23 - Nichts ist so, wie es scheint

BRD 1998, R: Hans-Christian Schmid
1999-12-01

Der Film erzählt eine der letzten Spionagegeschichten der alten Bundesrepublik. In seine Narration wird vielfältiges dokumentarisches Material eingefüttert, und der Film weist sich im Vorspann als basierend auf wahren Begebenheiten aus. Er präsentiert ein Arsenal von Fotografien und Zeitungsausschnitten um einen zeithistorischen Kontext herzustellen, in den die Erzählung dann übergleiten kann: Westdeutschland, die Ära Kohl, das Waldsterben, AKW-Demos, etc. Der Film setzt ein mit Brokdorf 1985 … und endet im Mai 1989 mit der Wiederwahl des Bundespräsidenten von Weizsäcker. In der Zwischenzeit wird die Geschichte des Hackers Karl Koch erzählt von seinem Einstieg in die Computerszene, dem Kontakt mit dem KGB, bis hin zu seinem Geständnis beim Verfassungsschutz und seinem unaufgeklärten Tod im Mai 1989.

Am Anfang sehen wir Hanns Zischler in der Rolle eines konservativen Vaters und Redakteurs der rechten Hannover’schen Rundschau. Mit Tadel blickt er auf seinen rebellierenden, politisch engagierten Sohn. Anlaß der Auseinandersetzung sind Fotografien, Pressefotos von Karl am Bauzaun in Brokdorf. – Später wird Karl Koch fasziniert von einer Verschwörungstheorie, die er in Wilsons’, Illuminatus entdeckt. Dieses Buch gelangt nach dem Tod des Vaters (wieder) in die Hände von Karl und ersetzt die Haßliebe zu dessen Autorität als fixe Idee. Die Illuminaten sind ein Geheimbund, dessen verschlüsselter Code sich durch die Zahl 23 ausdrückt. Beweise dafür finden sich plötzlich überall, z.B. werden politische Attentate am 23. eines Monats verübt, das Pentagon hat die Form eines Fünfecks, das ist die Quersumme aus 23 usw. Die fixe Idee 23 wir zwischenzeitlich zu einem Rahmen ungekannter Freiheit für Karl und der Film führt die Zuschauer in einen sanften, heiteren Wahn, wenn er überall die Spuren dieser magischen Zahl verfolgt und so das Werk der Illuminaten entziffert.

Szenenwechsel, Karl Koch ist inzwischen Mitglied einer kleinen Gruppe von sympathischen Halbweltgestalten, deren Interesse es ist, Computerdaten an den KGB nach Ost-Berlin zu verkaufen. Das Ost-Berlin der 80er Jahre kann man Ende der 90er in einem Film nicht mehr einfangen, es ist verschwunden. Ein alter S-Bahnzug mit der Aufschrift Friedrichstraße und finstere Blicke schlecht gekleideter Fahrgäste müssen den Osten ersetzen – aber das ist unwichtig. Dann tritt die heimliche Hauptfigur des Films auf. Sergej, ein fast charmanter, förmlicher KGB Agent. Er ist der Mittelsmann beim Verkauf der Computerdaten nach Moskau. Sergej wird visuell nicht als KGB Agent kenntlich, eher als Geschäftsmann. Neben einem schlichten und seriösen Äußeren wickelt er den Datentransfer völlig ideologiefrei ab und zahlt die harte Währung (alte westdeutsche Hunderter) nur gegen Quittung.

Hier formuliert sich etwas neues. Mit einem Blick aus den 90er Jahren werden uns die 80er noch einmal gezeigt. Dabei wirken die westdeutschen Bilder authentisch und nur Sergej, der Agent des KGB erhält ein ungewöhnlich gewöhnliches Aussehen, das irritiert. Die Stimme Karl Kochs begleitet diesen Blick des Films als Off-Stimme – aus dem Jenseits – denn der Film endet mit dem Tod Kochs am 23.5.89, natürlich am 23 – untermalt vom 80er Jahre Soundtrack, Ton Stein Scherben, Halt Dich an Deiner Liebe fest. Wenn man das Kino verläßt, dann fällt es leicht, den Wahn um die magische Zahl 23 weiterzuspinnen, man findet sie überall, auch nach 1989. So hat z.B. das wiedervereinigte Berlin 23 Stadtbezirke. Und das ganze Szenario der Wiedervereinigung erscheint plötzlich als Werk der Illuminaten. Schließlich ist die DDR der BRD beigetreten – nach jenem Artikel 23.

Den stärksten Eindruck aber hinterläßt Sergej. Als ich den Film zum zweiten Mal sah, entdeckte ich ihn gegen Ende des Films auch auf einem Foto. Während Karl Koch beim Verfassungsschutz ein Geständnis ablegt, folgt die Kamera überraschend nicht ihm, sondern dem graumelierten VS-Beamten auf seinem Weg zu Cognacflasche auf dem Wandschrank seines Büros. Dort stehen unter einer großen braunen Maske auch einige Fotografien, die den Beamten während besonderer Ereignisse mit anderen Männern zeigen. Darunter befindet sich auch eine eher unscheinbare Szene, drei Männer in Tenniskleidung schauen in eine Kamera, und die Kamera des Films fährt auf dieses Foto zu. Neben dem VS-Beamten erkennt man in der Mitte auch Sergej. Und über ihm schwebt kein Heiligenschein sondern eine helle flache Pyramide, die im Verlauf des Films neben der magischen Zahl als Erkennungszeichen der Illuminaten ausgewiesen wurde. Jetzt kann man sich fragen, wie Sergej in dieses Foto gerät. Die Vermischung authentischer und fiktiver Spuren von Geheimdiensten der 80er Jahre wird hier in einer männerbündischen Idee vorgestellt, die fortbesteht. Im Spiegel dieser Fotografie erscheint die Vierergruppe der Looser um Karl Koch, die in Sergej ihr fünftes Element gefunden hatte, selbst als kleiner gescheiterter Männerbund dem Zuordnungen wie KGB oder West-Ost recht gleichgültig bleiben.

Winfried Pauleit

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