Antonio Guitare

Irgendwann in Mexico, R, B, M, Pr.: Roberto Rodriguez, Mexiko/USA 2002/2003, Bundesstart: 25.09.2003
2003-09-01

Caramba! Mit Irgendwann in Mexico bringt Roberto Rodriguez seine barocke Baller-Trilogie, deren ersten beiden Teile El Mariachi und Desperado heißen, zum dröhnenden Abschluss. Denn es kracht fast ohne Unterlass aus allen Rohren. Ladies and Gentlemen, Muchachas und Muchachos, lassen Sie uns rasch die illustre Besetzung mitsamt ihrer furchteinflößenden Bewaffnung und dramatischen Funktion vorstellen. Antonio Banderas als depressiver, legendenumwobener 'El Mariachi', eine Art fahrender Musikant, feuert am liebsten direkt aus dem Gitarrenkoffer heraus, ohne ihn vorher öffnen zu müssen. Johnny Depp als größenwahnsinniger CIA-Agent Sands arbeitet seine neue Mittelamerika-Ordnung mit Hilfe einer Armprothese aus, die ruhig neben der rechten Hand liegt, während die verborgene linke unter dem Tisch die Weichteile seines Gegenübers zu Klump schießt. Willem Dafoe als luxuriös residierender Drogenzar Barillo, der in Mexiko nach der Macht greift, lässt seinen Feinden am liebsten die Augen ausbohren. Seine Tochter (Eva Mendes) zieht die ordinäre Magnum vor. Sein Handlanger Marquez (Gerardo Vigil) delegiert das Schießen an eine gut ausgebildete Privatarmee. Sein Gringo-Handlanger Billy alias Mickey Rourke stranguliert seine Opfer stets in Begleitung seines niedlichen Hündchens. Salma Hayek als Carolina, die Braut des Mariachi, schwört den Waffen zugunsten eines Daseins als Hausfrau und Mutter ab, weshalb sie viel zu früh ins Gras beißt.

Wir befinden uns also mitnichten in einem Exilanten-Drama, auch wenn der deutsche Verleihtitel Irgendwann in Mexico zu Verwechselungen mit Caroline Links oskargekröntem Nirgendwo in Afrika Anlass gibt. Der amerikanische Originaltitel von Rodriguez' Film lässt überhaupt keinen Zweifel daran, wo's langgeht. Once upon a time in Mexico klingt eben ganz gewollt so wie zwei bis drei Titel aus Sergio Leones Amerika-Zyklus, der mit dem Italo-Western par excellence Spiel mir das Lied vom Tod oder Once upon a time in the West begann und mit der Gangstersaga Once upon a time in America endete. Womit keineswegs gesagt werden soll, dass Rodriguez einen simplen Neuaufguss etwa von Todesmelodie, dem in Mexiko spielenden Mittelteil von Leones Filmreihe, fabrizieren würde, indem er Pferde durch Cherokee-Jeeps des 21. Jahrhunderts ersetzt. Vielmehr schickt Rodriguez Leone als Mitbegründer des Italo-Westerns, dem Rodriguez mit Irgendwann in Mexico einen Nachruf aus monströs kalibrierten Waffen hinterher.

Wie oft der amerikanische Western filmisch zu Grabe getragen wurde, wird niemand zu zählen wagen. Seit den sechziger Jahren säumen Nostalgien, Bilanzen und Stillstandsreflexionen den Ritt in den Sonnenuntergang. Ein Teil davon fand im Italo-Western statt. Aber wer geleitet nun das Bastardwesen aus Cinécitta heim, nachdem es still verschieden ist ? Roberto Rodriguez. Er treibt die teuflischen Formalismen und Leitmotive, die die Hassliebe zum Italo-Western erzeugen, mit dem Beelzebub aus. Ein entschiedener Tritt aufs Gaspedal bewahrt vor Gesichtsfeldtotalen und Zeitlupenaufnahmen von hämoglobinverspritzenden, fallenden Körpern. Der Manichäismus von Gut und Böse hält Wiedereinzug und entlädt sich aerodynamisch. Die Guten, sollten sie getroffen werden, sacken die Kugeln wie Sendboten göttlicher Bestrafung ein und bleiben ruhig stehen, während die Bösen von den Geschossen gegen nächstbeste Hindernisse wie Kirchenmobiliar oder Säulen im Präsidentenpalast von Mexico City geschleudert werden. Der genrenotorische Hang zu Gewalt und Absurdität wird gegen die ebenfalls genrenotorische Rachephantasie und oft höchst eigennützigen Revolutionsprojekte – man denke an Rod Steigers Abenteurerporträt in Todesmelodie - ausgespielt. Nach Sands' irrem Plan soll der Mariachi den Präsidenten von Mexiko ermorden, damit Marquez im Zuge eines Umsturzes dessen Nachfolger werden kann, um dann selbst wiederum vom Mariachi aus dem Weg geräumt zu werden, der dabei Vergeltung für seine getötete Frau üben kann. Obwohl Sands Marquez' Leute auf den Mariachi hetzt, lässt sich dieser in seiner Demokratietreue nicht dazu bewegen, den Auftrag auszuführen.

Den Schießwütigen selbst kommt das Kotzen über ihre Brutalität. Die Männer, die Barillo zur Bewachung des Ex-FBI-Agenten Jorge (Rubén Blades) abstellt, verschonen ihren Gefangenen, weil sich einer von ihnen an Folterqualen erinnert, die ihn einen seiner Hoden kosteten. Aber die einzig erfolgreiche Kur liegt in der Musik. Barillos Selbstheilungsversuch scheitert an seinen fürs Piano ungeeigneten Mörderpfoten. Der Mariachi entscheidet sich für die stumm gespielte Gitarre und gegen die Knarre. Er kehrt damit die Wahl um, die der Unglücksrabe von El Mariachi trifft, Rodriguez' Erstlingsüberraschungshit. Rodriguez geht dabei mythologisch noch hinter den für ihn wie für Leone verbindlichen Johnny Guitar zurück, dessen Titelmelodie in Irgendwann in Mexico kurz anklingt. Auf einem Detail aus Nicholas Rays Johnny Guitar beruht die Story von Spiel mir das Lied vom Tod. Während Orpheus in Johnny Guitar seine Eurydike nebst Colt und Song wiederfindet, bleibt ihm in El Mariachi nur der Colt. Zu Frau und Gesang findet er auch in Irgendwann in Mexico nicht, aber er zupft Sergio Leone sanft in den großen Schlaf.

Andreas Günther

Irgendwann in Mexico
Mexiko/USA 2002/2003, R, B, M, Pr.: Roberto Rodriguez, Schn.: Roberto Rodriguez, D: Antonio Banderas, Johnny Depp, Salma Hayek, Eva Mendes, Willem Dafoe, Mickey Rourke und sehr viele andere
Bundesstart: 25.09.2003; Verleih: BVI

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