene Szene dar, in der Moretti angeschlagenes Geschirr aus den Küchenschränken reißt und wuterfüllt schreit, daß man es endlich reparieren müsse, bis er schließlich zu einer Kanne kommt, die das bereits hinter sich hat und die er nun ein zweites Mal zu Bruch gehen läßt: Geschirr, das einmal zerbrochen ist, läßt sich eben nicht mehr wirklich reparieren - genausowenig übrigens wie das Fossil, das der Sohn vor seinem Unfall aus der Schule gestohlen und dann versehentlich zerbrochen hatte.

Diese und andere Kontinuitäten zwischen Morettis neuem Film und seinem bisherigen Schaffen relativieren sich jedoch angesichts eines viel größeren Bruchs: Moretti, so könnte man sagen, ist nun endgültig erwachsen oder, weniger freundlich formuliert, alt geworden. In Liebes Tagebuch beharrte er noch auf der Jugendlichkeit, die in einem Mittvierziger stecken kann. Aprile zeigte dann den Übergang zur Vaterschaft. In Das Zimmer meines Sohnes schließlich hat der Nachwuchs bereits das Adoleszenz-Alter erreicht, und die Todes-Thematik verrät Morettis beginnende Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Hinzukommt, daß die Vaterfigur im neuen Film sich beruflich als Psychoanalytiker betätigt und privat vor allem um die Männlichkeit ihres Sohnes sorgt, also ziemlich bürgerliche und patriarchalische Züge trägt. Von den Nonkonformisten, die Moretti früher verkörperte, fehlt hier jede Spur. Auch formal macht Das Zimmer meines Sohnes einen gesetzteren Eindruck. Denn an die Stelle der losen, an der Grenze von Fiktion und Dokument angesiedelten Tagebuch- oder Chronikform von früher ist jetzt eine geradlinige, eindeutig fiktionale Erzählung getreten. Allerdings hält auch der neue Film sowohl am Realismus als auch an dem Spiel mit dem Verhältnis von Realität und Nicht-Realität fest. So werden dem Zuschauer einerseits die technischen Einzelheiten der Verschließung des Sarges in Großaufnahmen vorgeführt, während andererseits die Phantasien des Psychoanalytiker-Vaters kaum als solche markiert, sondern in dem gleichen nüchternen Stil wie der Rest des Films aufgenommen sind. Erwachsen ist Moretti ferner deshalb geworden, weil er einen viel ernsteren Ton als sonst anschlägt, weil er das für ihn übliche Verhältnis von Komik und Melancholie umkehrt: Wo die älteren Filme ihre Sujets - gleichgültig, ob diese nun lustig oder weniger lustig waren - stets mit den Mitteln der Absurdität und der hysterischen Überspannung angingen, begibt sich Das Zimmer meines Sohnes genau an das entgegengesetzte Ende der emotionalen Skala: zum Schmerz, zur Trauer, zur Wut, die durch den Tod eines geliebten Menschen ausgelöst werden. Komische Einlagen erlaubt sich dieser Film nur noch vor dem tragischen Ereignis, nämlich in den Analysesitzungen des Vaters.

Verändert hat sich schließlich das Verhältnis von Individuum und Gruppe: In den Mittelpunkt der früheren Filme stellte Moretti fast immer sich selbst. Doch weil er ein politischer Mensch war, schloß diese Egozentrik den Bezug zum Sozialen keineswegs aus, sondern stellte ihn vielmehr her, unabhängig davon, ob es sich nun um tagespolitische Ereignisse oder um längerfristige gesellschaftliche Entwicklungen handelte. Persönliches und Politisches waren unmittelbar kurzgeschlossen. Ob Moretti etwa in Wasserball und Kommunismus den Ball in die linke oder die rechte Ecke warf, war nicht nur eine sportliche, sondern auch eine politische Entscheidung. Davon ist in Das Zimmer meines Sohnes wenig übrig geblieben. Moretti läßt hier zwar den anderen Figuren, von denen jede auf den Tod des Sohnes auf eigene Weise reagiert, viel mehr Raum. Deshalb ist übrigens die deutsche Übersetzung des italienischen Originaltitels La stanza del figlio mit "Das Zimmer meines Sohnes" statt "des Sohnes" nicht sonderlich glücklich gewählt. Aber dieser Verzicht auf die frühere Ichbezogenheit führt nicht zu einer Verstärkung der politischen Dimension, sondern zu deren Kappung. Aus den Territorien der Kleinfamilie und der Psychoanalyse führt kein Weg mehr heraus, das Persönliche birgt nichts Politisches mehr. Lediglich in der komischen Darstellung der Analysesitzungen hat sich Morettis rebellischer Geist ein wenig erhalten. Denn Moretti verspottet nicht nur - was billig wäre - die Analysanden. Er demontiert vielmehr auch den Analytiker. Der muß sich nämlich nicht nur im ersten Teil des Films gegen die Versuche seiner Patienten wehren, ihn ihrerseits zu analysieren, sondern auch im zweiten Teil feststellen, daß ihn das Unglück, das seine eigene Familie getroffen hat, emotional so weit aus der Bahn wirft, daß er selbst den Rat eines Analytikerkollegen braucht und die eigene therapeutische Arbeit abbrechen muß: einer, der weder sich selbst noch anderen mehr helfen kann. Das ist dann auch nicht mehr komisch, sondern eher ziemlich traurig. Vor allem aber holt es Lacans kritische Bemerkungen über die Position des Analytikers ein, nämlich daß dieser keineswegs ein Subjekt sei, das tatsächlich mehr als der Analysand weiß, sondern lediglich ein solches, dem vom Analysanden mehr Wissen unterstellt wird.

Von den aktuellen politischen Ereignissen in Italien bleibt Das Zimmer meines Sohnes dennoch meilenweit entfernt. Das bräuchte an sich kein Argument gegen den Film zu sein, der vielmehr die Goldene Palme, welche man ihm in Cannes verliehen hat, wegen seiner niemals ins Melodramatische abgleitenden, vielmehr psychologisch präzisen und mit der nötigen Distanz vorgehenden Behandlung eines äußerst schwierigen Themas durchaus verdient hat. Es wird aber dann zu einem Gegenargument, wenn einerseits die gegenwärtige politische Lage in Italien dringend der kritischen Darstellung bedarf und andererseits Moretti sich in weniger düsteren Zeiten als ein scharfzüngiger Kommentator seines Landes erwiesen hat. Dieses Ausweichen vor der politischen Verantwortung stellt dann die vermeintliche Reifung Morettis wieder infrage, und es scheint, als habe sich der Regisseur mit seinem neuen Film selbst in einen Zustand des danach, nämlich nach dem eigenen politischen Engagement, begeben. Aber natürlich war Das Zimmer meines Sohnes bereits vor den jüngsten politischen Ereignissen in Italien und anderswo fertiggestellt. Insofern besteht durchaus zu der Hoffnung Anlaß, daß es im nächsten Film wieder nicht mehr nur um tödlich ausgehende Tauchunfälle, sondern vielleicht um den Toten von Genua oder ähnliches gehen wird, falls dann die Produktion und Verbreitung solcher Filme in Italien noch möglich sein sollte.

Lars Nowak

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