The Asphyx

(R: Peter Newbrook, GB 1973)
2005-12-01

"We photograph the Dead!," antwortet Sir Hugo Cunningham (Robert Stephens), Wissenschaftler und Humanist, auf die Frage, was er und seine Kollegen hinter verschlossenen Türen wohl ablichten. Genauer gesagt: Fotografiert werden die Siechen passgenau im Moment ihres Ablebens. Man befindet sich im Jahre 1875 in Großbritannien, und die Erkundung der nunmehr industrialisierten fotografischen Technik im Hinblick auf ihre wissenschaftliche Nutzung genießt hohe Priorität. Im kleinen Zirkel werden die Bilder analysiert: Auf drei von unterschiedlichen Fotografen und mit unterschiedlichen Apparaten gewonnenen Bildern findet sich ein undeutlich bleibender Fleck, der die im Sterben begriffenen Portraitierten umgibt.

Die These, es handele sich um die den Körper verlassende Seele, wird schon bald verworfen, als Cunningham eine öffentliche Hinrichtung mit seiner neuesten, immerhin drei Jahre vor Muybridge entwickelten Apparatur dokumentiert, die moving pictures festzuhalten vermag. Der chemisch erzeugte Lichtstrahl lässt im Moment der Hinrichtung ein schreckliches Wesen sicht- und hörbar werden, das für die Dauer seiner Bannung im spotlight den hilflos am Galgen zappelnden Delinquenten nicht in den Tod überführen kann. Nicht etwa die Seele wird hier fotografisch fixiert, sondern die jedem Menschen zugesprochene Asphyx, der Geist des Todes, der im Moment des Ablebens in den Körper fährt. Mit Hilfe des chemisch erzeugten Lichtes, so Cunninghams Theorie, könnte die eigene Asphyx sich dauerhaft bannen und somit das ewige Leben auf Erden erreichen lassen. Es folgen teils vom Erfolg gekrönte Experimente, die dem Wissenschaftler die Unsterblichkeit zwar garantieren, ihm aber auch, wie noch jedem seiner Gleichgesinnten aus Literatur und Film, alles nehmen, was ihm einst lieb und teuer war

"Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist!", beschreibt Jules Verne in seinem 1892 publizierten Roman Das Karpathenschloß, in dem ein Aristokrat erst der Fotografie und dann der Tonaufnahme einer Opernsängerin habhaft werden muss, um ihr anschließend das Leben auszusaugen, den Zeitgeist jener Tage, "da sich das praktische und positive 19. Jahrhundert seinem Ende zuneigt". The Asphyx evoziert den Geist dieser Zeit, in der die Phantastik durch Wissenschaft formal zwar abgeschafft, zugleich aber unter neuen Bedingungen re-installiert wird, und steht dabei in der Tradition des britischen Horrorfilms, wie er durch die Produktionsgesellschaften Hammer und Amicus geprägt wurde.

Der Film verwebt verschiedene Diskurse der frühen Fotografie, unter anderem die spätestens seit William H. Mumler etablierte und bis heute auf obskuren Websites vertretene Vorstellung, dass der fotografische Apparat mehr abzubilden vermag als dem blanken Auge sichtbar ist. Im Gegensatz zu den Produktionen der etablierten Horrorstudios, die zu diesem Zeitpunkt bereits Experimente mit Genremodulen wagten, zum Teil mit der aufblühenden Softpornografie liebäugelten und nicht selten im Sediment des Trash landeten, zeigt sich The Asphyx noch um einen ernsthafteren Tonfall bemüht, der die üblichen Schwächen und kleineren logischen Widrigkeiten einer B-Movie-Produktion allerdings nicht vollkommen überspielen kann.

Thomas Groh

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